Sollten Priester wirklich heiraten dürfen?

Die Forderung nach einem Ende des Zölibats gehört zu den Standardanliegen progressiver Kreise. Wie die Kirche Homosexualität für widernatürlich hält, so halten ihre progressiven Kritiker das Zölibat für widernatürlich. Die einen wie die anderen haben ein Problem damit, dass eine Gemeinschaft bestimmte Regeln für ihre Mitglieder festlegen kann. Die nicht die Regeln ihrer eigenen sind.

Auffällig: Niemand fordert, dass Nonnen heiraten dürfen. Nur Priester sollen heiraten dürfen. Nun gibt es das Gegenargument, dass Nonnen wie Mönche sich für ein asketisches Leben entschieden haben, zu dem keine Ehe passt. Allerdings könnte man ebenso sagen: Priester haben sich für ein Leben entschieden, zu dem keine Ehe passt. Weil für Priester nun einmal der Zölibat gilt wie auch für Nonnen und Mönche.

Dann heißt es, der Zölibat mache Kindesmissbrauch wahrscheinlicher. Doch kommt Kindesmissbrauch in staatlichen Institutionen gleichermaßen häufig vor wie in kirchlichen. In der Forschung gilt er als institutionelles und nicht speziell als kirchliches Problem. Und es hat nichts mit einem zölibatären Lebensstil zu tun. Sondern mit anderen Faktoren wie der Gelegenheit, ungestraft seine Macht zu missbrauchen.

Der Zölibat beruhe lediglich auf einer beliebigen Glaubenslehre, heißt es. Priester würden sich in Nachfolge Christi für das Himmelsreich für den Zölibat entscheiden, obwohl Jesus das nie von seinen Jüngern verlangt hat. Doch wurde auch die Ehe irgendwann „beliebig“ etabliert.

Sozial-evolutionäre Vorteile des Zölibats

Wie der Religionsforscher Michael Blume schreibt, könnte der Zölibat evolutionäre Gründe und Vorteile haben in Gesellschaften mit Kinderüberschuss. Zölibatäre werden zwischen Clans ausgetauscht und erfüllen kulturell-soziale Funktionen, um den Verdacht abzuwenden, jede Familie würde nur ihre Mitglieder nepotistisch begünstigen. Priester fördern vielleicht nicht die Verbreitung ihrer eigenen Gene, aber die von anderen Gemeinschaftsmitgliedern. Tätigkeiten wie „Familienwerte predigen, Streit schlichten, Arme und Kranke versorgen, Kinder unterweisen, antisoziales Verhalten ahnden“ haben Fitness-fördernde Funktionen.

Das passt zur Beobachtung, dass der Zölibat in Gesellschaften mit Kinderüberschuss positiver betrachtet wird als in Gesellschaften mit Kindermangel. Wie unserer. Vielleicht wollen die Leute, dass Priester Kinder haben, damit die Gesellschaft nicht schrumpft. Doch ebenso könnten sie das von Homosexuellen verlangen. Werden sie vielleicht auch noch.

Ist der Zölibat oder dessen Ablehnung intolerant?

Man kann die Ablehnung des Zölibats ebenso als intolerant verstehen wie die Einforderung des Zölibats. Jedenfalls, so lange die Priesterschaft mit ihren Regeln und Funktionen als solche freiwillig ist. Dann gehört es zur Priesterrolle, zolibatär zu leben, wie es zur Rolle eines Eisverkäufers gehören kann, eine Eisverkäuferuniform zu tragen und einen Eiswagen zu fahren. Jede gesellschaftliche Rolle ist mit bestimmten Pflichten verbunden.

Doch viele Priester sind insgeheim verheiratet oder haben uneheliche Kinder, heißt es. Aber spricht das gegen den Zölibat, gegen die Priester, die sich nicht daran halten, oder spricht es dafür, einen rationalen Umgang mit Priestern zu finden, die den Zölibat brechen?