Die vegane Snobkultur

Unter großer Selbstaufopferung aus ethischer Überzeugung das Richtige tun. Allen Widerständen, allem Unglauben und Spott zum Trotz sein Kreuz tragen. So müsste der Verzicht auf Fleisch und Tierprodukte eigentlich aussehen. Für mich fühlt er sich auch so an. Ich war die letzten Tage völlig kaputt und erschöpft, bis ich gestern abend erstmals Nahrungsergänzungsmittel für Vegetarier eingenommen habe. Jetzt geht’s mir super. Mich für meine Überzeugungen kaputtzumachen ist eben mein Ding. Und nicht zu wissen, wie man sich gut ernährt.

Aber viele „Veganer“ scheinen ihre Ernährung gar nicht als Selbstverzicht wahrzunehmen. Was ist da los?

Ist exotisches Gemüse veganer als normales Gemüse?

Sie kaufen edel präsentierte hochverarbeitete vegane Fertigprodukte, die ungesund und obendrauf überteuert sind. Sie essen in teuren veganen Restaurants, wo es aus Salat und Gemüse gebastelte Burger und Kuchen gibt (ja, da war ich auch schon) und sie schwören auf exotisches Zeug wie Süßkartoffeln statt Pommes, Kokos-Sauce, Dinkel statt Weizen, „Belugalinsen“ und „Berglinsen“ statt normale Arbeiter-Linsen! Leute, es ist nichts „Veganeres“ an Dinkel im Vergleich zu Weizen!

Heute habe ich einen „vegetarischen“ Gemüseteller für 12,90 Euro gegessen und auf ein „veganes“ Gericht für 15,90 Euro verzichtet. Soweit ich es sagen kann, war nichts „Vegetarisches“ an dem Gemüseteller, er enthielt keinerlei Tierprodukte, auch keine Soße mit Milch oder ähnliches. Nur war es eben normales Gemüse wie Möhren, Blumenkohl, Champignons. Das vegane Gericht enthielt „Tomaten-Kokos-Sauce“, Dinkel, Belugalinsen, Süßkartoffel und all sowas. Mit einer rein veganen Produktionsweise hatte die unterschiedliche Bezeichnung sicher nichts zu tun, biozyklisch-veganer Anbau ist extrem selten.

Beide Gerichte sind technisch betrachtet vegan, denn sie enthalten kein Fleisch und keine Tierprodukte. Das „vegane“ Gericht setzte nur auf das übliche exotische Posh-Zeug, das „vegetarische“ Gericht hingegen auf normales Gemüse für die Arbeiterklasse-Pflanzenfresser.

Vegane Lifestyle-Dudes

Von meiner unkultivierten Warte aus betrachtet steht „vegan“ in unserer Kultur keineswegs für eine sehr herausfordernde, aus ethischen Erwägungen gefolgerte Ernährungsweise. „Vegan“ ist vielmehr eines der Aushängeschilder der herrschenden Klasse. Ehrlich gesagt kann ich mir absolut nicht vorstellen, dass allzu viele Besucher veganer Restaurants und Konsumenten veganer Speisen wirklich vegan leben. Das würde ja bedeuten, dass sie etwas Verantwortungsvolles tun. Dabei sieht man nicht aus wie ein hipper Lifestyle-Dude mit ungewöhnlich viel Geld.

Sogar Vegetarismus ist gesundheitlich ganz schön gefährlich, wie mir nun selbst aufgefallen war. Es ist eine erhebliche Arbeit, pflanzliche Nahrungsmittel und Tierprodukte so zusammenzustellen, dass sie Fleisch ersetzen können, und ohne Nahrungsergänzungsmittel geht es trotzdem nicht. Vielleicht war mein Verzicht auf Eier zu viel und Milch alleine war nicht mehr genug.

Viele Veganer sind wahrscheinlich keine

Im Sinne einer ausgewogenen Ernährung sollte man kein Veganer sein, das ist völlig klar. Es ist eine ethische Wahl. Ich kaufe es den ultra hippen und jungen Durchschnittsveganern einfach nicht ab. Wahrscheinlich haben sie eine geheime Wurst in jeder Jackentasche. Und das ist kein grundloser Verdacht. Vor vielen Jahren hatte ich von Untersuchungen berichtet, die Heuchelei nahelegen:

Eine Umfrage von Times/CNN aus dem Jahr 2002 unter 10 000 Amerikanern ergab, dass sich sechs Prozent der befragten Individuen für Vegetarier ausgaben. Als sie jedoch gefragt wurden, was sie in den letzten 24 Stunden gegessen hatten, stellte sich heraus, dass 60% der angeblichen Vegetarier rotes Fleisch, Geflügel oder Fisch am Tag zuvor konsumiert hatten.

Für eine Umfrage der amerikanischen Landwirtschaftsbehörde wurden 13 313 Amerikaner telefonisch befragt, ob sie Vegetarier seien. Drei Prozent stimmten dem zu. Eine Woche später wurden die selben Amerikaner erneut befragt, was sie am Tag zuvor gegessen hatten. 66% der „Vegetarier“ hatten am Vortag Fleisch konsumiert.

Wie mir der Psychologe Rolf Degen schrieb: „Und dann kenne ich privat Leute, die in der Öffentlichkeit strunzen, wie sehr ihnen das Leid der Tiere am Herzen liegt und dann gedankenlos zur nächsten Currywurstbude pilgern.“

Unsere Gesundheit und Tierwohl ernst nehmen

Veganismus ist sehr riskant. Diese Stoffe gibt es in Pflanzen nicht:

  • Kreatin (kann der Körper selbst synthetisieren aus pflanzlichen Stoffen + Vitamin B12)
  • Carnosin (kann der Körper selbst synthetisieren)
  • Taurin (kann der Körper selbst synthetisieren)
  • Häme (kann der Körper selbst synthetisieren)
  • Die Omega-3-Säuren EPA und DHA (kann der Körper in geringen Mengen aus Alpha-Linolensäure synthetisieren. Scheint noch unklar zu sein, ob das genügt)
  • Kalzium lässt sich zwar durch Pflanzen in ausreichender Menge aufnehmen, aber Veganer bleiben häufig unter den Empfehlungen.
  • Vitamin B12 (müssen Veganer durch Ergänzungsmittel aufnehmen)
  • Vitamin D3 (größtenteils durch Sonneneinstrahlung synthetisierbar, aber im Winter haben Fleischesser viel mehr im Blut als Veganer)

Die Stoffe, die der Körper selbst synthetisieren kann, schafft er nicht unbedingt immer in ausreichenden Mengen. Die Lifestyle-Veganer sollen alle darüber perfekt informiert sein und ihre Ernährung besser für ihren Bedarf abstimmen, als mir das als Vegetarier gelingt? Ich hege Zweifel. Respekt, wer das auf sich nimmt. Aber seid überaus vorsichtig, denn einige Folgen von Mangelernährung sind unumkehrbar.

Ich habe nicht vor, Veganer zu werden. Ich bleibe Lacto-Vegetarier. Wahrscheinlich wäre zusätzlich sogar Fischkonsum gesundheitlich sinnvoll, wenn ich schon merke, dass ich Nahrungsergänzungsmittel brauche und oft zu erschöpft zum Trainieren bin. Ich werde darüber berichten, wozu ich mich entscheide. Es ist wohl leider eine Abwägung nötig zwischen Tierwohl und den Erfordernissen der eigenen Gesundheit.

Ja, wir sollten unsere Verantwortung für das Tierwohl ernstnehmen, aber sollten uns dafür nicht selbst schaden. Und wir sollten ehrlich darüber sein, ob wir vegan oder vegetarisch leben. Auch wenn ihr eure Blödheit nicht in einem öffentlichen Blog ausstellen müsst wie ich meine. Sowohl Tierwohl als auch unsere Gesundheit sind ernsthafte Themen und ungeeignet für irgendeinen poshen Lifestyle-Unsinn.