Ist der Mainstream jetzt gut?

Ich weiß, ich habe in der Vergangenheit über unseren kulturellen Mainstream gelästert. Vor allem über die „woke“ Identitätspolitik. Und im letzten Beitrag steht, man soll wissenschaftliche Mainstream-Literatur lesen. Was ist da los?

Ganz einfach: Der wissenschaftliche Mainstream oder Konsens ist etwas völlig anderes als der kulturell-ideologische. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die wissenschaftliche Fachliteratur und bis zu einem gewissen Grad die populärwissenschaftliche Literatur unseren aktuellen Kenntnisstand zutreffend wiedergibt.

Der kulturell-ideologische Mainstream bezeichnet das, was die meisten Leute gerade in unserer Kultur glauben oder zu glauben vorgeben, um dazuzugehören. In der Regel ist das ein Sammelsurium von Mythen, Halbwahrheiten und stark verallgemeinerten Wahrheiten. Auch ethisch betrachtet ist diese dominante Ideologie, wie ich sie spöttisch in Anlehnung an den Marxismus genannt habe, sehr inkonsistent und ändert sich manchmal in Sekunden.

Mein wandelndes Verhältnis zum Mainstream

Zum Beispiel sage ich seit Jahrzehnten dasselbe: Diktaturen sind unsere Feinde und wie unser Umgang mit ihnen auch aussieht, wir sollten das realisieren. Ich habe auch den Handel mit Diktaturen abgelehnt und militärische Einsätze gegen Diktaturen und Tyrannen wie Taliban, IS und Saddam Hussein befürwortet. Jetzt mit dem Ukraine-Krieg ist diese Haltung auf einmal „seriös“ geworden und viel mehr Menschen sehen das so. Ja, wir konnten Russland doch nicht trauen und der Handel hat das Land doch nicht zu einer freien Demokratie gemacht. Ach ne! Und auf einmal bin ich Mainstream.

Das Umgekehrte hat es auch gegeben: Ich war sehr auf radikale Tierrechtler und ihre irren Forderungen fokussiert und habe dabei die größeren Zusammenhänge aus den Augen verloren. Nämlich: Das Tierwohl ist ethisch relevant und jetzt bin ich sogar Vegetarier. Da habe ich mich auf den kulturellen Mainstream zubewegt.

Das gilt auch tendenziell für die Maßnahmen gegen den Klimawandel. Ich hatte mal in einem Artikel (Die Elite des Nichts) Atomkraft sowie Solar- und Windkraft polemisch gegeneinander ausgespielt. Vermutlich, weil das die Novo-Linie ist und ich das nicht zu Ende gedacht hatte. Aber das ist eigentlich Quatsch, alle CO2-armen Technologien sind legitim. Ich vertrete nun konsequenter den wissenschaftlichen Mainstream in dieser Sache. Der ist allerdings nicht dasselbe wie unser kultureller Mainstream, der Atomkraft ablehnt (wobei Umfragen nahelegen, das sich das ändert).

Um das zusammenzufassen: Der wissenschaftliche Mainstream oder Konsens ist eine wichtige und legitime Orientierung, um Erkenntnisse über die Wirklichkeit zu gewinnen. Der kulturelle Mainstream dient der sozialen Orientierung, damit man eine gemeinsame Diskussionsbasis hat. Man weiß ungefähr, was die Leute so glauben. Was sie glauben, kann stimmen oder Quatsch sein, oft sind es Halbwahrheiten.

Ethische und politische Vorgaben macht der wissenschaftliche Mainstream nicht und der kulturelle schlecht (wenn es um durchdachte Auffassungen geht), hier müssen wir unsere eigenen Positionen entwickeln. Zu diesem Zweck ist es gut, einen gewissen Überblick über philosophische Positionen und den zeitgenössischen philosophischen Mainstream zu haben, damit man die Welt nicht zu einseitig wahrnimmt und beurteilt. Man sollte konkrete Positionen wie meine eigentlich nur lesen vor dem Hintergrund, dass man sich mit den Grundlagen auskennt.

Also lest gerne mal ein paar Einführungsbücher über Philosophie allgemein und Ethik spezifisch. Und vergleicht sie mit dem, was ich sage. Ich gebe hier meist vordergründig meine Auffassungen wider und fasse nicht immer alle Positionen zu einem Thema zusammen. Weil Feuerbringer nun einmal mein privater Blog ist und das ist es, was die Leute auf privaten Blogs schreiben.