Der Protestantismus war der Salafismus der frühen Neuzeit

Erstmal ist die Reformation eine im Wortsinn fundamentalistische Bewegung. Heute haben die Salafisten als radikale Muslime genau dieselben Ziele, zurück zum ursprünglichen Glauben. Da fangen die Scheiterhaufen an zu flackern.

Andrej Pfeiffer-Perkuhn alias Geschichtsfenster

Endlich hat ein publikumswirksamer Publizist den historischen Protestantismus richtig eingeordnet. Seit ich für einen Vortrag über die Ketzerverfolgung im Mittelalter recherchiere, wird mir immer klarer, dass die populäre Vorstellung über Mittelalter, Ketzerverfolgung, Kirchengeschichte, Protestantismus und Aufklärung grundfalsch ist. Wir glauben Mythen, die Protestanten, Esoteriker und Antitheisten verbreitet haben.

Aberglauben, Hexenverfolgung und Ketzerverfolgung nehmen erst mit der Reformation richtig an Fahrt auf. Der Dreißigjährige Krieg zwischen Katholiken und Protestanten, obwohl er auch andere Ursachen hatte, wäre ohne die Reformation undenkbar gewesen. Protestanten waren die christlichen Fundamentalisten der frühen Neuzeit.

Es gab auch im Mittelalter schon ähnliche Protestbewegungen gegen die Kirche, sie steuerte etwa mit den Gregorianischen Reformen im 12. Jahrhundert dagegen. Der Protestantismus konnte aber nicht mehr besänftigt oder in die Kirche integriert werden. Die meisten christlichen Randgruppen hatte die Kirche historisch nicht verfolgt, sondern in die eigenen Reihen aufgenommen.

Es stimmt, dass der Protestantismus letztlich auch zur Entstehung von Freiheit und Demokratie beigetragen hat. Die waren aber nicht die ursprüngliche Intention, sondern sie sind eine Art Kompromisslösung zwischen Kirche und Protestanten, um ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Protestanten waren für ihre eigene Meinungsfreiheit eingetreten, nicht für die Meinungsfreiheit von anderen wie Atheisten. Sie hatten vielmehr selbst Andersgläubige verfolgt und in der Tendenz brutaler und rücksichtsloser als die katholische Kirche.

Übrigens handelt es sich auch um einen Mythos, dass die Kirche das Lesen der Bibel verboten hatte und den Buchdruck ablehnte. Sie hatte lediglich regional zu bestimmen Zeiten an bestimmten Orten das Lesen von unautorisierten Übersetzungen der Bibel verboten, weil diese oft fehlerhaft waren und damit irreführend (was stimmt) und manchmal sogar von Ketzern stammten. Auch das können wir ethisch verurteilen, es stimmt aber nicht, dass die Kirche „das Lesen der Bibel“ verboten hätte oder den Buchdruck abgelehnt hätte. Im Gegenteil:

Das ist so eine Vorstellung, die die Leute haben: Der Buchdruck wird erfunden und die Kirche verbietet das. Ne, tut sie nicht. Der Buchdruck wird für die Kirche erfunden. Die Gutenberg-Bibeln sind für Geistliche da und damit für die katholische Kirche.

Andrej Pfeiffer-Perkuhn alias Geschichtsfenster

Ohne die Kirche gäbe es heute vielleicht keine gedruckten Bücher. Denn für die ursprüngliche Finanzierung des Buchdrucks waren katholische Geistliche unverzichtbar, die ersten gedruckten Bücher kosteten so viel wie ein Kleinwagen heute. Während der Gegenreformation bediente sich die Kirche des Buchdrucks wie die Protestanten, nur dass Buchpressen vor allem in den Händen von Protestanten waren.

Auch in einer fairen Betrachtung ist die katholische Kirche kein Heiliger der Geschichte, aber sie ist auch nicht der große Erzschurke der Geschichte. Schaut euch gerne das Video an: