Vegetarismus: Antwort auf die wichtigsten Einwände

Ich warte noch sehnsüchtig auf eine Replik auf meinen Vegetarier-Beitrag. Bislang gab es nur Fantasien darüber, was ich vielleicht geschrieben haben könnte, was Vegetarier normal angeblich so behaupten, gute Antworten auf erfundene Thesen, aber es gab keine Repliken auf das, was ich tatsächlich geschrieben habe.

Also hier einige Repliken auf super lahme Standardargumente gegen Vegetarismus, die ich vernehmen durfte:

  1. Menschen sind Allesfresser.

Stimmt. Sie können Fleisch und Pflanzen essen, aber sie müssen kein Fleisch essen (ggf. vielleicht Tierprodukte oder einige darin enthaltene Nährstoffe). Sehr schön.

2. Menschen haben schon immer Fleisch gegessen. Sogar in der Steinzeit schon.

Stimmt. Die meisten Menschen haben die meiste Zeit Fleisch gegessen. Müssen sie aber heute nicht.

3. Unser Gehirn ist erst durch Fleischkonsum so groß geworden.

Stimmt vielleicht — oder durch das Kochen von Speisen. Doch da wir heute Zugriff auf alle möglichen Speisen in rauen Mengen haben, können wir alle wichtigen Nährstoffe aufnehmen, auch für unser Gehirn, ohne Fleisch essen zu müssen.

4. Vegetarier und Veganer sind Psychos

Einige Studien zeigen vermehrt psychische Probleme wie Depression bei Vegetariern und Veganern. Die Kausalität ist unklar. Vielleicht finden wir es nur deprimierend, wie schlecht eure Argumente sind. Oder dass Vegetarier und Veganer häufig veralbert werden und mit Vorurteilen kämpfen müssen von irgendwelchen Idioten.

5. Tierversuche notwendig, Blindenhunde, Zoos für Artenschutz, Eskimos etc.

Weiß ich alles. Steht in meinem Beitrag drin. Das menschliche Wohl geht vor, Tierversuche für medizinische Zwecke, Blindenhunde, Tierhaltung für Artenschutz und ähnliches finde ich völlig in Ordnung. Und wenn jemand Tiere essen muss, um zu überleben, dann soll er halt Tiere essen. Aber im reichen Westen müssen wir das eben nicht und sollten es nicht.

6. Wenn du auch Tierprodukte isst und sogar Wildfleisch ok findest, inwiefern bist du Vegetarier?

Ich esse kein rotes und weißes Fleisch und keinen Fisch. Das ist eine ganz erhebliche Umstellung für jemanden, der das ein Leben lang getan hatte. Ich bin „Ovo-Lakto-Vegetarier“, weil ich Milch und Eier esse. Wildfleisch finde ich ethisch legitim, weil Wild zum Erhalt von Ökosystemen erlegt werden muss, und dann kann man es auch essen. In der Regel esse ich aber selbst kein Wild, das ist eher ein theoretisches Zugeständnis.

7. Warum sollte das bewusste Empfinden das entscheidende Kriterium sein, um ein Tier nicht zu quälen?

Weil ein Tier ohne Bewusstsein nur wie eine Maschine auf Reize reagiert. Was soll es bedeuten, unbewusst zu leiden? Es gibt wahrscheinlich sehr viele Tiere mit einem Bewusstsein, vielleicht fast alle Wirbeltiere und obendrein noch einige weitere wie Tintenfische. Das hat erst die jüngere Forschung aufgezeigt, ihr seid insofern entschuldigt. So, jetzt nicht mehr. Tiere mit rudimentärem Bewusstsein sind allerdings weniger schützenswert als jene mit höherem, außerdem dürfen wir Tiere (und übrigens Menschen) bekämpfen, die unser Leben und unsere Gesundheit existenziell bedrohen.

8. Die Natur ist eben grausam, Tiere fressen auch andere Tiere

Stimmt. Aber wir müssen uns daran nicht beteiligen, weil wir einen freien Willen haben.

9. Um Tierleid zu vermeiden, müssten wir Wildpolizist spielen

Um alles Tierleid auf der Welt zu vermeiden, theoretisch ja. Aber das halte ich nicht für unsere Aufgabe. Tierethik spielt erst eine Rolle, wo wir mit Tieren interagieren.

10. In deinem Smartphone sind tierische Bestandteile enthalten

Und nicht nur darin. Die Flüssigkristalle von sämtlichen LCD-Bildschirmen enthalten tierisches Cholesterin. Außerdem sind in zahlreichen weiteren Produkten tierische Bestandteile enthalten. Die meisten nutzen allerdings Tierprodukte (Casein aus Milch, Bienenwachs) oder Bestandteile von Tieren mit rudimentärem oder keinem Bewusstsein wie Schildläuse (Schellack in Wandfarben). Gelatine lässt sich zumindest größtenteils ersetzen, in der Medizin sind tierische Produkte teils unersetzbar – dann ist das eben so, denn das menschliche Wohl geht im Zweifelsfall vor. In erster Linie gibt es bislang keine Motivation, auf Produkte aus Tieren zu verzichten, also sucht man nicht nach Alternativen oder verwendet bestehende Alternativen nicht. Nun, sollte man halt machen.

Ich kann nicht völlig konsistent sein, weil unsere Produktionsweisen so sind, wie sie sind. Aber ich kann dazu beitragen, das Leid bewusst empfindender Lebewesen zu vermindern. Warum sollte ich das nicht tun?

11. Vegetarismus ist ein snobisches Großstadt-Hipster-Ding

Es gibt Leute, die sich aus Gründen kultureller Zugehörigkeit für Vegetarismus, Veganismus entscheiden. Und es gibt Leute, die sich aus ethischer Überzeugung dazu entscheiden. Und es gibt mich, der alles aus philosophischen Gründen tut inklusive Atmen.

12. Vegetarismus ist nur was für Wohlhabende

Nein, finanziell kostet eine vegetarische Ernährung nicht mehr als eine herkömmliche.

13. Was ist mit Schädlingen, Bakterien, Raubtieren, etc.?

Können wir töten, wenn sie uns bedrohen. Wir können auch Menschen töten, wenn eine Notwehrsituation es erfordert. Wahrscheinlich sollten wir eine ganze Menge Menschen töten wie eine Reihe an Terroristen und Diktatoren, welche die Welt gerade unsicher machen.

14. Vegetarier sind inkonsequent

Viele Vegetarier und Veganer sind inkonsequent, das zeigen verschiedene Studien auf. Ich bin für meinen eisernen Willen berüchtigt, wenn ich von etwas überzeugt bin. Schließlich habe ich den Objektivismus bis zur Selbstzerstörung durchgezogen und mich erst durch rationale Gegenargumente davon abbringen lassen. Allerdings bin ich ein humanistischer Vegetarier, der das menschliche Wohl höher gewichtet als das tierische. Bevor ich mich kaputtmache, würde ich Fleisch essen. Halte ich aber für unnötig. Im Zweifelsfall hilft es, dass ich Wildfleisch für ethisch legitim erachte.

15. Du machst das nur für Frauen

Nein, einige Diskussionen mit Frauen über das Thema haben mich motiviert, einen näheren Blick auf die wissenschaftliche Forschung bezüglich des tierischen Bewusstseins zu werfen sowie die philosophische Tierethik erneut zu besuchen. Und die haben mich überzeugt. Ich habe keine vegetarischen oder veganen Freundinnen. Und wenn, würde ich ihre Meinung ignorieren, sofern ihre Argumente nichts taugen. Ihr seht, wie beliebt ich bei Frauen sein dürfte. Alleine schon, weil ich offenbar mit meinen Dates über Philosophie diskutiere.

16. Du machst das nur wegen Philosophie

Stimmt. Ich finde es intuitiv falsch, bewusst empfindenden Lebewesen unnötigerweise Leid zuzufügen. Dass sehr viele Lebewesen ein Bewusstsein zu haben scheinen, ist eine vordergründig wissenschaftliche Erkenntnis neuerer Forschung. Mike Huemer war einer der Philosophen, die mich von der Tierschutzethik überzeugt haben. Ich bin auch über die Kritik an Ayn Rands Philosophie auf das Thema gestoßen. Hier eine Diskussion zwischen den beiden Rand-Kritikern Ari Armstrong und Mike Huemer über Tierethik:

17. Fleisch schmeckt gut

Ich hätte gerne Sklaven, aber wäre halt unethisch.

18. Viel Kultur ist mit Fleisch verbunden, internationale Küche etc.

Bewusst empfindenden Lebewesen unnötig Leid zufügen ist unethisch, das ist viel wichtiger. Ja, es ist schade um die kulturelle Vielfalt von Fleischgerichten, vermutlich lässt sie sich durch Laborfleisch eines Tages wiederbeleben.

19. Deine Tierethik ist nicht universalisierbar

Doch, da sie auf der menschlichen Intuition beruht, dass es falsch ist, bewusst empfindenden Lebewesen unnötig Leid zuzufügen. Die meisten Tierethiken wie Peter Singers Präferenzutilitarismus taugen m.E. nichts und sind nicht universalisierbar. Aber meine schon.

20. Wir haben größere Probleme als Tierethik

Wir können verschiedene Probleme zugleich lösen. Eine Reduktion von Tierkonsum hilft auch gegen die Klimaerwärmung, eine weitere große Herausforderung.