Das „Untergrund“-Argument

Strand in Blankenese, Hamburg (Foto: Andreas Müller)

Wenn man Dinge wie Drogen und Sexkauf verbietet, gehen sie sonst in den Untergrund. Dieses Argument wird regelmäßig angeführt von „liberalen Aufgeklärten“. Aber das Argument ist unheimlich schlecht.

Ein aktuelles Beispiel ist eine Diskussion zwischen der ehemaligen Prostituierten Huschke Mau, die für das nordische Modell eintritt (Sexkauf bestrafen), und anderen Gästen wie Sascha Lobo in der NDR-Talkshow „deep und deutlich“.

Sascha Lobo erklärt Huschke Mau und der Runde, dass „relativ viele sachkundige Menschen sagen“, dass durch ein Sexkaufverbot „die ganze Sphäre in die Illegalität rutschen“ würde, spricht vom „Untergrund“ und vom „Druck auf die Frauen“, der da „noch größer“ werden würde.

Übermedien

Entweder etwas sollte illegal sein, dann sollte man es verbieten, oder es sollte nicht illegal sein, dann sollte es erlaubt bleiben.

Mehr ist zu dem Thema nicht zu sagen.

Man könnte ebenso gegen ein Mordverbot argumentieren, weil Mörder dann eben „im Untergrund“ morden, wenn sie es nicht offiziell dürfen. Oder gegen ein Diebstahlverbot, weil Diebe sonst „im Untergrund“ stehlen, wenn man es nicht erlaubt.

Ist Prostitution legal, kann die Gesellschaft einen Blick darauf haben, so die angebliche Idee, ob das alles halbwegs „ordentlich“ abläuft. Sind Mord und Diebstahl erlaubt, kann die Gesellschaft einen Blick darauf haben, ob ordentlich gemordet und gestohlen wird. Andernfalls verschwinden Mord und Diebstahl von der Bildfläche und wir wissen nicht, ob auf anständige Weise gemordet und gestohlen wird. Oder vielmehr in jenem Untergrund, auf unanständige Weise.

Das Argument ist wirklich so blöd.

Das heißt: Wenn es gute – in der Regel moralische – Gründe gibt, etwas zu verbieten, dann sollte man es auch machen. Und es ist legitim, hier nicht nur auf Individuen und ihre Verantwortung zu schauen, sondern auch auf die Gesellschaft und gemeinschaftliche Anliegen. Sofern eine Cannabis-Legalisierung unterm Strich negative Konsequenzen hat wie die Gefährdung von psychisch anfälligen Menschen bei geringem Nutzen für die Gesellschaft, dann sollte man es nicht legalisieren. Überwiegen die moralischen Gründe für eine Legalisierung, sollte man es legalisieren. Ich denke, das ist ungefähr die „normale“ Sichtweise in unserer Gesellschaft, dass sowohl individuelle Freiheit und Verantwortung wie gesellschaftliche Werte von Bedeutung sind.

Als Libertärer hatte ich die moralische Überzeugung, dass der freie Wille und die individuelle Verantwortung von höchster Bedeutung sind. Aus dieser Sicht sollten Drogen und Prostitution erlaubt sein. Für ihren Missbrauch sind allein die Beteiligten verantwortlich. Jetzt denke ich, dass eine Gesellschaft eine normative Verantwortung hat. Eine Verantwortung, den Menschen eine Orientierung vorzugeben, was individual- und sozialethisch erwünscht ist. Wenn man alles erlaubt, dann setzt man es moralisch auf eine Ebene. Sowohl Handlungen, mit denen Menschen sich und der Gesellschaft schaden wie Handlungen, mit denen sie sich und der Gesellschaft nützen, werden gleich beurteilt.

Jedenfalls tut man so. Inoffiziell schaut man doch auf Menschen herab, die Drogen nehmen und sich prostituieren (bzw. dazu genötigt werden), obwohl man beides doch genauso erlaubt wie den Arztberuf. Da man cool aussehen will bei seinen „liberal-aufgeklärten“ Großstädtern, spricht man sich für eine Hanf-Legalisierung aus und die Leute sollen natürlich ihren Körper als Pornodarsteller und Prostituierte verkaufen können. Aber wenn sie Pot rauchen und in Pornos mitspielen, stellt man sie lieber nicht ein und gibt sich besser mit anderen Menschen ab.

Mit dem Untergrund-Argument drückt man sich vor der Verantwortung, eine moralische Entscheidung zu treffen und dafür vielleicht bei der eigenen Kaste an oberflächlichen, verantwortungslosen Großstadtsnobs schlecht auszusehen. Man kann aus moralischen Gründen für oder gegen ein Verbot einer Sache sein, aber dass Leute „im Untergrund“ gegen Verbote verstoßen und dass wir deshalb gar nicht erst Dinge verbieten müssten, ist eine lächerliche, peinliche und absurde Idee.

Zum Hintergrund: Einige Frauenrechtsgruppen wie Terres de Femmes treten für ein Sexkaufverbot ein.