Revisionistischer Intuitionismus versus radikaler Skeptizismus

Hamburg Deich Wilhelmsburg (Foto: Andreas Müller)

Im Kern bemühe ich mich um die Lösung von zwei großen Herausforderungen: 1. Eine Antwort auf metaethische Fragen zu finden (warum sollen wir überhaupt ethisch handeln? Was ist die Grundlage der Ethik?), 2. dabei Dogmatismus, Nihilismus und Relativismus zu vermeiden. So hat mich das zum revisionistischen Intuitionismus geführt:

  1. Die vier mir bekannten logischen Alternativen zum Intuitionismus überzeugen mich nicht. Diese sind: 1. Nonkognitivismus, 2. Nihilismus, 3. Relativismus, 4. Ethischer Naturalismus.
  2. Der Intuitionismus scheint den Sein-Sollen-Fehlschluss nicht zu tangieren, da er eine Ethik nicht aus Tatsachen ableitet. Er gelangt ohne Schlussfolgerungen aus Prämissen zum Sollen. Das funktioniert auf dieselbe Art, wie wir wissen, dass 1 weniger als 2 ist.
  3. Nun könnte man als radikaler Skeptiker einen Schritt weitergehen und sagen, dass wir nicht wirklich wissen, dass 1 weniger als 2 ist, nur weil es uns nach intellektueller Erwägung so erscheint. Oder dass es falsch ist, Babys zu foltern. Nur wie viel Sinn ergibt das?
  4. Das selbst-evidente Wissen bezweifeln radikale Skeptiker, darunter die durch Reduktio-Argumente begründeten metaphysischen Axiome Existenz, Identität und Bewusstsein. Wir wüssten demnach nicht, dass überhaupt etwas existiert, inklusive uns selbst. Auch das A-Priori-Wissen, das durch reine Vernunft validiert wird, wie die Logik selbst, wäre draußen. Und damit das Münchhausen-Trilemma, das auf Logik beruht. Wir könnten nicht einmal aussagen, dass wir nichts wissen. Wir könnten aus radikal-skeptischer Sicht keine Aussagen über die Wirklichkeit treffen. Nicht nur hätten wir dann kein absolut sicheres Wissen (was ich auch denke und was übrigens Objektivisten auch denken), wir wüssten gar nichts. Entsprechend hätten wir keine Metaethik und keine Ethik, also keinen Grund überhaupt zu handeln. Wir müssten konsequenterweise das bewusste Handeln einstellen und sterben.
  5. Aufgrund der menschlichen Fehlbarkeit wissen wir dieses „Sollen“ nicht sicher. Theoretisch müssten Intuitionen letztlich die metaethische Grundlage unserer Ethik sein, jedenfalls erkenne ich aktuell keine andere Möglichkeit, welche Grundlage die Ethik sonst haben sollte. Aber welche Intuitionen objektiv sind und eine gute Grundlage für die Ethik darstellen, müssen wir durch Philosophieren herausfinden und das können wir nie sicher wissen. Ebenso müssen wir herausfinden, wie wir die intuitive Ethik in konkreten Fällen anwenden sollen. Und welche abstrakten Prinzipien sich intuitiv begründen lassen. „Revisionistisch“ bedeutet, dass wir Intuitionen gegebenenfalls verwerfen können.
  6. Der revisionistische Intuitionismus könnte mit ethischen Theorien wie Utilitarismus, Hedonismus, Tugendethik etc. grundsätzlich kompatibel sein. In diesem Fall müsste man aufzeigen, inwiefern sie mit unseren Intuitionen übereinstimmen. Bekanntlich überzeugt mich eine intuitionistisch begründete Tugendethik am ehesten.
  7. Ich sehe den revisionistischen Intuitionismus als eine Theorie an. Vielleicht ist er eine gute Antwort auf die Frage nach der Objektivität von Ethik, vielleicht nicht.
  8. Ich weiß, dass sich die Frage auftut, warum uns Intuitionen einen Weg zu einer objektiven Ethik weisen sollten, aber darauf gibt es gute Antworten. Auf das Thema werde ich noch näher eingehen.

Ich bin absolut offen dafür, dass der revisionistische Intuitionismus falsch sein könnte. Ich bin aber nicht offen für den radikalen Skeptizismus. Wer ausschließlich mit Zweifeln um sich wirft und den Menschen sagt, dass sie keinen Grund haben, morgens aufzustehen, der sollte sich fragen, wie produktiv es ist, was er da tut, wozu es dient und wozu es führt. Letztlich muss eine Philosophie in der Lage sein, eine praktische Ethik zu begründen, oder sie überzeugt mich nicht.