Die Welt ist seltsam

Alles geht mit rechten Dingen zu. Diese Behauptung macht den Naturalismus zu einer attraktiven geschlossenen Weltanschauung. Alles ergibt Sinn, ist geordnet und hat seinen Platz. Und wenn etwas aus der Reihe fällt, versucht man aufzuzeigen, dass es entweder nicht existiert, nicht wirklich aus der Reihe fällt oder zukünftig sicher naturalistisch erklärt werden kann. Dasselbe Prinzip gilt für alle geschlossenen Weltanschauungen: Die Welt hat so zu sein, wie wir das festgelegt haben, und wenn sie anders ist, hat sie Pech gehabt.

Ich rede nicht von Gespenstern, Hellsehen oder Lichtnahrung. Aber es gibt wirklich seltsame Dinge auf unserer Welt, die uns auch allen bekannt sind:

Bewusstsein (finden wir nicht im Gehirn), Willensfreiheit (widerspricht der Kausalität), Materie (solides Zeug besteht größtenteils aus leerem Raum), Zeit (wie kann die relativ sein?), Zahlen (wir können sie nicht beobachten, aber es gibt sie), objektive ethische Werte (daran glauben fast alle Menschen, aber woher kommen die?) und Intuitionen (wieso erscheint etwas richtig?), synthetisches A-Priori-Wissen (1 + 1 = 2 wird nicht durch unsere Beobachtungen validiert, sondern durch die reine Vernunft). Es gibt auch zumindest ein gutes Argument für die Existenz eines Schöpfergottes, die Feinabstimmung der Naturkonstanten, und Gott wäre auch überaus seltsam.

Die Welt ist seltsam.

Vielleicht geht alles mit „rechten Dingen“ zu, aber diese rechten Dinge sind ganz schön merkwürdig. Umso wichtiger ist es, sich nicht zusätzliche, unfundierte seltsame Dinge auszudenken wie Gespenster und homöopathische Medizin. Wir sind bereits überwältigt von all den seltsamen Dingen, die wirklich existieren. Allerdings gilt auch, dass wir akzeptieren müssen, dass es seltsame Dinge gibt und dass wir nicht versuchen sollten, sie wegzuerklären oder auszublenden.

Und ironischerweise habe ich das in meiner antireligiösen, empiristischen Phase anders gehandhabt. Ich hatte die Willensfreiheit geleugnet, das Bewusstsein auf das Gehirn reduziert, Intuitionen als rein erfahrungsbedingte unbewusste Werturteile abgetan, A-Priori-Wissen geleugnet, Gott für eine willkürliche Behauptung gehalten, Zahlen und andere abstrakte Objekte als rein epistemisches Phänomen einsortiert. Das sind keine guten Erklärungen, vielmehr sind es Vermeidungsstrategien. Zumindest als eliminatorischer und reduktionistischer Naturalist / Materialist muss man viele Aspekte der erfahrbaren Realität einfach wegleugnen.

Ich habe geschlossene Weltbilder aufgegeben. Die Welt muss sich nicht meinen Vorurteilen fügen.