Reduktio! Was soll das alles bedeuten?

Mein Gehirn ist geröstet. Ein paar Tage oder Jahrzehnte Rehaklinik klingen nach einem guten Anfang, um meinen Geist zu erholen. Nach meinem Abschied von Ayn Rands Philosophie „Objektivismus“ sind einige ältere, teils noch grundlegendere Teile meine Weltbilds weggebrochen. Weil ich aktiv nach Widerlegungen gesucht und sie gefunden habe. Kommt davon. Zum Glück konnte ich manche ersetzen, weil mich gute Argumente verschiedener Denker zu neuen Auffassungen geführt haben.

Trotzdem: Ich glaube nicht, dass allzu oft jemand in so kurzer Zeit sein Weltbild so grundlegend verändert hat. Zumindest nicht auf rein philosophischer Grundlage. Es ist auch ein einschneidendes Erlebnis, wenn sich herausstellt, dass die Ehefrau jahrelang fremdgegangen ist. Bei mir hat sich sozusagen die Ehefrau als Außerirdische erwiesen. Und er ist jahrelang fremdgegangen. Mit meiner Lieblingskatze.

Nun sollte ich näher erklären, was es mit diesen neuen Überzeugungen auf sich hat. Was bedeutet all das, was ich in „Dafür stehe ich“ geschrieben habe?

A-Priori-Wissen: Wissen, das nicht auf Erfahrung gründet. Wissen, an das wir ausschließlich mit unserem Vernunftvermögen gelangen.

Ich war vorher, wie Objektivisten generell, ein Empirist. Ich glaubte also, dass sämtliches Wissen auf Erfahrung beruht. Unsere Vernunft wäre aus dieser Sicht dazu da, das durch Introspektion, Sinneseindrücke und Erinnerungen gewonnene Wissen widerspruchsfrei auszuwerten. Wir gelangen demnach aber nicht durch pure Vernunft an irgendein Wissen.

Nun denke ich, dass wir das eben doch tun. Die reine Vernunft ist eines unserer vier Erkenntnisinstrumente neben Introspektion, Sinneseindrücken und Erinnerungen. Sie führt, wie unsere Sinneseindrücke, zu direktem Wissen. Bitte was?

Reine Vernunft: Das Wissen der reinen Vernunft ist Wissen, bei dem sowohl Subjekt als auch Prädikat Allgemeinbegriffe (Universalien) sind.

Dazu zählen: Logik (z.B. A = A), Mathematik (z.B. 1 + 1 = 2) und Ethik (z.B. „Unschuldige Menschen töten ist falsch“)

Philosophische Axiome: Axiome bezeichnen spezifische Konzepte, deren Leugnung selbstwidersprüchlich wäre. Drei sehr grundlegende philosophische Axiome sind die metaphysischen Axiome Existenz (Existenz existiert), Identität (A = A) und Bewusstsein (Etwas ist jemandem bewusst), die eine wichtige Rolle in Ayn Rands Philosophie spielen. Es ist unmöglich, ohne Selbstwidersprüche zu leugnen, dass es etwas gibt, dass dieses Etwas etwas Bestimmtes ist und dass wir das wissen. Aber es gibt nichts! Dann gibt es dich auch nicht, und doch hast du gerade gesagt, dass es nichts gibt. Und so weiter.

Ayn Rand über die metaphysischen Axiome:

“Ein axiomatisches Konzept ist die Identifikation einer grundlegenden Tatsache der Realität, die nicht analysiert, d.h. in andere Tatsachen oder Bestandteile aufgebrochen werden kann. Es ist in allen Tatsachen und in allem Wissen implizit.”

“Da sich axiomatische Konzepte auf Tatsachen der Realität beziehen und keine Angelegenheit des ‘Glaubens’ sind oder von der beliebigen Wahl des Menschen, gibt es eine Möglichkeit, um sich zu vergewissern, ob ein bestimmtes Konzept axiomatisch ist oder nicht: Man vergewissert sich, indem man die Tatsache beobachtet, dass man einem axiomatischen Konzept nicht ausweichen kann, dass es implizit in allem Wissen ist, dass es sogar bei jedem Versuch, es zu widerlegen, vorausgesetzt werden muss.”

Nur sehr wenige Konzepte sind implizit in allem Wissen. Axiome haben also nichts mit Dogmen zu tun. Man kann damit keine Heilslehre beweisen, es sind äußerst allgemeine und grundlegende Konzepte.

Intuitive Ethik: Wir gelangen durch reine Vernunft an grundlegende ethische Erkenntnisse, Ethik ist im Kern A-Priori-Wissen. Das löst das Problem mit der Sein-Sollen-Dichotomie – ethische Wahrheiten werden nicht aus Beobachtungen gefolgert. Wir müssen Sollen nicht aus dem Sein ableiten. Konkreter beruht Ethik auf selbst-evidenten Prinzipien, die wir intuitiv erfahren, wie „Unschuldige Menschen töten ist falsch“ oder „Es ist falsch, bewusst empfindenden Lebewesen unnötig Leid zuzufügen“ (also zum Beispiel Tiere zu quälen).

Ich hatte bislang solche Intuitionen als bloße Behauptungen abgetan. Warum sollte es falsch sein, unschuldige Menschen zu töten? Darauf habe ich versucht, Antworten zu geben wie „Weil sie Menschenrechte haben“ oder auch „Weil wir nicht in einer Gesellschaft leben könnten, in der wir so etwas tun dürften“. Am Ende ist es wohl einfach selbst-evident falsch und es gibt keine weitere Erklärung.

Ich hatte die Leugnung von A-Priori-Wissen bei einem Besuch im Konzentrationslager Dachau bereits als Schüler auf die Spitze getrieben. Ein Beispiel dafür, dass ich alles bis zur absolut letzten Konsequenz durchdenke – und manchmal richtig dumm dabei aussehe.

Nazis waren damals nicht der Meinung, dass es falsch wäre, alle Juden zu ermorden. Sie fanden das offenbar ethisch gut. Man muss also Neonazis logisch überzeugen, dass es falsch ist, alle Juden zu ermorden. Dass es falsch wäre, sei bloß eine These, die es zu beweisen gilt, und ich verwies als Beweis auf allgemeine Menschenrechte (nur um das klar zu machen: Ich hielt es für falsch und barbarisch, Juden zu ermorden. Es ging um die Frage, wie das am besten zu begründen sei). So etwas kommt notwendig dabei heraus, wenn man die Existenz von A-Priori-Wissen im Bereich der Ethik bestreitet, was ich schon in den Jahren vor meiner Bekehrung zum Objektivismus tat. Jetzt wirkt es auf mich tatsächlich ein Stück weit irre, seinen Intuitionen bis zu diesem Grad zu misstrauen. Aber es ist auf einen philosophischen Irrtum zurückzuführen.

Tatsächlich hat mir eine Dame erst vor ein paar Jahren vorgeworfen, dass ich ein totaler Psychopath sei, wenn ich solche Intuitionen logisch hinterfrage und sie als bloße Thesen verstünde, die zu beweisen wären. Ich habe ihre Aussage wiederum als bloße These verstanden, die zu beweisen wäre. Der Vorteil war immerhin, dass ich der Sache nachgegangen bin. Und jetzt bin ich Intuitionist. Also mit anderen Worten ist es eine gute Sache, wenn euch eure Dates für Psychopathen halten.

Gibt es doch einen Gott?

Ich habe auch geschrieben, dass ich in der Gottesfrage nun Agnostiker sei. Ich bin kein Agnostiker bezüglich der Frage, ob es den christlichen, muslimischen, jüdischen Gott gibt, die griechischen Gottheiten und so weiter. Hier bin ich weiterhin Atheist. Es könnte jedoch einen deistischen bis minimal-theistischen Gott geben oder genauer: Wir könnten rein philosophisch vielleicht so etwas aufzeigen, der real existierende Gott hätte sicher zusätzliche Eigenschaften als jene, die wir philosophisch beweisen könnten.

Konkreter könnte es einen Gott im Sinne eines sehr mächtigen Geistwesens geben, welches das Universum erschaffen hat (das klingt für mich noch immer komplett irre!). Er ist entweder nicht allmächtig oder er ist nicht allgut. Das löst das Theodizee-Problem. Wie Lactantius (215 – 317 n. Chr.) es formulierte (es geht wohl auf einen skeptischen Philosophen zurück):

Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht: Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft, Oder er kann es und will es nicht: Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist, Oder er will es nicht und kann es nicht: Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott, Oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt: Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?

Nun, vielleicht ist Gott tatsächlich nicht in der Lage, die Übel zu beseitigen. Vielleicht ist er zwar sehr mächtig, da er das Universum erschuf, aber nicht allmächtig. Oder er ist nicht allgut und unterlässt es darum. Aber: Es gibt vielleicht einen Gott. Er ist nur nicht der übliche westliche Gott mit den Attributen wie Allmacht und Allgüte.

Wie komme ich nun darauf? Ich befasste mich bekanntlich die letzten Jahre mit christlicher Apologetik, um die absolut stärksten Argumente für Gottes Existenz aufzutreiben. Es ist eine Tugend unter Philosophen (und leider nur unter uns), „Steelmanning“ zu betreiben, also die Argumentation des Gegners so überzeugend wie möglich darzustellen, bevor man gegen sie argumentiert. Am kosmologischen Kalam-Argument von William Lane Craig – der Mann ist ein guter Philosoph, wenn auch absurderweise zugleich ein Evangelikaler – hatte ich mir die Zähne ausgebissen, aber es gibt einige gute Repliken darauf.

Und dann kam das Argument, auf das ich keine guten Repliken gefunden habe und keine guten Repliken entwickeln konnte: Das Fine-Tuning-Argument. Von daher müsste ich vielleicht weitergehen und sagen: Gut, es gibt einen Gott, denn das Argument ist schlüssig. Aber ich bin noch nicht soweit, ich suche weiterhin nach Gegenargumenten. Doch ja, vielleicht muss ich das irgendwann.

Die Naturkonstanten des Universums sind so eingestellt, dass ein Universum entstanden ist, auf dem sich Leben entwickeln konnte. Das ist astronomisch unwahrscheinlich. Aber es ist so. Und das erfordert eine Erklärung. Aus verschiedenen superkomplexen Gründen ist ein Gott offenbar wirlich die beste Erklärung für die Feinabstimmung der Naturkonstanten.

Ich habe wie ein Besessener nach Gegenargumenten gesucht, die Dinge hin und her gewendet. Irgendwann habe ich schweißgebadet damit aufgehört und dachte nur noch: Ihr wollt mich doch verarschen! Das kann nicht sein!

Wer sich ernsthaft mit dem Fine-Tuning-Argument befassen möchte, dem empfehle ich dieses hervorragende philosophische Buch zum Thema: Jason Waller: Cosmological Fine-Tuning Arguments: What (if Anything) Should We Infer from the Fine-Tuning of Our Universe for Life? (Routledge Studies in the Philosophy of Religion)

Dieses Buch ist keine Apologetik, sondern reine Philosophie von einem Philosophieprofessor mit naturalistischem Hintergrund. Ihm fällt nach einer sorgfältigen Analyse keine bessere Lösung ein als ein minimal-theistischer Gott. Vielleicht entdeckt ihr ja einen Fehler in seiner Argumentation. Ich habe keine entscheidenden Fehler entdeckt (seine Viele-Welten-Modellierung ist zweifelhaft, aber das war es).

Ich war bislang der atheistischste Atheist, den man sich vorstellen kann. In meiner Kindheit dachte ich schon, dass Gottesdienste absurd sind, die Rituale angsteinflößend und lächerlich, ich hatte richtige Furcht vor erwachsenen Menschen, die sich so dämlich verhalten. Ich habe nie an Gott geglaubt. Ich dachte, die spinnen alle komplett. Nun, tun sie nicht, es gibt doch einige rationale Argumente für Gottes Existenz, wenn mich auch die konkreten Offenbarungsreligionen nicht überzeugen.

Ein für mich unglaublicher, gewaltiger Gedanke!

Und nächstes Mal erkläre ich, wie ich darauf komme, dass es eine Art von Seele geben muss (was nicht heißt, dass sie nach dem Tod weiterexistiert).