Ist Abtreibung ethisch in Ordnung?

Meine bisherige libertäre Position für die Freiheit auf Abtreibung beruhte auf Ayn Rands Argumentation. Aber diese ist falsch. Nun stellt sich wieder die Frage, was ich über Abtreibung denken soll. Hier bringe ich Rands Argumentation auf den Punkt, fasse eine gute Kritik daran zusammen und präsentiere meine aktuelle Arbeitshypothese.

Ayn Rands Argumentation für ein Recht auf Abtreibung in: Of Living Death (meine Zusammenfassung)

  1. Menschen haben Rechte.
  2. Rechte sind Existenzbedingungen, die der Mensch, das „rationale Tier“, für sein Überleben benötigt.
  3. „Menschen“ bezeichnet aktuale, biologisch unabhängige Menschen mit einem Vernunftvermögen.
  4. Ein ungeborenes Kind ist nur ein potenzieller Mensch.
  5. Ein ungeborenes Kind hat kein Vernunftvermögen.
  6. Ein ungeborenes Kind ist biologisch von der Mutter abhängig wie ihre Hautzellen oder ein Körperteil.
  7. Ein ungewolltes Kind schadet der Überlebensfähigkeit der Mutter.
  8. Mütter dürfen ihre ungeborenen Kinder töten.

Replik von Gregory R. Johnson and David Rasmussen in: Rand on Abortion. A Critique (meine Zusammenfassung)

  1. Ungeborene Kinder sind keine Teile des Mutterkörpers, sondern biologisch separate, eigenständige menschliche Organismen.
  2. Eizellen und Spermien könnte man als „potenzielle Menschen“ bezeichnen, aber keine Embryonen. Mit der Empfängnis entsteht ein genetisch eigenständiges menschliches Wesen.
  3. Dass Kinder mit der Geburt zu Menschen und Rechtsträgern werden sollten, erscheint willkürlich. Die Empfängnis ist der einzig nicht willkürliche Moment, den man wählen könnte, um potenzielle von aktualen Menschen zu unterscheiden. Also haben Kinder ab Empfängnis Rechte.
  4. Ein Embryo gehört zur Spezies Mensch oder „rationales Tier“ und entwickelt sein Vernunftvermögen unter normalen Umständen entsprechend.
  5. Würde man nur Menschen, die eine Vernunft nach Rands Vorstellungen besitzen, als Menschen ansehen, dann wären pragmatische konservative Geschäftsmänner, analytische Philosophen, naturalistische Romanautorinnen, unbekümmerte Latino-Fabrikarbeiter, Bertrand Russel und einige weitere Leute keine Menschen. Rand bezichtigt sie in ihrem Essay „The Missing Link“, auf subrationaler Ebene zu funktionieren.
  6. Rands metaethisches Fundament rund um das individuelle Überleben ist ein unbegründetes Dogma. Rechte dienen nicht dem bloßen Überleben, sondern dem guten Leben. Dazu kann die Aufzucht neuer Generationen von Menschen zählen. Mit den Pflichten, die sich daraus ergeben.

Was nun?

Wie es mir aktuell erscheint, könnte man die Frage nach der Abtreibung ungewollter Kinder am besten als Rechtskonflikt interpretieren. Als Konflikt zwischen den Rechten der Mutter und den Rechten ihres ungeborenen Kindes. Wahrscheinlich ergibt sich daraus irgendeine Kompromisslösung. Wie ein Verbot von Spätabtreibung ohne medizinische Erfordernis und vielleicht andere Einschränkungen einer vollkommenen Freiheit, ein Kind abtreiben zu lassen.

Das ist jedenfalls gerade meine Arbeitshypothese. Siehe auch die nuancierten Ausführungen von Mark Hymprys über Abtreibung.