Mama Huhn sucht ihr Brustbein

Bislang war ich ein Ovo-Lacto-Vegetarier aus ethischen Gründen. Die Position erscheint mir aber nur gerechtfertigt, soweit der Konsum von Eiern und Milch gesundheitlich notwendig ist. Wie es nach einer Diskussion mit der Albert Schweitzer Stiftung und weiteren Recherchen nun für mich aussieht, braucht man keine Eier für eine vollständige Versorgung mit allen notwendigen Nährstoffen. Also esse ich sie nicht mehr.

Ein Grund dafür liegt auch darin, dass eine Form der Tierquälerei in sämtlichen Hühner-Haltungsformen verbreitet ist, inklusive der Mobilstallhaltung. Die ist das Grausamste, was ich jemals gehört habe. Und sie verrät einiges über unser Verhältnis zu Tieren.

Alle Hühner sind auf Hochleistung gezüchtete Tiere, die in der Natur nicht vorkommen. Die Hühner in allen Haltungsformen, ob Bodenhaltung, Freiland, Bio oder Mobilstall legen um die 300 Eier im Jahr, fast jeden Tag eines. Das Bankiva-Urhuhn, von dem die Hühner in der Massentierhaltung abstammen, legte nur 30-40 Eier. Warum ist das schlimm? Verschiedene Gründe, aber diesen hier habt ihr vielleicht noch nicht gehört:

Die Mehrheit der Hühner leiden an einem gebrochenen Brustbein und häufig an weiteren Knochenbrüchen. Und das unabhängig von der Haltungsform, wie mehrere Studien zeigten. Der Grund: Die Hühner brauchen so viel Kalzium für die Produktion der 300 Eier jährlich, dass sie nicht mehr genügend für ihre eigenen Knochen haben. Die sind daher dünn und brüchig.

Das Problem war nach Abschaffung der Käfighaltung besonders deutlich geworden. In den Käfigen konnten sich die Hühner nämlich kaum bewegen und sich daher auch kaum anstoßen und sich ihre dünnen Knochen brechen. Jetzt genügt der Platz, damit sie sich die Knochen brechen können.

„Brustbeinschäden kommen bei Legehennen extrem häufig vor. Bis zu 97 Prozent der Hennen einer Herde haben ein gebrochenes Brustbein.“

Beryl Eusemann, Veterinärmedizinerin in Deutschlandfunk Nova

Wir benutzen Hühner als Eierlegemaschinen. Es sind aber Lebewesen, die bewusst Schmerz empfinden. Sie leiden darunter, wenn sie ihr natürliches Verhalten nicht ausleben können. Und sie leiden darunter, dass wir sie so gezüchtet haben, dass sie unnatürlich viele Eier legen müssen.

Vielleicht wäre das Verzehren von Eiern von Zweinutzungshühnern vertretbar, die weniger Eier legen und besser gehalten werden. Aber die sind selten und nur an wenigen Orten verfügbar, in Hamburg gibt es offenbar keine. Bis sich das ändert, verzichte ich auf Eier.

Ein Huhn und Reben tun nichts vergeben

Aber wie komme ich nun darauf, dass der Verzicht auf Eier gesundheitlich kein Problem ist? Nun, Eier sind sehr gesund, sofern man nicht zu viele isst, denn sie enthalten viele wichtige Nährstoffe. Diese Nährstoffe lassen sich jedoch alle durch pflanzliche Nahrung und Milch(produkte) ersetzen. Bei Milch achte ich sehr auf Tierschutz. Nur durch pflanzliche Nahrung ließen sie sich nicht ersetzen, denn die enthält kein biologisch verwertbares Vitamin B12.

Veganer haben ein bis zwei größere Herausforderungen. Die größte ist die Versorgung mit Vitamin B12, hier kommen sie um Nahrungsergänzungsmittel nicht herum. Ich informiere mich noch darüber, wie gut die vom Körper aufgenommen werden, denn die Schäden durch Vitamin-B12-Mangel sind irreparabel. Herausforderung 2 sind die Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA), die in fettem Fisch vorkommen. Die Albert Schweitzer Stiftung (eine der qualifiziertesten deutschen Tierwohlorganisationen) meinte zu mir:

Zwar lässt sich die Omega-3-Fettsäure namens Alpha-Linolsäure durch pflanzliche Lebensmittel aufnehmen, aber nicht diejenigen, die ich erwähnt hatte: EPA und DHA. Unser Körper kann sie in geringen Mengen aus Alpha-Linolsäure bilden. Die Frage ist, ob diese Menge ausreicht. Schätze, ich werde es herausfinden.

Ich habe die letzten Wochen gerade so genügend Vitamin B12 zu mir genommen – je nachdem, wen man fragt, denn die empfohlenen Mengen weichen je nach Ernährungsorganisation ab. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat einige Beispielrechnungen durchgeführt, wie man an die von ihr empfohlenen 4,0 μg Vitamin B12 kommen könnte. Zum Beispiel: 1 Ei, 150 Gramm Milch, 150 Gramm Joghurt und zwei Portionen Camembert – an einem Tag. Das ist ganz schön viel. Ein Ei enthält 1,14 μg Vitamin B12 und somit mehr als Milch (0,6 μg), aber weniger als bestimmte Käsesorten wie Camembert (1,86 μg). Mit anderen Worten muss ich mehr Käse essen, zudem ist meine Margarine mit Vitamin B12 angereichert.

Das klingt jetzt vielleicht, als wäre ethischer Vegetarismus eine Wissenschaft für sich und wer etwas falsch macht, muss dran glauben, aber meine Ernährung war vorher eigentlich viel ungesünder. Jetzt ernähre ich mich bewusster und entdecke die große Vielfalt pflanzlicher Nahrung, die mir vorher unbekannt war. Es gibt eine Unmenge Früchte, Gemüse, Salat und Hülsenfrüchte.

Klara Gluck liebt ihre Knochen

Eier sind in allerlei ungesunden Dingen drin wie Kuchen und Mayonnaise. Übrigens sind in solchen verarbeiteten Produkten häufig Eier von Hühnern aus Käfighaltung enthalten, die es im Ausland noch gibt und die importiert werden. Die Hersteller müssen auf den Verpackungen nicht angeben, woher die Eier kommen, also nehmen sie die billigsten. In Deutschland ist Käfighaltung verboten, aber nicht die Verarbeitung von ausländischen Eiern von Hühnern aus Käfighaltung. Diese Regelung sollte man offensichtlich ändern. Ich denke darüber nach, der Albert Schweitzer Stiftung Geld zu spenden, aber bin noch nicht überzeugt, dass ihre Förderung des Veganismus und ihr Ziel, die Massentierhaltung ganz abzuschaffen, die besten Wege sind. Einige Tiere brauchen wir auch für legitime Zwecke wie die medizinische Forschung.

Die Leute bilden sich heute viel ein über das hohe Niveau der Moral, das wir im Westen erklommen haben möchten. Bücher wie jene von Steven Pinker (die Historiker für Unfug halten) legen nahe, dass wir immer moralischer werden.

Wir haben Hühner erschaffen, die so viele Eier legen, dass sie nicht mehr genügend Baumaterial für ihre eigenen Knochen haben. Das ist uns aufgefallen, nachdem wir ihnen gestatteten, sich ein paar Zentimenter zu bewegen, bevor wie sie töten. Wir nutzen jedes letzte Schlupfloch, um maximal gequälte Hühner aus ausländischer Käfighaltung auszubeuten, um die letzten paar Cent zu sparen.

Klara Gluck liebt vielleicht Eier, aber noch viel mehr liebt sie ihre Knochen. Uns liebt sie bestimmt nicht.