Was ist unsere Verantwortung als Konsument?

Man kann kein Hemd mehr kaufen, ohne an Kinderarbeit zu denken. Schweine leiden in der Massentierhaltung für das Bratwurstbrötchen und für den Anbau von Kaffee und Schokolade verdienen Bauern nur ein paar Euro pro Tag. Aus tausend Fairness- und Nachhaltigkeitssiegeln wird keiner mehr schlau. Was sollen wir überhaupt machen?

Individuelle Verantwortung

„Die Welt ist ein Jammertal, also warum sollte ich der einzig Gute in ihr sein?“, fragt die kantische Philosophin Bettina Stangneth in ihrem Buch „Böses Denken“. Und gibt die Antwort: „Weil ich aufhören sollte, alles immer mit allem verbinden zu wollen und von den großen Machenschaften zu raunen, nur um mich und die Welt von dem abzulenken, was ich sehr wohl beurteilen, sehr wohl wissen und sehr wohl ändern kann. Der Einwand, dass das aber nicht zum Weltretten reicht, ist schlicht kein Argument, sondern eine kluge Erkenntnis, die aber nichts an dem moralischen Gesetz ändert, das uns auffordert, wenigstens das zu tun, was man tun kann, und zu helfen, wo es geht.“ (S. 228-9)

Es gibt die Tendenz, die gesamte Verantwortung als Konsumenten (wir haben natürlich auch eine als Produzenten!) von uns zu weisen, weil wir an der Komplexität der Urteilsbildung verzweifeln und kapitulieren oder es aus Bequemlichkeit gar nicht erst versuchen. Ich gebe diese Antwort: Wir sollten im Rahmen unserer Möglichkeiten ethisch konsumieren (und produzieren). Ja, die habe ich von einer Kollegin geklaut, aber sie hat eben recht.

Im gefühlt snobbigen Hamburg scheint die Idee vorzuherrschen, dass einfach jeder mehr Geld für faire und nachhaltige Produkte ausgeben sollte. Aber das ist eine Vorstellung, die von einer privilegierten Position ausgeht. Wer wenig verdient und etwa obendrein eine Familie zu versorgen hat, der kann das einfach nicht. Und er wird dann so reagieren, wie viele Leute tatsächlich reagieren: Er wird diejenigen, die das von ihm verlangen, als überprivilegierte Großstadt-Hipster-Snob-Hippies einteilen (nicht ganz zu Unrecht) und aus Trotz noch extra billiges Fleisch und super unfairen Kaffee kaufen (ganz zu Unrecht).

Wir sollten uns auf dem Niveau über ethisch guten Konsum informieren, das für uns zugänglich und verständlich ist. Wir sollten nach bestem Gewissen Produkte auswählen, ohne uns finanziell dafür zu übernehmen und ohne, dass wir zu wenig tun.

Nützlich ist die Formulierung einfacher Prinzipien für den Alltag. Wer nicht bei jedem Stück Fleisch, etwa auch in der Gastronomie, nachforschen kann, ob es von anständig gehaltenen Tieren kommt (und das kommt es praktisch nie), der kann sich dafür entscheiden, vegetarisch zu leben. Das vereinfacht diese Sache schon einmal. Für Milch und Eier hat man irgendwann brauchbare Siegel und Marken gefunden, wobei es aktuell nicht ohne Kompromisse geht.

Nahrung & CO2-Ausstoß

Was ist mit dem Klimaschutz? Sehr schwierige Kiste. Kaffee hat eine mäßige CO2-Bilanz, denn es gibt keinen regional angebauten Kaffee in Europa. Aber wer darum keinen Kaffee trinkt, darf etwa auch keine Butter essen. Während Kaffee um die 100 Gramm CO2 pro Tasse produziert, sind es bei der Butter 6 Kilogramm pro Päckchen. Laut SWR-Marktcheck sind die größten Klimakiller bei der Nahrung 1. Butter, 2. Rindfleisch, 3. Käse, 4. Schweinefleich und Geflügel. Auch Schokolade und Sahne sind Klimakiller. Ich trinke zwar Kaffee, aber ich konsumiere im Alltag keines der Klimakiller-Produkte (ich könnte als Vegetarier Käse und Sahne essen, aber das mache ich höchstens, wenn ich mal auswärts esse). Insgesamt erzeugen Vegetarier 50 Prozent weniger CO2 als Fleischesser – zwei Fliegen mit einer Klappe. Veganer sparen nur wenig mehr CO2, gefährden eventuell aber ihre Gesundheit.

Textilien

Die Deutschen kaufen im Jahr 20 Kilogramm Kleidung. Das ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar. Ich kaufe neue Kleidung, wenn die alte nicht mehr passt oder kaputtgeht (und sich die Reparatur nicht lohnt). Man sollte auf jeden Fall „Fast Fashion“ vermeiden, die schnell durch das Tragen an Qualität nachlässt. Ich gebe darum schon etwas mehr Geld für Kleidung aus, wobei es hier nicht um Marken und Luxus geht, sondern um anhaltende Qualität.

Transport

Flüge haben einen enormen CO2-Ausstoß. So entstehen etwa 3 Tonnen CO2 pro Person für einen Flug auf die Malediven. Ich war noch nie in einem Passiergierflugzeug, Urlaub mache ich in Form von Tages- bis Wochenendausflügen innerhalb von Deutschland. Hier meine Instagram-Bilder davon (ja, eine Dame hat sich gewünscht, dass ich welche mache, ist nicht meine Schuld). Wer fliegt – und das hat sicher auch Vorzüge, alleine für den Kulturaustausch -, der kann das CO2 freiwillig kompensieren.

Darauf folgt der CO2-Ausstoß durch den privaten PKW. Ich habe keinen. Ich fahre Zug, ÖPNV oder Fahrrad. Ich lebe aber auch mitten in Hamburg in der Snobzone (manchmal hasse ich mich selbst dafür). Nicht jeder kann auf ein Auto verzichten. Wer ein Auto braucht, nimmt besser ein E-Auto. Es dauert nicht mehr lange, bis Benziner keinen Preisvorteil mehr haben und die Versorgung mit Ladestationen wird rapide besser.

Gebrauchtes verkaufen

Wenn ich gut erhaltene Produkte nicht mehr brauche, spende ich sie Oxfam oder verkaufe sie bei eBay Kleinanzeigen.

Weniger kaufen

Überhaupt ist eine gute Idee, nach Möglichkeit weniger zu kaufen und das weiter zu verwenden und zu reparieren, was man schon hat. Es ist eine große Ironie, dass ausgerechnet Nachhaltigkeit mit Konsum assoziiert wird, obwohl offenkundig der Nicht-Konsum am nachhaltigsten ist. Klar, das hat seine Grenzen, auch die Reparatur meiner Schuhe konnte sie nicht lange retten, irgendwann braucht man eben neue. Und Nahrung muss man sowieso kaufen.

Aber ich verwende weiterhin Waschmaschine, Kühlschrank und Geschirrspüler, die mein Vormieter vor über 6 Jahren mal gebraucht gekauft hatte. Obwohl neuere Geräte einen geringeren Energieverbrauch haben, lohnt sich die Anschaffung erst, wenn die alten kaputtgehen, auch aus nachhaltiger Sicht – denn die Produktion neuer Geräte hebt den Vorteil der Energieeinsparung bei der Verwendung mehr als auf. Bei der Neuanschaffung sollte man auf Langlebigkeit unf Energieverbrauch achten. Bei manchen Geräten kann auch ein Gebrauchtkauf Sinn erg

Verzicht als Luxus

Aber wir wollen ja auch leben. Wir können nicht nur verzichten, sonst haben wir irgendwann keine Freude mehr an der Existenz. Das stimmt grundsätzlich, und manchmal habe ich es mit dem Verzicht zweifellos übertrieben. Trotzdem muss ich auch auf die hedonistische Tretmühle hinweisen: Wir haben die Tendenz, „nach einem stark positiven oder negativen Lebensereignis relativ schnell zu einem relativ stabilen Level von Glück bzw. Glücklichsein zurückzukehren“. Es gibt nur wenig, was uns nachhaltig glücklicher machen kann, etwa eine glückliche Ehe, weil die Partner aufeinander aufpassen. Kinder hingegen haben den gegenteiligen Effekt. Was auch bedeutet, dass wir nicht nur auf unser eigenes Glück schauen können – denn sonst stirbt die Menschheit aus.

Wir können unser verwöhntes, egozentrisches Selbst aber gut austricksen. So hat meine neuerliche vegetarische Ernährung den Vorteil, dass sie viel gesünder ist und ich so leichter abnehmen kann. Sie ist Luxus für den Körper und mein Verlangen nach ungesundem Zucker ist stark zurückgegangen. Ich esse bewusster und weiß, was Feines in meinem Salat ist, denn ich teils sogar selbst anbaue (mit einem Smart Garden). Ich kann nicht einmal mehr einen ganzen Eisbecher essen, das ist mir heute zu viel. Man tut also nicht nur für die Mitwelt etwas Gutes, sondern auch für sich selbst.