„Stranger Things“: Splatter ist jetzt Familienunterhaltung

Die Netflix-Horrorserie „Stranger Things“ hat den Song „Running Up That Hill“ von Kate Bush wieder populär gemacht. Er erreichte 2022 bessere Chartplatzierungen als im Jahr der Erstveröffentlichung 1985. Auf YouTube sind unzählige Coverversionen aufgetaucht. In einem Video mit über 1,4 Millionen Aufrufen erzählt der Musiker und YouTuber Rick Beato, wie seine „Frau und Kinder“ die Serie ansahen und so auf den Song gestoßen waren. Was an alldem seltsam ist? Ihr erfahrt es gleich.

Hier ist die Rolle, die der Song in der vierten Staffel der Serie spielt (mit Spoilern): Ein junges Mädchen hört ihn mit einem Walkman an, weil er einen mörderischen Psychopathen mit Psi-Kräften davon abhält, Kontrolle über ihren Geist und ihren Körper zu erlangen. Es gelingt dem Psychopathen letztlich, dem Mädchen durch seine übernatürlichen Kräfte Arme und Beine zu brechen und ihr die Augen auszustechen. Sie stirbt einen grausamen Tod und wird von einer Freundin mit Psi-Kräften wiederbelebt, aber nicht geheilt. Sie liegt am Ende mit gebrochenen Gliedmaßen und ohne Augenlicht im Krankenhaus.

Hier mein Problem: Der Kontext dieses Songs ist extrem brutal und verstörend – zugleich ist diese Horrorserie nicht nur Mainstream, sondern eine typische Familienunterhaltung unserer Zeit. Mütter mit Kindern schauen sich das an und fiebern mit der Musik mit. Wie sie früher Disney-Lieder gesungen hätten. Oder die Popsongs aus Teenie-Komödien.

Nun richtet sich „Stranger Things“ eigentlich an Leute in ihren 40ern, die damals „Tanz der Teufel“ (in der Serie verweist ein Plakat auf diesen Horrorklassiker) und die frühere Verfilmung von Stephen Kings „Es“ angesehen haben und jetzt 80er-Nostalgie genießen. In Deutschland ist sie ab 16 Jahren freigegeben, in den USA ab 14, so oder so nicht für Kinder. Ich finde, dass sie eigentlich ab 18 freigegeben sein sollte angesichts extrem brutaler Splatterszenen und äußerst grausamer Ereignisse.

Die Serie ist etwas klischeehaft, aber ansonsten sehr gut gemacht, offensichtlich sehe ich sie mir auch an. Nur: Ich bin erwachsen, wenn auch jünger als die angepeilte Zielgruppe. Und ich würde im Traum niemals auf die Idee kommen, diese äußert gewalttätige und furcheinflößende Serie mit Kindern anzuschauen. Eine Freundin von mir findet sie schon zu brutal.

Und an dieser Stelle sollten wir mal von unserer Algorithmen- und Werbung-getriebenen Internetkultur aufwachen. Und realisieren, was wir hier eigentlich machen. Eine Serie setzt erfolgreich auf 80er-Nostalgie. Kinder spielen in der Serie, genau wie in Stephen Kings „Es“, die Hauptrollen. Irgendwie, und ich weiß nicht wie, schließen die 40er-Eltern daraus, dass sie diese Serie mit ihren Kinder ansehen sollten. Und auf Twitter schreiben viele, wie sehr sie der Song ergriffen hat (vermutlich, bevor dem Mädchen die Arme und Beine gebrochen und die Augen ausgestochen wurden).

Es wirkt auf mich abartig, dass die Art von Unterhaltung, die wir als Pubertierende in unserer Splatter-Subkultur genossen, nun typische Familienunterhaltung sein sollte. Das war für uns unser eigenes „edgy“ Ding, anstößig, extremes Zeug, von dem sich Jugendliche eben in einer bestimmten Phase angezogen fühlen. Und jetzt schauen sich Vater, Mutter und Kinder an, wie Kindern auf der Mattscheibe die Arme gebrochen und die Augen ausgestochen werden, während die Familie zum klassischen Popsong mit den Füßen wippt.