Der differenzierte Beitrag über Veganismus

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Die Leute lesen Artikel wahnsinnig gerne selektiv. Im Falle meiner Twitter-Diskussion mit veganen Aktivisten so selektiv, dass ihre Wahrnehmung gar nichts mehr mit dem Inhalt meiner Artikel zu tun hatte. Dabei drücke ich mich eigentlich sehr klar aus. Aber wer mit wahnhaften Vorurteilen an meine Artikel herangeht, liest trotzdem Dinge hinein.

Hier also meine tatsächlichen Auffassungen über den Veganismus und „Missverständnisse“ aus mangelndem Textverständnis oder Böswilligkeit.

Veganer und halbe Gehirne

Ich schrieb in „Die Stammeskrieg-Diskussionskultur„: „Jeder Veganer mit einem halben Gehirn würde sich nun bemühen, mir die fundierten Bedenken zu nehmen.“ Daraus machte ein veganer Diskussionsteilnehmer die Aussage, ich würde glauben, dass sämtliche Veganer nicht einmal ein halbes Gehirn hätten. So ein Unsinn.

Ich habe geschrieben, dass Veganer einem Vegetarier wie mir, der offen für den Veganismus ist, aber noch Bedenken hat, die Bedenken argumentativ nehmen sollten. Statt das zu tun, was sie tatsächlich getan haben: Meine Aussagen wiederholt zu verfälschen und mich persönlich zu beleidigen auf eine menschenverachtende Weise. Und das, obwohl ich ihre Kritik an der Massentierhaltung teile und kein Fleisch mehr esse.

Veganismus und Sektentum

Ich schrieb außerdem: „Jeder Nicht-Veganer, der die Diskussion liest, muss Veganer für eine überhebliche Sekte halten.“ Und das hat ein Veganer so verstanden, dass Veganer generell meiner Ansicht nach eine überhebliche Sekte wären. Das denke ich nicht – und das steht da auch nicht. Ich habe den Diskussionsstil der veganen Twitter-Aktivisten in einer konkreten Diskussion kommentiert. Diese spezifischen Veganer wirkten aufgrund ihres Diskussionsstils wie eine Sekte. Nicht jeder Veganer auf der ganzen Welt.

Veganer und die Snobs

Dann wäre da noch mein Artikel „Die vegane Snobkultur„. Klar, was daraus gemacht wurde: Ich wäre der Meinung, dass alle Veganer auf der Welt eine Kultur hätten, die sich als arrogante Snob-Kultur bezeichnen ließe. Das ist völliger Quatsch und wie in den anderen Fällen steht das nirgends. Der Beitrag dreht sich um einen kulturellen Trend, der vor allem in Großsstädten wie Hamburg zu beobachten ist. Der ethische Veganismus, der mir sympathisch ist, ist davon getrennt zu betrachten.

Sehr beliebt unter den Inhalts-Verfälschern war auch meine Aussage über die versteckten Würstchen: „Ich kaufe es den ultra hippen und jungen Durchschnittsveganern einfach nicht ab. Wahrscheinlich haben sie eine geheime Wurst in jeder Jackentasche.“ Für ein bestimmtes Milieu würde ich das weiterhin so unterschreiben. Man möchte dazugehören unter den hippen, jungen Besuchern veganer Restaurants, also tut man so und isst bei passender Gelegenheit wieder Fleisch. Es gibt aber auch echte Veganer, die keine Geheimwurst mit sich herumtragen. Das ist klar, ich kenne auch welche. Ich habe keinen Zweifel, dass sie wirklich Veganer sind und das aus ethischer Überzeugung tun.

Wäre ich ein Veganer (und nicht nur beinahe), dann würde ich das auch so sehen und mich noch viel mehr über die Fake-Veganer aufregen, die hier überall rumlaufen. Ich denke, dass Veganismus einerseits ein ernsthaftes moralisches Anliegen ist (das ist ich weitgehend teile) und andererseits ein „Aushängeschild der herrschenden Klasse“, also ein Distinktionsmerkmal privilegierter junger Großstädter. Beides stimmt. Beides geht gut zusammen.

Veganismus und der hohe Anspruch

Schließlich schrieb ich, dass der Veganismus zu anspruchsvoll für die breite Bevölkerung sei. Das sehe ich auch so – aber wer sich vegan ernähren kann, der handelt ethisch gut, wenn er es tut. Und ich respektiere das sehr.

Wir wissen aus der Forschung zum Thema, dass die Ernährungskompetenz der breiten Bevölkerung sehr niedrig ist. Und wir wissen, dass die Ernährungskompetenz bei jenen hoch ist, die auch sonst sehr kompetent sind und statistisch zu den besser Verdienenden gehören. Unter jenen gibt es einige, die von sich auf andere schließen. Die meinen, wenn sie sich vegan ernähren können, dann wäre dies allen Menschen möglich. Und die täten das nur aus Böswilligkeit oder Dummheit nicht.

Wenn ihr das denkt, habt ihr einfach keine Ahnung. Ihr habt den Bodenkontakt verloren. Ihr wisst nicht, wie Durchschnittsmenschen leben, denken und handeln. Was sie gelernt haben, welche Gewohnheiten sie haben. Ja, ich finde diese Haltung abgehoben.

Es stimmt, dass sich viele Menschen generell ungesund ernähren, wie ich selbst vor ein paar Jahren noch. Aber der Veganismus birgt die zusätzliche Gefahr der Mangelernährung. Wer die schönen veganen Gerichte im Internet sieht und sich entschließt, sich vegan zu ernähren, ohne sich weiter darüber zu informieren, dem droht folgendes:

Manche Menschen werden verwirrt, reizbar und leicht depressiv. Ein fortgeschrittener Vitamin-B12-Mangel kann zu Delirium, Paranoia (Gedanken, dass andere versuchen, einem Schaden anzutun) und gestörter geistiger Funktion, einschließlich Demenz, führen.

MSD Manuals: Vitamin B12-Mangel

Die Folgen eines Vitamin-B12-Mangels für das Gehirn und das Nervensystem sind unumkehrbar. Wer sich vegan ernähren möchte, muss wissen, dass er Vitamin B12 zusätzlich zuführen muss. Wer den Veganismus propagiert und darauf nicht hinweist, spielt mit der Gesundheit der Menschen.

Dazu kommt das Problem, dass Ernährung wenig erforscht ist. So ist es aktuell offenbar unklar, ob Veganer die Omega-3-Fettsäuren EHA und DPA zusätzlich als Nahrungsergänzungsmittel zuführen müssen oder nicht. Der Körper kann sie aus Alpha-Linolensäure selbst synthetisieren, aber nur in geringen Mengen. Die Forschung scheint sich noch nicht darauf geeinigt zu haben, ob bei veganer Ernährung der Körper genügend von ihnen selbst produziert.

Dann wären da noch der drohende Mangel an Kalzium, Eisen und vielen weiteren Stoffen. Ja, man kann all das als Veganer offenbar vermeiden. Eine gesunde vegane Ernährung ist laut den meisten Ernährungsfachgesellschaften möglich, sofern Vitamin B12 und Jod zusätzlich ergänzt werden und die Ernährung geplant wird. Aber man muss das alles sehr genau wissen und umsetzen.

Ich finde den Veganismus aufgrund des vermiedenen Tierleids moralisch sehr bewundernswert. Wer das alles auf sich nimmt, hat Respekt verdient. Aber wer den Veganismus von allen Menschen verlangt und ihn ohne die wichtigen Fußnoten (zerstöre nicht dein Gehirn durch Vitamin-B12-Mangel, etc.) bewirbt, handelt verantwortungslos. Man kann als Veganer also sehr verantwortungsbewusst sein und sehr verantwortungslos.

Man muss sich das mal überlegen: Auf Twitter gehen vegane Aktivisten auf alle Menschen los, die noch nicht zu 100 Prozent vegan leben. Ohne sie zu informieren und auf ihre Bedenken einzugehen. Es wird nur gehetzt. Klar kann das dazu führen, dass jemand unter Mangelernährung leidet und irreparable neurologische Schäden entwickelt. Sie nehmen gesundheitliche Schäden in Kauf. Es ist ihnen egal, ob sie Menschen zerstören.

Tierwohl und Menschenwohl müssen zusammen gedacht werden. Wenn vegane Aktivisten den Eindruck erwecken, dass diese Dinge unvereinbar sind, werden sich die Menschen für ihr eigenes Wohl entscheiden und das der Tiere nicht mehr beachten.