Warum ich jetzt Vegetarier bin

Ich habe mich wieder einmal grundlegend geirrt. Bislang habe ich mich im Bereich der Tierethik vor allem mit Tierrechten, der Ethik von Tierversuchen, Zirkus- und Zoohaltung sowie der logischen Konsistenz des Vegetarismus und Veganismus befasst. Aber es steht noch die Frage im Raum, ob wir Milliarden von bewusst empfindenden Tieren regelmäßig qualvoll halten und töten sollten, um sie zu essen, wenn wir das nicht müssen.

Und ich schätze, wir sollten das eigentlich nicht tun.

Woher der Sinneswandel?

Ich schätze, der konkrete, persönliche Anlass für mich, erneut über Tierethik nachzudenken, waren einige Frauen, mit denen ich über die Jahre darüber diskutiert hatte. Eine meinte, meine Essays über Tierethik wären „psychopathisch“, weil ich die ganze Zeit der eigentlichen Frage ausweiche, warum wir bewusst empfindenden Wesen Leid zufügen sollten, ohne dies tun zu müssen. Na gut, der Aspekt war eine nähere Betrachtung wert.

Das ethisch relevante Kriterium bei dieser Frage scheint mir tatsächlich zu sein, ob die Tiere ein bewusstes Empfinden besitzen oder nicht, während andere Kriterien in diesem Kontext keine vergleichbare Rolle spielen. Im Kern gebe ich dem Utilitaristen Jeremy Bentham (1748-1832) Recht, der sagte, „Die Frage ist nicht: Können sie denken? oder Können sie sprechen? Sondern: Können sie leiden?“

Mir war zuvor mein systematisches Denken in die Quere gekommen. Ich war der Meinung, ich müsste den Utilitarismus von Bentham und Peter Singer als Ganzes, als ethisches System, akzeptieren, um ihnen bei dieser Frage der Tierethik zuzustimmen. Das tue ich nicht, muss ich aber auch nicht. Oder dass ich eine Gleichsetzung von Tieren mit Menschen angemessen finden müsste („Marginal Humans“-Argument). Das tue ich nicht und das ist ebenso unnötig.

Außerdem gibt es aus der Sicht von Ayn Rands objektivistischer Ethik, wie man sich vorstellen kann, keinen Grund, Tiere nicht zu benutzen und zu essen. Auch wenn sie als Katzenliebhaberin händeringend nach Gründen gesucht hatte. Diese Ethik teile ich nicht länger.

War alles falsch, was ich zuvor gesagt habe?

Ich denke nun, dass wir bewusst empfindende Tiere wie Kühe und Schweine nicht quälen und essen sollten, wie wir Hunde und Katzen nicht quälen und essen. Es ist letztlich meine Intuition, dass es falsch ist, es erscheint mir selbst-evident falsch. Es war zuvor nicht meine Intuition, weil ich ein falsches Verständnis davon hatte, was Tiere von Menschen unterscheidet. Ayn Rand schrieb, dass Tiere die Welt nur „perzeptuell“ wahrnehmen und nicht konzeptuell. Das stimmt auch nach allem, was wir wissen. Nur hatte ich „perzeptuell“ mit „unbewusst“ verwechselt, und das stimmt nicht. Tiere reflektieren zwar nicht begrifflich über ihr Leid und viele leben nur im Augenblick, aber viele empfinden trotzdem bewusst Leid.

Und Intuition ist nicht nur in diesem Fall relevant. Ich bin generell zum ethischen Intuitionismus konvertiert. Dieser ist in Verbindung mit einer Tugendethik meine neue Ethik. Man braucht eine Ethik, um zu leben, und es ist insofern ganz praktisch, dass ich wieder eine habe. Dazu in einem separaten Beitrag mehr.

Ich bin in Deutschland bekannt (oder berüchtigt?) als einer der Philosophen, die sich eher kritisch über Tierrechte und starken Tierschutz geäußert haben. Einige meiner Ausführungen sind sogar in der Fachliteratur zur Lehrerausbildung gelandet. Was ist mit all den Dingen, die ich zuvor geschrieben und gesagt habe? Dass Tiere keine Rechte haben, dass Fische großartige Versuchstiere sind, dass man Wölfe nicht wieder in der freien Natur ansiedeln sollte, dass man Zirkustiere halten darf?

  1. Ich denke weiterhin, dass Tiere keine Rechte haben in irgendeinem Sinne, der mit Menschenrechten vergleichbar ist. Mir geht es eher um den Tierschutz als um Tierrechte. Um den Einbezug von Tieren in die Ethik, aber nicht um ihren gleichrangigen oder gleichberechtigten Einbezug.
  2. Tierversuche für medizinische Zwecke halte ich weiterhin für legitim, weil Menschen ein existenzielles Interesse daran haben.
  3. Ich halte es weiterhin für eine schlechte Idee, Wölfe wieder in freier Natur in der Nähe von menschlichen Niederlassungen anzusiedeln.
  4. Tiere sollte man nur halten, wenn es für das menschliche Wohl unbedingt nötig ist oder wenn die Tiere nicht darunter leiden. Daher ist die Haltung von Zoo- und Zirkustieren weder per se richtig noch per se falsch. Ob die Tiere unter der jeweiligen Haltung leiden, ist eine empirische Frage.

Konkrete tierethische Positionen

Genauer gesagt bin ich jetzt ein humanistischer Vegetarier. Das menschliche Wohl steht für mich noch immer im Zentrum der Ethik, das Wohl von Tieren spielt eine untergeordnete Rolle. Und doch spielt es eine gewisse Rolle. Die Implikationen des Einbezugs bewusst empfindender Tiere in die Ethik sind meiner Ansicht nach zwar nicht unerheblich, aber geringer als Tierrechtler meinen. Hier meine Auffassungen zu bestimmten konkreten tierrechtlichen Fragen:

  1. Die Haltung von pflanzenfressenden Haustieren ist in Ordnung, die von fleischfressenden Haustieren, die bewusst empfindende Tiere fressen, nicht. Es erscheint mir widersprüchlich, selbst kein Fleisch zu essen und dann dem Hund oder der Katze Fleisch zu geben, das aus grausamer Tierhhaltung stammt.
  2. Die Haltung von Blindenhunden und vergleichbare Fälle sind in Ordnung, weil die Tierhaltung für das menschliche Wohl nötig ist.
  3. Produkte aus bewusst empfindenden Tieren wie Leder und Felle sollte man vermeiden. Sie sind aber in Ordnung, wenn tierische Produkte nicht durch andere ersetzt werden können und das menschliche Wohl überwiegt (z.B. Tierprodukte in der Medizin).
  4. Jagen und Wild essen sind in Ordnung. Wir haben ein berechtigtes Interesse, unsere eigenen Ökosysteme zu bewahren sowie auch die natürlichen Ökosysteme. Und wenn das Wild sowieso erlegt wird, kann man es auch essen, sollte man wahrscheinlich sogar.
  5. Es ist in Ordnung, Tiere zu essen, die kein bewusstes Empfinden haben. Ich bin noch nicht vollends darüber informiert, welche Tiere konkret man essen kann. Aber die meisten, die wir heute essen, gehören nicht dazu. Es ist außerdem besser, Tiere mit einem weniger entwickelten Bewusstsein zu essen als solche mit einem weiter entwickelten Bewusstsein.
  6. Es ist in Ordnung, Laborfleisch zu essen. Wenn es zur Norm wird, können wir wie gehabt Fleisch essen, auch Vegetarier und Veganer können dann zu Fleisch greifen. Das soll schon in gut 15 Jahren so weit sein.
  7. Es ist in Ordnung, Pflanzen zu essen. Ich sehe keinen guten Grund, davon auszugehen, dass sie irgendetwas empfinden. Die Argumente dafür (Pflanzen mögen Musik, kommunizieren mit anderen Pflanzen) sind mystischer Unsinn.
  8. Wir müssen nicht in die Wildnis eingreifen, um Raubtiere davon abzuhalten, andere Tiere zu fressen (einige Tierrechtler glauben das). Wir haben keine Verantwortung dafür, was Tiere in freier Natur tun. Wir haben nur eine Verantwortung dafür, was wir mit ihnen tun, soweit wir mit ihnen in Kontakt kommen.

Da Wild essen und Tiere ohne bewusstes Empfinden essen für mich in Ordnung sind, bin ich im Grunde kein 100-prozentiger Vegetarier, das gebe ich zu. Aber das würde, soweit ich sehe, auch keinen Sinn ergeben. Und ich tue lieber Dinge, die Sinn ergeben. Nun zu einem Aspekt, über den bei mir Unklarheit besteht: Ist es grundsätzlich in Ordnung, Eier und Milch zu essen?

Das ist mir unklar, weil man Kühe und Hühner nicht offensichtlich unter qualvollen Bedingungen halten müsste, nur um Milch und Eier zu produzieren. Das wäre, soweit ich sehe, auch möglich, ohne die Tiere zu quälen und zu töten. Ich weiß, das wird aktuell kaum je so gemacht. Aber es wäre an sich machbar. Man könnte gewiss sagen: Bis sich die Haltung von Kühen und Hühnern drastisch verbessert, isst man besser keine Milch und keine Eier mehr. Andererseits: Wenn man die Nährstoffe braucht und das Gefühl hat, ohne Milch und Eier fehlt etwas, ist es besser, diese zu essen als Kühe und Hühner zu essen. In diesem Fall sollte man darauf achten, dass Milch und Eier aus möglichst artgerechter Tierhaltung stammen.

Tun, was man predigt

Wie jedes Mal tue ich also genau das, was ich predige. Erstaunlicherweise vermisse ich Fleisch bislang überhaupt nicht. Tatsächlich empfinde ich es inzwischen als unappetitlich. Ich glaube, der Trick besteht darin, dass man nicht hungern und dass man keine wichtigen Nährstoffe auslassen darf. Es sollte nicht einfach etwas wegfallen, man muss es ersetzen. Ich esse viel mehr Obst, Gemüse und Vollkornprodukte als früher. Meine Nahrung ist insgesamt hochwertiger und gesünder geworden, da fällt der Verzicht auf Fleisch nicht so sehr ins Gewicht.

Ich denke, ich konnte die berechtigten Argumente von Fleisch-Befürwortern einbeziehen und Positionen entwickeln, die sowohl das Wohl des Menschen als auch das Wohl von bewusst empfindenden Tieren im Blick haben. Völlig konsistent ist das alles vermutlich nicht. Aber immer noch besser als alle mir bekannten Tierethiken.

Ergänzung: Tiere mit einfachem vs. komplexem Bewusstsein

Ich denke, man sollte eher Tiere mit einem einfachen Bewusstsein essen wie Muscheln und Krustentiere als solche mit einem komplexen Bewusstsein wie Hühner, Kühe und Schweine. Es ist leider in den Wissenschaften ungeklärt, welche Tiere welchen Grad an Bewusstsein haben. Es gibt Theorien, dass alle Wirbeltiere ein Bewusstsein haben oder nur Landwirbeltiere, auch Fische und so weiter. Wer es vermeidet, höher entwickelte Säugetiere und Vögel wie Hühner, Kühe und Schweine zu essen, tut bereits viel Gutes.

Ich halte es für klar, dass es schlimmer ist, Tiere mit höher entwickeltem Bewusstsein zu essen als solche mit niedriger entwickeltem Bewusstsein. Ebenso ist es besser, Tierprodukte wie Milch und Eier zu essen als die Tiere selbst. Mehr zur Forschung und Philosophie des tierischen Bewusstseins: Standford Encyclopedia of Philosophy: Animal Consciousness.

Ergänzung: Antwort auf Kritik

Meine Argumentation für den Vegetarismus soll redundant sein, weil der Mensch mit der Nahrung zugeführtes L-Carnitin braucht, das nur in Fleisch hinreichend vorhanden sein soll.

Na ja. Nö. L-Carnitin ist auch in Pilzen, Milch und Käse in größeren Mengen vorhanden, die ich weiterhin esse. Außerdem in Wildfleisch, was ich für ethisch vertretbar halte (ihr wisst, dass in meinem Artikel Text steht, den man lesen sollte, bevor man ihn kritisiert?), auch wenn ich kein Wild esse in der Regel. Ich bin Vegetarier und kein Veganer. Letztere müssen einige Nährstoffe in Form von Nahrungsergänzungsmitteln zuführen.

Müssten wir tatsächlich Tiere essen aus gesundheitlichen Gründen, dann sollten wir es tun, soweit stimme ich zu. Meines Wissens müssen wir das nicht.

Da ich früher selbst für das Fleisch essen argumentiert habe — und das auf philosophischem Niveau —, sind mir die Argumente bekannt und ich habe sie in meinem Blogeintrag beachtet. Ich hoffe, Fleischverteidiger können mehr als meine Argumente für den Vegetarismus einfach zu ignorieren.

Weitere Kritik: Der Mensch sei 1. Allesfresser, 2. habe historisch schon immer Fleisch gegessen, 3. unser Gehirn sei erst durch Fleisch so groß geworden. Ja, meines Wissens alles richtig — und alles irrelevant. Wir müssen heute kein Fleisch mehr essen, weil uns Nahrung aller Art im Überfluss zur Verfügung steht, mit dem wir Fleisch ersetzen können. War nicht immer so. Ist jetzt aber so. Also tun wir das doch glatt.