Identitäre Linke: „Denkmuster von Putin übernommen“

„Die identitäre Linke hat grundlegende Denkmuster von Putin, Trump, Erdoğan & Co. übernommen“

Michael Schmidt-Salomon: „Die autoritäre Bedrohung

Die auch Woke genannte „linke“ Identitätspolitik wird zur wachsenden Gefahr für die Demokratie. Woke-Aktivisten erklären Minderheiten zu Opfergruppen, den „alten weißen Mann“ verschwörungstheoretisch zum Universaltäter, fordern Sprech- und Auftrittsverbote („No- Platforming“), zensieren Kunstwerke und Meinungsäußerungen, stellen Trans- über Frauenrechte und beschädigen Denkmäler („Canceln“). Außerdem veranstalten sie in sozialen Medien Hexenjagden und zerstören Karrieren und Leben aus den geringsten Anlässen.

Während große Teile der klassischen Linken lange Zeit wenig gegen das totalitäre Verhalten der Woke-Aktivisten unternommen haben, wendet sich seit ein paar Jahren das Blatt. Neben Demokraten aus der Mitte der Gesellschaft richten sich auch Linke immer lauter gegen die woke Ideologie. Hier zitiere und kommentiere ich ausführlich zwei beispielhafte Essays und erkläre, welches meine eigenen Probleme mit Woke sind.

„Es ist an der Zeit, (…) klar zu sagen, dass die Identitätspolitik und aller damit verwandter Unsinn, der in den letzten Jahren den Kopf erhoben hat, eine offensichtlich reaktionäre Strömung repräsentiert, die mit äußerstem Elan bekämpft werden muss.“

Internationale Marxistische Tendenz (IMT): Marxismus vs. Identitätspolitik

Ist „Woke“ wirklich links?

Wo ist „Woke“ politisch einzuordnen? Sich selbst betrachten Woke-Aktivisten als politisch links. Doch klassische Linke scheinen überhaupt nichts von „linker“ Identitätspolitik zu halten und es gibt große Widersprüche zur marxistischen Theorie. Die Publizisten Helen Pluckrose und James Lindsay meinen, Woke sei postmodernistisch, doch beruht Woke auf von Postermodernisten verschmähten „großen Erzählungen“, hier über einen bösen weißen Mann, der für alle Übel der Welt verantwortlich sei. Der Satiriker Andrew Doyle nennt Woke-Aktivisten „die neuen Puritaner“, doch religiös sind sie höchstens im übertragenen Sinne.

Revolutionäre Kommunisten wie jene von Novo/Spiked und der Internationale Marxistische Tendenz (IMT) ordnen Woke als bürgerlich-reaktionär ein, ohne dass die reaktionäre Substanz ihrer Ideen den woken Aktivisten bewusst sein muss. Ich selbst bin kein Marxist und glaube nicht an irgendeinen Klassenkampf, aber: Ich finde die marxistischen Analysen zu „Woke“ bemerkenswert ergiebig. Sie begründen, warum „Woke“ als reaktionäre Ideologie eingeordnet werden muss. Im Folgenden zitiere ich einige Passagen aus dem IMT-Essay, welche die linksradikale Kritik an der Woke-Ideologie auf eine für mich nachvollziehbare Weise auf den Punkt bringt.

Identitätspolitik allgemein

„Doch die sogenannte Identitätspolitik schadet der Sache der Frauen, Schwarzen, MigrantInnen, Indigenen und LGBT-Personen. Sie vertieft die rassistischen Spaltungen, die sie zu überbrücken vorgibt, sabotiert die Redefreiheit und macht eine vernünftige Debatte unmöglich.“

Kommentar: Interessant hier ist, dass die IMT die „linke“ Identitätspolitik grundsätzlich ablehnt. Und zwar mit der Begründung, dass sie ihren eigenen vorgeblichen Zielen schadet. Vor allem Minderheiten, die Woke angeblich schützen möchte, leiden vielmehr unter dieser Ideologie.

Feminismus

Im Essay der IMT ist von „bürgerlichen und kleinbürgerlichen Feministen“ die Rede, „die ohne Frage eine Denkschule und eine bestimmte Ideologie repräsentieren, die nicht nur dem Marxismus, sondern wesentlich auch den Interessen des Kampfes um Frauenbefreiung selbst fundamental entgegengesetzt sind.“

„Wir werden kämpfen, um die Frauenrechte zu verteidigen. Doch wir sind nicht bereit, uns der Führung bürgerlicher und kleinbürgerlicher Frauen zu unterwerfen, die unter dem Vorwand, für die Rechte „aller Frauen“ zu kämpfen, lediglich ihr eigenes Interesse verfolgen.“

„Ein Beispiel für die absurden Extreme, zu denen diese [identitätspolitischen] Ideen führen, ist der Aufruhr, der neuerdings über die Transphobie radikaler Feministinnen wie Julie Bindel, Germaine Greer und andere veranstaltet wird. Diese Feministinnen haben eine Reihe provokanter Aussagen über Transfrauen getätigt, in denen sie ihnen im Grunde genommen vorwerfen, „keine richtigen Frauen“ zu sein. Das ist ein Ausdruck der Besessenheit der Identitätspolitik davon, unbedingt definieren zu wollen, in welche Kategorie jemand gehört. Anstatt Ideen, mit denen sie nicht übereinstimmen, politisch herauszufordern, antworten außerdem beide Seiten mit Boykott, dem Verbieten von ‚Plattformen‘ für die Ideen, Protesten und Hooligan-Methoden, die Veranstaltungen verhindern und Debatten verhindern.“

„Feminismus ist, wenn eine individuelle Frau genug Geld hat, um zu machen, was sie will. Gnadenlos zerlegt Crispin dieses Feminismus-Label, das, wie sie argumentiert, darauf hinausläuft, sich von der Unterdrückung einfach freizukaufen und sie dann zu verewigen. Die patriarchale Glücksvorstellung, die davon abhängt, dass ‚sich jemand deinem Willen unterwirft‘, wird begeistert angenommen. Nach Jahrhunderten der Ausbeutung wollen Frauen jetzt selbst andere ausbeuten, glaubt Crispin.“

Kommentar: Der Feminismus wird gemeinhin als „links“ betrachtet. Liest man allerdings die marxistische Literatur, fällt auf, dass gerade einige der mitunter ältesten weiterhin aktiven Vorkämpfer für Frauenrechte den zeitgenössischen Feminismus bis hin zum ganzen Label ablehnen.

Bürgerliche Feministen nutzen demnach das Anliegen der Frauenbefreiung aus, um ihre eigene Schicht innerhalb des Kapitalismus zu fördern, also in ihrer Karriere fortzuschreiten. Was mit unterprivilegierten Frauen geschieht, kümmert sie nicht. Im Gegenteil nutzen sie die unterprivilegierten Frauen selbst aus und beteiligen sich an der Unterdrückung, so die Interpretation.

Gendern

„Die Sprache verändert und entwickelt sich und reflektiert dabei Veränderungen in der wirklichen Welt, aber offensichtlich verhält es sich nicht umgekehrt.“

„Das Gequängel über Wörter ist als Strömung typisch für Uniseminare mit Menschen, die alle Zeit der Welt haben, die sie endlosen Streitereien über nichts Bestimmtes widmen können wie Hunde, die nach ihrem eigenen Schwanz jagen.“

„Derlei Wortspiele bringen den Kampf um die Befreiung von Frauen, schwarzen Menschen, oder sonst irgendwem in keiner Weise voran. Das ist Symbolpolitik der stumpfesten und lächerlichsten Art.“

Kommentar: Das Gendern sehen zeitgenössische Feministen tendenziell als Mittel zur Gleichstellung an. Dabei übersehen sie — etwas, dass ich selbst schon kritisiert habe —, dass die meisten Frauen mit diesen akademischen Sprachkonstrukten nicht vertraut sind. Der Rat für deutsche Rechtschreibung, der die amtliche Schreibung festlegt, die in den Schulen gelehrt wird, hat das Gendern bislang nicht in seine Regeln aufgenommen. Das hat nur der private Dudenverlag, der seit 1996 nicht mehr über die amtlichen Regeln bestimmt.

Und so dient das Gendern der Ausgrenzung von potenziellen Konkurrentinnen ohne denselben Bildungshintergrund. Eine perfide Form der verdeckten Diskriminierung.

Queer Theory (Frei wählbare Geschlechter)

„Unter den unzähligen seltsamen und wundersamen Varianten der Queer Theory (wir sollten sie wirklich nicht als Theorie qualifizieren) scheint es einen gemeinsamen Nenner zu geben: Erstens präsentiert sie Gender (und sogar das biologische Geschlecht) als ein rein soziales Konstrukt, wobei alle biologischen und materiellen Aspekte geleugnet werden. Der nächste Schritt besteht darin, in der Einbildung beinahe unendliche Variationen von Geschlechtern zu kreieren, aus denen man sich dann eines frei auswählen kann.“

„Es scheint, dass die „radikalen“ Kleinbürger immer das eine oder andere brauchen, um das sie Wirbel machen können, so wie die sogenannte Queer Theory. (…) Es genügt zu sagen, dass dies ein durchwegs reaktionäres Konzept ist, das im philosophischen Idealismus seiner krudesten Form verwurzelt ist.“

„Das Geschlecht ist nicht etwas, das Menschen bewusst bestimmt oder erfunden haben. Es ist ein Produkt der Evolution. Die Idee, dass das Geschlecht künstlich vom menschlichen Willen bestimmt werden kann, ist willkürlich und philosophisch wie wissenschaftlich falsch.“

„Die grundlegende geschlechtliche Teilung besteht zwischen männlich und weiblich. Das ergibt sich auf natürliche Weise aus dem Prozess der Fortpflanzung.“

„Wir sehen die negativen Auswirkungen von Dingen dieser Art in den unschönen Spaltungen und bitteren Fehden zwischen einigen Radikalfeministen und einigen Aktivisten für Transrechte. Von solchen Entwicklungen kann man nicht sagen, dass sie auf irgendeine Weise und in irgendeiner Form dem Kampf gegen Unterdrückung helfen. Sie sind durchwegs reaktionär und müssen bekämpft werden.“

Kommentar: Meine eigene Auffassung ist, dass man einen Ausgleich zwischen Trans- und Frauenrechten finden sollte. Beide haben berechtigte Anliegen. Das biologische Geschlecht ist keine soziale Konstruktion. Es gibt aber charakterlich „weibliche“ Männer, charakterlich „männliche“ Frauen und einige wenige Intersexuelle mit Geschlechtsmerkmalen beider Geschlechter.

Intersektionalität

„Zu den Spielarten der Identitätspolitik, die das radikale Kleinbürgertum in der allerletzten Zeit beschäftigt haben, gehört das Konzept der „Intersektionalität“. Das ist nicht bloß eine geringfügige Abweichung oder Verwirrung wohlmeinender Leute, sondern eine komplett rückwärtsgewandte, reaktionäre und konterrevolutionäre Ideologie, die wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen müssen.“

„Das Problem an der Intersektionalität ist, dass sie betont, was uns trennt und nicht, was uns verbindet. Sie konzentriert sich auf die unendlichen Kombinationen verschiedener Formen der Unterdrückung und sogenannter „Privilegien“, die jede einzelne Person erleben mag, und argumentiert deshalb, wir hätten alle verschiedene Interessen.“

„Weil argumentiert wird, dass nur jene, die eine Form der Unterdrückung erlebt haben, diese verstehen und bekämpfen können, werden diejenigen, die für die Lage der Unterdrückten und marginalisierten Gruppen Mitgefühl empfinden, in eine zweitrangige Position als passive Unterstützer verbannt.“

„Wenn es stimmt, dass jeder Teil der Unterdrückten die Unterdrückung in unterschiedlicher Weise erlebt, dann kann man genauso gut sagen, dass jedes einzelne Individuum die Welt unterschiedlich erlebt und dass deshalb niemand sonst meine Probleme verstehen kann, die mein persönliches Eigentum sind. Und so führt uns dieses Argument gleich wieder zurück in den philosophischen Sumpf des subjektiven Idealismus (…).“

Kommentar: Abseits der aufgezeigten Probleme hat der Intersektionalismus einen starken Fokus auf eine Identifikation als Opfer. Dadurch werden Menschen von Akteuren zu passiven Duldern, die nicht für ihr Schicksal verantwortlich sind.

Meinungsfreiheit

„In einer steigenden Anzahl von Fällen verstecken sich Universitätsdirektionen und Studentenorganisationen hinter der „politischen Korrektheit“ und dem vorgeblichen Wunsch, auf die Befindlichkeiten gewisser Menschen einzugehen und niemanden zu verletzen, um in Wirklichkeit eine frappierende Diskriminierung und Zensur zu betreiben und gewissen Menschen das Wort zu verbieten – nicht nur Rassisten und Faschisten, sondern auch immer öfter Linken.“

„Politische Demagogen und kleinbürgerliche Fanatiker, die Argumente durch schrille Anklagen ersetzen, schreien jeden nieder, der ihre „politische Korrektheit“ in Frage zu stellen wagt. Eine hysterische Atmosphäre entsteht.“

Kommentar: Gerade unterdrückte Minderheiten haben die Meinungsfreiheit am nötigsten. Dass Woke-Aktivisten die Meinungsfreiheit einschränken, zeigt, dass sie auf Seiten der Unterdrücker stehen.

Michael Schmidt-Salomon gegen Woke

Auch Michael Schmidt-Salomon, der Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung (ich glaube, ich bin dort noch Fördermitglied), hat sich gegen Woke positioniert. Unter anderem diesem Thema widmet sich sein Essay „Die autoritäre Bedrohung“ – und mit dieser autoritären Bedrohung ist tatsächlich auch Woke gemeint. Hier einige Auszüge zum Thema „linke“ Identitätspolitik daraus.

„Tatsächlich stellt die „Internationale der Nationalisten“ eine ernsthafte Bedrohung für das Projekt der offenen Gesellschaft dar. Aufhalten ließen sich die Streiter für die „geschlossene Gesellschaft“ wohl nur durch ein breites Bündnis von Demokratinnen und Demokraten – doch dies ist momentan kaum in Sicht. Maßgeblich verantwortlich dafür sind leider (wie ich als jemand, der aus dieser Subkultur stammt, hinzufügen muss) Vertreter*innen der „Linken“, die derzeit mit einer Neuauflage des absurden Stücks „Judäische Volksfront gegen die Volksfront von Judäa“ (Monty Python) auftreten.“

„Wie die religiös-nationalistischen Despoten stellen nun auch „Linke“ Gruppenidentitäten ins Zentrum der Argumentation, untergraben die universellen Menschenrechte sowie die Selbstbestimmungsrechte des Individuums. Wie die Vertreter der politischen Rechten wettern auch sie gegen Pluralismus (da sie glauben, im Besitz der „absoluten Wahrheit“ zu sein), gegen wissenschaftliche Rationalität (die als Herrschaftsideologie des „alten, weißen Mannes“ missverstanden wird) und gegen jede Form der kulturellen Durchmischung (im linken Jargon als „kulturelle Aneignung“ gebrandmarkt).“

„“Linke“ sollten aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, bevor sie als „nützliche Idioten“ von Putin, Trump, Erdogan & Co. in die Geschichte eingehen. Jedenfalls sollten sie den Faschismus nicht befördern, den sie zu bekämpfen vorgeben. Klar ist: Die offene Gesellschaft hat inzwischen genügend Feinde – Linke, die einigermaßen bei Verstand sind, sollten nicht dazugehören, sondern an der Seite anderer Demokrat*innen gegen die autoritäre Bedrohung einstehen.“

Kommentar: Ich habe MSS lange selbst für Woke gehalten, schließlich macht die GBS beim Gendern mit und färbt die eigenen Social-Media-Profile in Regenbogenfarben. Seinem Essay gegen reaktionäre Nationalisten und reaktionäre Gläubige sowie gegen Woke stimme ich weitgehend zu. Woke-Aktivisten sind sehr offensichtlich nicht links, sondern vertreten rücksichtslos bürgerliche Interessen, wobei sie gut aussehen wollen und sich deshalb links geben.

Woke ist eine Persiflage linker Ideen durch die bürgerliche Reaktion. Als Linker würde ich mich mehr über Woke aufregen als über reaktionäre Nationalisten. Woke-Aktivisten sind eine Art rechte Trolle, die linke Anliegen untergraben.

Darum bin ich gegen Woke

Als Philosoph ist mir vor allem die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, das Canceln und No-Platforming der Woke-Aktivisten zuwider. In der Philosophie siegt das beste Argument. Ich möchte gerne das Recht behalten, dieses Argument zu hören, es gegebenenfalls zu äußern, und mit anderen Menschen darüber zu diskutieren.

Ferner geht mir die Aufteilung der Menschen in verfeindete Stämme gegen den Strich. Die Menschheit in eine „Black Community“, eine „Trans Community“, Feministen und so weiter aufzuzeilen, deren Interessen gegeneinander ausgespielt werden, erscheint mir kontraproduktiv. Für mich ist die Gleichbehandlung der Menschen selbstverständlich. Der US-amerikanische Geologe und Kriegsveteran Warren Platts hat es auf Twitter gut auf den Punkt gebracht: „Andreas ist ein Philosoph, also muss er jeden gleich behandeln — er hat keine Wahl.“ Ein Problem mit Woke sehe ich also nicht darin, dass diese Ideologie Gleichberechtigung anstrebt, sondern dass sie das genaue Gegenteil bewirkt.

Diese Twitter-Diskussion ist auch typisch für die Art von Sache, die ich als Philosoph genieße. Beteiligt waren ein Veteran der US-Navy, ein Forscher, der den Mars besiedeln will, ein ukrainisches Erotikmodel und ein Sicherheitsanalyst. Vollkommen verschiedene Menschen, teils mit völlig verschiedenen Meinungen, und wir konnten trotzdem respektvoll miteinander diskutieren, Fehler verwerfen und Erkenntnisse gewinnen. Diskussionen, wie sie mit den intoleranten Woke-Aktivisten unmöglich sind.