Sollten wir doch keine Tiere essen?

Habe ich mit etwa mit allem geirrt? Mein einstiges objektivistisches Weltbild ist falsch, mein antitheistisches Weltbild ist falsch. Ist meine Tierethik auch noch ein Irrtum?

Nicht ganz. Ich halte weiterhin das Konzept von „Tierrechten“ für irregeleitet. Und ich glaube weiterhin, dass Tierversuche für medizinische Zwecke unvermeidbar sind. Aber vielleicht sollten wir unseren Fleischkonsum reduzieren.

„Tierrechte“ sind absurd, aber …

Ich lehne bekanntlich „Tierrechte“ ab. Zu diesem Thema hatte ich mehrere Artikel für Novo geschrieben und einen YouTube-Vortrag gehalten. Es ist eines der Themen, mit denen ich mir einen Namen machte als unbequemer Freidenker, Krawallatheist, Oberketzer, Advocatus Diaboli und nervige Meckerziege.

Ich sollte in diesem Zusammenhang betonen, dass ich lediglich die Mainstreamposition von Philosophen und Juristen dargelegt hatte — fast alle lehnen Tierrechte ab. Das klingt nur leider gemein. Als würden sie die Misshandlung von Tieren gutheißen. Aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

YouTube-Nutzer klickten gerne auf den Dislike-Button unter dem Vortrag, was vermutlich eine Reaktion auf den Titel „Tiere haben keine Rechte!“ war, jedenfalls habe ich keine Gegenargumente in den Kommentaren vernommen. Als Durchschnittsbürger muss man offenbar „Tierrechte“ befürworten oder sollte sie nicht explizit ablehnen. Als Philosoph muss ich mit Begriffen allerdings vorsichtiger umgehen.

Ich bin aus meinen früher genannten Gründen weiterhin gegen Tierrechte, was ein bestimmtes politisch-juristisches Konzept ist. Rechte kann man vor Gericht einklagen. Eine Kuh mit Rechten müsste sich einen Anwalt besorgen und gegen ihre schlechte Haltung klagen können. Ich sage, dass Kuh mit Rechten Blödsinn ist, weil es offensichtlich Blödsinn ist. Ende der Geschichte.

Wieder tue ich, was ich predige

Geht es allerdings um die ethische Frage, ob wir Tiere essen sollten, so ist das schon ein schwierigeres Thema. Tatsächlich habe ich meine eigenen Ernährungsgewohnheiten grundlegend umgestellt. Ich esse zu Hause kein rotes und weißes Fleisch mehr, sondern nur noch Fisch. Tierprodukte wie Milch und Eier esse ich weiterhin, weil für diese prinzipiell keine Tiere leiden oder getötet werden müssten (ich weiß, dass es unter aktuellen Produktionsbedingungen anders aussieht) und weil mir sonst wichtige Nährstoffe fehlen.

Nur, wenn ich mal auswärts esse, vor allem mit anderen, halte ich mir die Option offen, Fleisch zu essen. Wir können die Nutzung von Tieren nicht völlig konsequent vermeiden. Tierprodukte sind überall drin, auch im medizinischen Bereich trifft man sie an und an allerlei Orten, wo man sie gewöhnlich nicht erwarten würde. Veganismus halte ich zudem für gesundheitlich bedenklich.

Aber wir können den Fleischkonsum reduzieren und es tendenziell stärker vermeiden, bewusst empfindenen Lebewesen Leid zuzufügen.

Tierethiker tun ihrer Sache keinen Gefallen

Woher der Sinneswandel? Ich würde wahrscheinlich schon länger kaum noch Fleisch essen, hätte ich nicht die Artikel und Bücher von Tierethikern wie Peter Singer und Tom Regan gelesen. Ihre Philosophie ist nämlich schlecht. Richtig schlecht. Hätte ich nie vom „Marginal Humans“-Argument gehört, das behinderte Menschen mit Hunden vergleicht, wäre ich für den Tierschutz viel offener gewesen.

Mit einem simplen Argument haben mich einige (ok, einige Frauen) dazu gebracht, mir die Forschung noch einmal näher anzusehen: Tiere leiden in der modernen Tierhaltung und werden für uns getötet. Wenn wir sie nicht essen, leiden zumindest weniger Tiere für uns. Wir brauchen nicht davon auszugehen, dass das Ziel der Ethik generell die Vermeidung von Leid ist (Utilitarismus) oder dass Tiere einen inhärenten Wert als „Subjekte eines Lebens“ (Tom Regan) hätten.

Nein, betrachten wir das alles ohne meine üblichen Welterklärungsansprüche. Manche Nutztiere empfinden Leid auf eine ähnliche Art wie unsere Haustiere, wie Hunde und Katzen. Wie wir nicht möchten, dass die leiden, sollten wir nicht mögen, dass vergleichbar empfindene Tiere wie Schweine und Kühe leiden.

Zumindest manche Tiere leiden und sterben für uns, obwohl wir ihr Fleisch nicht unbedingt brauchen. Wir können innerhalb unserer Möglichkeiten darauf verzichten, sie zu essen. Vielleicht sollten wir das.

Um das einzusehen, musste ich erst von der egoistischen Ethik Ayn Rands ablassen. Aus dieser Sicht gibt es keinen hinreichenden Grund, auf Fleischkonsum zu verzichten. Wobei Ayn Rand nach einem solchen Grund gesucht hat, weil sie tierlieb war.

Evolution und Rücksicht auf Tiere

Ich glaube, dass uns am Wohl von bewusst empfindenden Wesen gelegen sein sollte. Zwar gibt es trotz Evolution grundlegende und nicht nur graduelle Unterschiede zwischen Menschen und Tieren, wie insbesondere unser Vermögen, konzeptuell zu denken. Und doch können wir die fundierte These vertreten, dass höher entwickelte Tiere bewusst Leid empfinden, was aufgrund unserer gemeinsamen evolutionären Entwicklung zu vermuten ist.

Letztlich gab es drei Gründe, die mich zum Umdenken bewogen haben: 1. Die Abkehr von der Idee, wir müssten vollkommen konsequent auf den Fleischkonsum verzichten, sonst wäre dies Heuchelei. Das ist es nicht, eine graduelle Reduktion von Fleischkonsum ist ethisch völlig in Ordnung. 2. Die Abkehr von der Idee, man müsste eine der Ethiken von Tierethikern teilen. Das muss man keineswegs. Sie können sich allesamt irren und es wäre vielleicht trotzdem besser, den Fleischkonsum zu reduzieren. 3. Ein Blick auf die Forschung zur Frage, ob Tiere bewusst Leid empfinden und generell, wie weit ihr Geist entwickelt ist. Und hier habe ich mich wohl ein Stück weit geirrt.

Wer selbst empfinden möchte, was die Evolution bedeutet und wie sie alles Leben verbindet, dem empfehle ich einen Besuch des Frankfurter Senckenberg Museums. Dort gibt es eine Ausstellung über unsere Vorfahren wie etwa den Neanderthaler. Es ist ein Raum mit nachgebildeten Köpfen von „Steinzeitmenschen“. Schaut sie euch mal an. Andere Menschenarten, die Jahrtausende oder länger existierten und deren Kulturen praktisch restlos verschwunden sind. Man erkennt, wie wir uns aus unseren affenähnlichen Vorfahren entwickelt haben.

Zur Entwicklung des Bewusstseins empfehle ich dieses „In a Nutshell“-Video:

Die Forschung zum tierischen Bewusstsein müsst ihr selbst einmal recherchieren. Ich habe unter anderem einen ganzen Tag mit der Literatur zur Frage verbracht, ob Fische bewusst leiden oder nicht. Vermutlich nicht. Das wurde bislang erstaunlich wenig erforscht, aber so verstehe ich den Forschungsstand. Doch Schweine, Kühe und wohl sogar Hühner leiden offenbar schon. Wenn man etwas dagegen tun kann, ohne sich allzu sehr damit selbst zu schaden, warum nicht?

Hier noch ein Video, das einen gewissen Eindruck vom Tierleid vermittelt.