Ist kritisches Denken irrational?

Er stand in seinen Vorträgen immer für kritisches Denken ein. Das heißt: Wir sollen die zu einem Thema von allen Seiten verfügbaren Argumente und Belege sammeln und selbst auswerten. So bilden wir uns einen Gesamteindruck zum Thema. Daraus leiten wir unsere Überzeugungen ab. Irgendwann schrieb er, dass die USA am Zweiten Weltkrieg schuld waren und nicht Hitler.

Ich rechne immer damit, dass jemand von uns plötzlich durchdreht. Man erlebt es häufig in der säkular-humanistischen Skeptikerszene, dass jemand ohne Vorwarnung offenbar seinen kritischen Verstand aus dem Fenster wirft, auf einmal Querdenkerslogans verbreitet, irgendeinen kommunistischen Diktator verehrt oder nicht ständig an den Holocaust erinnert werden möchte. Trump habe die Wahl eigentlich gewonnen, „wir sollen doch skeptisch sein“, hieß es neulich in einer Diskussionsrunde.

Wir sollen zwar skeptisch sein, aber auch rational, möchte man antworten. Doch inzwischen glaube ich, dass das alles kein Zufall ist. Wer sich kritisches Denken auf die Fahne geschrieben hat, ist besonders anfällig für irrationale Überzeugungen. Und zwar darum, weil, wie der US-amerikanische Philosoph Michael Huemer argumentiert, kritisches Denken als solches irrational ist. Jedenfalls zu großen Teilen.

Das muss ich jetzt erklären.

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Michael Shermer über Verschwörungstheorien in Bremen: Nachlese

Michael Shermer ist Wissenschaftsjournalist und Gründer der US-amerikanischen Skeptics Society. Er ist wie seine Freunde Richard Dawkins und Steven Pinker ein Urgestein der modernen Aufklärung. Ich verpasse keine Folge seines großartigen Podcasts, in dem er die wichtigsten Denker unserer Zeit interviewt.

Es war schön, Shermer bei seinem Vortrag am 21. November 2022 in Bremen zu treffen und ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Etwa über unsere vergleichbare Geschichte mit dem „unwahrscheinlichsten Kult“, Ayn Rands Objektivismus.

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Nachlese zur Diskussion über Tyrannenmord an der HSU

Ich habe also meine Wohnung verlassen. Ich warne immer davor, aber manche Leute meinen, ich sollte das häufiger tun. In diesem Fall hat es dazu geführt, dass ich mich bei der Bundeswehr zwei Tage lang mit den Leuten in ihrer Bibliothek gestritten habe.

Update: Es gibt eine Videoaufzeichnung des Vortrags und der Diskussion auf YouTube:

Am 16. und 17. November war ich beim Vortrag und dem philosophischen Werkstattgespräch zum Thema „Tyrannenmord – Human? Demokratisch-legitim? Nützlich?“. Das fand in der Bibliothek der Helmut-Schmidt-Universität statt, auch bekannt als die Universität der Bundeswehr Hamburg. Das Gebäude liegt auf einem umzäunten und gesicherten Gelände, aber ich wurde zum Glück nicht erschossen, sondern eher willkommen geheißen. Es gab auch Mini-Brezeln.

Anlass war der Welttag der Philosophie 2022. Die Giordano Bruno Stiftung Hamburg gehörte mit der Philosophischen Werkstatt Hamburg zu den Veranstaltern und ich bin aktuell wieder mit der GBS unterwegs.

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Aufklärung versus „Woke“

In einigen der letzten Beiträge habe ich mich kritisch mit der linken Identitätspolitik befasst, die auch als „Woke“ bezeichnet wird. Zwar verwenden rechte Kreise Begriffe wie „Cancel Culture“ und „Woke“ als Kampfbegriffe, doch beschreiben sie auch reale Phänomene, die ebenso von linken, liberalen und aufklärerischen Kreisen kritisch betrachtet werden.

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