Nachlese zur Diskussion über Tyrannenmord an der HSU

Ich habe also meine Wohnung verlassen. Ich warne immer davor, aber manche Leute meinen, ich sollte das häufiger tun. In diesem Fall hat es dazu geführt, dass ich mich bei der Bundeswehr zwei Tage lang mit den Leuten in ihrer Bibliothek gestritten habe.

Update: Es gibt eine Videoaufzeichnung des Vortrags und der Diskussion auf YouTube:

Am 16. und 17. November war ich beim Vortrag und dem philosophischen Werkstattgespräch zum Thema „Tyrannenmord – Human? Demokratisch-legitim? Nützlich?“. Das fand in der Bibliothek der Helmut-Schmidt-Universität statt, auch bekannt als die Universität der Bundeswehr Hamburg. Das Gebäude liegt auf einem umzäunten und gesicherten Gelände, aber ich wurde zum Glück nicht erschossen, sondern eher willkommen geheißen. Es gab auch Mini-Brezeln.

Anlass war der Welttag der Philosophie 2022. Die Giordano Bruno Stiftung Hamburg gehörte mit der Philosophischen Werkstatt Hamburg zu den Veranstaltern und ich bin aktuell wieder mit der GBS unterwegs.

Ist es subjektiv, wann Tyrannenmord legitim ist?

Am 16. November hielt der Welt-Journalist und Buchautor Sven Felix Kellerhoff den Vortrag „Kampf den Tyrannen! Das Widerstandsrecht als philosophische Frage und praktisches Problem“. Ich stimme Herr Kellerhoff zu, dass Tyrannenmord legitim sein kann. Überhaupt stimme ich mit dem meisten überein, was er sagte, etwa auch damit, dass es legitim war, Saddam Hussein zu stürzen. Ich widersprach aber der Folgerung, wonach es keine objektiven Kriterien gebe, wann Tyrannenmord legitim ist, und er der individuellen Täterentscheidung obliege. Der Täter müsse den Tyrannenmord dann gegebenenfalls rechtfertigen.

Das führt meiner Ansicht nach genau zu dem, was Herr Kellerhoff berechtigterweise vermeiden wollte, nämlich dass das Ergebnis entscheidet, ob ein Tyrannenmord legitim war. Herr Kellerhoff hat sich recht ausführlich darüber aufgeregt, dass ich dies so umschrieb: Der Sieger schreibt die Geschichte. Angeblich stimme das nicht, wofür er seit vielen Jahren argumentiere, und die Leute sollten das nicht mehr sagen. Ich meinte dies eigentlich nur als Umschreibung dafür, dass ohne objektive Kriterien jeder einen Mord an einem vermeintlichen Tyrannen im Anschluss rechtfertigen könnte. Der Täter könnte sagen, es habe ja keine objektiven Kriterien gegeben und es sei seiner Entscheidung überlassen geblieben. Das erscheint mir problematisch.

Meine unglaublich konstroversen Menschenrechte

Darum ging es dann beim philosophischen Werkstattgespräch am nächsten Tag, wo die übrigen Anwesenden eine Chance erhielten, sich ebenso über mich aufzuregen. Diesmal drehte sich das Gespräch genau um die Frage, wie solche objektiven Kriterien aussehen mögen, die einen Tyrannenmord rechtfertigen könnten. Eine Frage, welche die Veranstalter ebenso für relevant erachteten. Die Diskussionsteilnehmer schienen nach meiner Wahrnehmung fast ausnahmslos eine kulturrelativistische Position einzunehmen. Auch kam mehrmals die Frage auf, was einen Tyrannen denn von einem normalen Staatsoberhaupt unterscheide, und was eigentlich eine Tyrannei von einer freiheitlichen Demokratie. Bitte was?

Wer mich kennt, mag schon erahnen, dass es mir da sofort die letzten Socken ausgezogen hat. Mein „Glaube“ an die universellen Menschenrechte und an die freiheitliche Gesellschaft ist eine der Konstanten meines Denkens. Ich hatte verschiedene Meinungen dazu, woher die Menschenrechte kommen, wie sie sich begründen lassen, und wie weit sie gefasst werden können. Aber ich war immer von den universellen Menschenrechten grundsätzlich überzeugt. Auch meine Ablehnung des Relativismus und mein „Glaube“ an eine objektive Realität, objektive Erkenntnismöglichkeit, objektive Ethik (und objektive Ästhetik) ist mir über die Jahrzehnte geblieben.

Ich meinte, dass die Menschenrechte ultimativ auf unsere gemeinsamen ethischen Intuitionen zurückgeführt werden können. Das ist etwas, was ich nicht immer schon dachte, ich vertrat auch andere Begründungen der Menschenrechte. Das rief Widerspruch hervor, denn was ist mit Kannibalismus? Er scheint ja nicht den Intuitionen der Kannibalen zu widersprechen. Doch. Ich empfehle dazu das Buch „Sick Societies“ des Anthropologen Robert B. Edgerton. Darin erfährt man, dass die Kannibalen nur widerwillig das Fleisch ihrer Feinde aßen. Edgerton teilt meine Auffassung, dass es objektive Kriterien geben muss, um dysfunktionale von funktionalen Gesellschaften zu unterscheiden.

Auch durfte ich mir anhören, dass eine von ihrem Ehemann misshandelte Frau dies als normal und richtig empfunden haben soll und nicht als Misshandlung. Also wo ist das Problem? Dass manche Russen Putin toll finden. Wie komme ich dazu, anderen Menschen vorzuschreiben, was ethisch richtig sei? Manche sind auch ohne Menschenrechte zufrieden (was sind diese Menschenrechte überhaupt nochmal?), jene imperialistische Kreation westlicher Arroganz.

Ich hatte ja an der Stelle schon keine Socken mehr, die es mir noch ausziehen konnte. Die Menschenrechte als westlicher Kulturimperialismus, meinte ich, das hatte mir eine chinesische Studentin auch mitgeteilt, nachdem das Regime ihr Gehirn von Kindesbeinen an gewaschen hatte. Aber man kann das Ganze umdrehen und viele Frauen im Iran drehen es auch um: Wie kommt ihr dazu, ihnen die Menschenrechte, Freiheit und Demokratie vorzuenthalten, wie könnt ihr so arrogant sein im Westen und euch auf die Seite der Mullahs schlagen? So sehen die das. Übrigens keine bloße Rhetorik, sondern wir kennen von der säkularen Flüchtlingshilfe Iranerinnen, ich kenne außerdem eine Kurdin. Die würden so etwas als blanken Hohn empfinden.

Wie der Moderator Jan Sikora von der GBS sagte, sei die Idee von Menschenrechten als westlicher Kulturimperialismus reine Propaganda. Stellen wir Informationsfreiheit für alle her und dann sehen wir, was davon noch übrig bleibt. So sehe ich das auch. Wer so etwas glaubt, wurde indoktriniert von einem Gewaltregime – oder er hat in den letzten Jahren eine westliche Universität besucht. Aber normale Menschen, die sich frei informieren und rational denken können, glauben so etwas eher nicht.

Unterhaltsam und besorgniserregend

Dr. Jan-Jasper Fast, der Bibliotheksdirektor, zeigte sich am Ende erfreut, dass es doch eine spannende und lebhafte Diskussion gab. Langweilig wird es mit mir nicht, das haben frühere Veranstalter auch schon festgestellt.

Ich hatte erwartet, dass die meisten Anwesenden die universellen Menschenrechte selbstverständlich akzeptierten und der Unterschied zwischen Freiheit und Tyrannei für niemanden ein unergründliches Mysterium darstellen würde. Damit hätte ich gerne richtig gelegen. Ich erfuhr von einem der Veranstalter, dass bei öffentlichen Debatten relativistische Positionen die Norm seien. Gruselig. Wahrscheinlich werde ich mich noch mit viel mehr Leuten viel öfter streiten müssen.

Als nächstes halte ich selbst einen kurzen Impulsvortrag beim gemeinsamen Stammtisch von GBS und GWUP zum Thema Klimawandel. Kann ja nichts schiefgehen!