Ist kritisches Denken irrational?

Er stand in seinen Vorträgen immer für kritisches Denken ein. Das heißt: Wir sollen die zu einem Thema von allen Seiten verfügbaren Argumente und Belege sammeln und selbst auswerten. So bilden wir uns einen Gesamteindruck zum Thema. Daraus leiten wir unsere Überzeugungen ab. Irgendwann schrieb er, dass die USA am Zweiten Weltkrieg schuld waren und nicht Hitler.

Ich rechne immer damit, dass jemand von uns plötzlich durchdreht. Man erlebt es häufig in der säkular-humanistischen Skeptikerszene, dass jemand ohne Vorwarnung offenbar seinen kritischen Verstand aus dem Fenster wirft, auf einmal Querdenkerslogans verbreitet, irgendeinen kommunistischen Diktator verehrt oder nicht ständig an den Holocaust erinnert werden möchte. Trump habe die Wahl eigentlich gewonnen, „wir sollen doch skeptisch sein“, hieß es neulich in einer Diskussionsrunde.

Wir sollen zwar skeptisch sein, aber auch rational, möchte man antworten. Doch inzwischen glaube ich, dass das alles kein Zufall ist. Wer sich kritisches Denken auf die Fahne geschrieben hat, ist besonders anfällig für irrationale Überzeugungen. Und zwar darum, weil, wie der US-amerikanische Philosoph Michael Huemer argumentiert, kritisches Denken als solches irrational ist. Jedenfalls zu großen Teilen.

Das muss ich jetzt erklären.

Wie finden wir heraus, was wir glauben sollen? Ein Ansatz ist kritisches Denken.

Was ist kritisches Denken?

  1. Kritisches Denken bedeutet, wie oben geschrieben, dass wir die zu einem Thema von allen Seiten verfügbaren Argumente und Belege sammeln und selbst auswerten. Auf diese Art bilden wir uns einen Gesamteindruck zum jeweiligen Thema. Falls wir uns einen solchen Gesamteindruck gebildet haben, leiten wir unsere Überzeugungen aus diesem ab.

Zwei alternative Erkenntnismethoden lauten wie folgt:

2. Wir akzeptieren die Schlussfolgerungen von Experten auf Grundlage ihrer Fachautorität.

3. Wir geben es auf, die Antworten zu finden. Wir bilden uns kein Urteil.

Kritisches Denken wird häufig als die beste Methode in der Skeptikerszene angesehen, und auch generell in akademischen Kreisen. Die Gesellschaft für kritische Philosophie, in der ich Mitglied bin, sieht sich „der langen Tradition kritischen Denkens verpflichtet“ (trotzdem bin ich mir sicher, dass sie der Kritik daran einiges abgewinnen können). Und der Slogan des Blogs der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), wo ich ebenso Mitglied bin, lautet: „… denken kritisch seit 1987“. Wie der US-amerikanische Philosophieprofessor Michael Huemer in seinem Paper Is Critical Thinking Epistemically Responsible argumentiert, ist kritisches Denken in den meisten Fällen nicht die beste Herangehensweise, um Wissen zu gewinnen.

Michael Shermer von der Skeptics Society sagte bei seinem Vortrag in Bremen auch etwas in dieser Richtung: Er sei nur ein normaler Typ und kenne sich mit den fachlichen Diskussionen nicht aus, er habe nicht jedes Fach studiert. Also konsultiere er seine Experten und verlasse sich auf sie. Er meinte sogar, er sei „vollständig von ihnen abhängig“. Woher soll er wissen, was die Klimaforschung besagt, wenn er kein Klimaforscher ist? Soll er die Klimaforschung bis ins letzte Detail studieren wie ein Klimaforscher, um sich nach Art des kritischen Denkens eine Meinung bilden zu können? Und jedes andere Fach?

Vor rund 13 Jahren in meiner Zeit in der Giordano Bruno Stiftung dachte ich: Unser Auftrag ist die Aufklärung. Um andere aufklären zu können, müssen wir erst einmal selbst ein enormes Wissen anhäufen. Ansonsten könnten wir uns nicht anmaßen, andere aufzuklären (bzw. zu bilden). Genau damit verbrachte ich also meine Zeit. Eine Mitschülerin meinte schließlich, ich wüsste „alles“. Die Aussage will mir nicht aus dem Kopf, weil sie das ohne eine verzogene Miene gesagt hatte. Davon war ich natürlich weit entfernt. Aber genau zu einer solchen Wahnvorstellung könnte kritisches Denken verleiten. Wenn man nur Aussagen akzeptiert, die man selbst ausführlich geprüft hat, und von einem umfassenden Bildungsauftrag ausgeht, wird man zu einem Experten in allem. Oder könnte sich das einreden.

Als mich kritisches Denken in die Irre führte

Wir sind heillos überfordert, wenn wir kritisches Denken auf jedes Thema anwenden. Die Giordano Bruno Stiftung verbreitet die Idee, dass die biologische Evolution auch unseren Geist geprägt habe, nicht nur unseren Körper. Da außerdem die Evolutionäre Psychologie als ganzes Fachgebiet genau das behauptet, wir wissen, dass Intelligenz als solche in hohem Maße „erblich“ ist (was allerdings nicht angeboren heißt), dass sich Tierrassen in verschiedenen geistigen Merkmalen unterscheiden und die Forschung davon ausgeht, dass Urmenschenarten wie die Neandertaler und Homo erectus eine unterschiedlich ausgeprägte Intelligenz besaßen, schien eine Vermutung naheliegend: Menschenrassen müssten sich in verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen sowie in ihrer durchschnittlichen Intelligenz unterscheiden.

Nach Art des kritischen Denkens las ich damals also die aktuelle Fachliteratur (sowas gibt es) über die Intelligenzunterschiede zwischen Menschenrassen. Ich schwankte eine Weile hin und her, ob ich das für überzeugend erachten sollte oder nicht. Natürlich hat das Thema eine sehr finstere Geschichte und jede Vorsicht ist angebracht. Streckenweise hielt ich den Gedanken, dass Menschenrassen im statistischen Mittel unterschiedlich intelligent seien, vor dem Hintergrund evolutionär-psychologischer Annahmen für plausibel. Das denke ich seit vielen Jahren nicht mehr.

Ich gehe unlängst davon aus, dass die in manchen Tests gemessenen Unterschiede vielmehr auf Umweltfaktoren zurückgeführt werden können, teilweise auf eine erschütterende Diskriminierung und Misshandlung schwarzer US-Amerikaner. Das ist auch die Einschätzung des Intelligenzforschers James Flynn. Ich vertrat damals zumindest die Auffassung, dass keine politischen Folgen aus Intelligenzunterschieden zu schließen seien und jeder einen Platz in der freien-demokratischen Gesellschaft habe, egal wie intelligent er oder sie ist.

Damals bewegte sich auch mein Freund Lukas Mihr im humanistischem Umfeld. Er ist heute noch überzeugt, dass es angeborene Intelligenzunterschiede zwischen Menschenrassen gibt, und schreibt Artikel darüber, wurde jedoch aus humanistischen Organisationen ausgeschlossen. Dies hätte gerne auf eine andere Weise ablaufen dürfen, denn er ist grundsätzlich offen für Argumente und vertritt zu den meisten Themen fundierte Positionen. Irgendwann sind wir alle mal auf dem Holzweg. Wer den aktuellen Forschungsstand erfahren möchte: Mai Thi Nguyen-Kim behandelt in ihrem Buch Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit das Thema Intelligenzunterschiede zwischen den Menschenrassen auf eine qualifizierte Weise.

Nun hatte die GBS jede Verantwortung von sich gewiesen und uns für diese bösen Gedanken alleine verantwortlich gemacht. Ich halte es für offensichtlich, dass unser falscher Gedankengang aus dem „evolutionären Humanismus“, gepaart mit kritischem Denken, als vermeintlich plausible These hervorgegangen war, aus genau den Ideen, die die Stiftung vehement verbreitet. Michael Schmidt-Salomon nannte mir gegenüber Argumente gegen angeborene Intelligenzunterschiede zwischen Menschenrassen und empfahl das Buch „The Mismeasure of Man“ des Evolutionsbiologen Stephen Jay Gould.

Leider gilt ausgerechnet dieses Buch als sehr fehlerhaft und als schlechte Replik auf die Advokaten der These. Hätte er ein besseres Buch empfohlen, hätte ich mich schneller von der Idee verabschiedet. Er kannte sich, kurzum, mit dem Thema nicht sonderlich gut aus. Mein Eindruck war, dass er es vermeiden wollte aus Furcht um den Ruf der Stiftung. Doch wenn man ständig predigt, dass die Evolution unseren Geist formt, kann man solche Themen nicht vermeiden.

Ich hatte zum Thema Intelligenzunterschiede zwischen den Menschenrassen die von allen Seiten verfügbaren Argumente und Belege gesammelt und selbst ausgewertet. Auf diese Art bildete ich mir einen Gesamteindruck zum Thema. Nachdem ich mir einen solchen Gesamteindruck gebildet hatte, leitete ich meine Überzeugungen aus diesem ab. Und die waren, zeitweise, völlig falsch. Da ich kein Experte im Bereich empirische Psychologie und Intelligenzforschung war, konnte auch nichts Vernünftiges dabei herauskommen. Ich hätte auf kritisches Denken verzichten sollen und stattdessen die wissenschaftliche Mainstreamposition einfach akzeptieren müssen. Denn kritisches Denken ist, hier wie in den meisten Fällen, irrational.

Dasselbe könnte man über den Libertarismus sagen, den ich längere Zeit vertrat. Die volkswirtschaftliche Mainstreamforschung hält nichts vom Laissez-faire-Kapitalismus. Das hatte mir der Ökonom Ulrich Berger vor ein paar Jahren schon gesagt. Trotzdem meinte ich, das Thema selbst überprüfen zu müssen, und landete bei der der vollkommen freien Marktwirtschaft. Ich war sehr von der „Österreichischen Schule“ beeinflusst, welche die heutige Forschung zwar historisch würdigt, aber auch nicht viel mehr als das.

Die legitime Rolle von kritischem Denken

In den absolut meisten Fällen sollten wir uns keine eigene Meinung bilden nach Art des kritischen Denkens, sondern auf Experten hören oder auf ein Urteil verzichten. Doch es gibt einige Fälle, bei denen kritisches Denken eine gute Methode ist:

  1. Wenn man sich ein Urteil bilden möchte zu einem Thema aus dem eigenen persönlichen Leben, das kein Gegenstand von Expertenmeinungen ist. Soll ich nach Schottland oder Mittelamerika in den Urlaub fliegen? Soll man noch ein Kind zeugen? Das wird einem kein Experte verraten können.
  2. Wenn Experten selbst kein kritisches Denken anwenden, sondern von Vorurteilen geleitet werden und man selbst besser in die Lage ist, ein Thema vorurteilsfrei zu beurteilen. Die Forschung rund um die Intelligenzunterschiede zwischen Menschenrassen ist selbst ein Beispiel dafür, aber nicht heute, sondern vor vielen Jahrzehnten, als die meisten Forscher rassistische Vorurteile hatten. Heute sollte man besser auf die Experten hören, aber nicht vor 100 Jahren. Auch waren die meisten Experten Anfangs des 20. Jahrhunderts Anhänger der Eugenik. Hier wäre ein gewöhnlicher Bürger eventuell besser in der Lage gewesen, auf Grundlage seines christlichen Gewissens einen besseren Schluss zu ziehen.
  3. Wenn man selbst Experte ist. Wissenschaftliches und sonstiges fachliches Arbeiten kommt nicht ohne kritisches Denken aus.

Auf Grundlage des kritischen Denkens begehen viele Menschen heutzutage große Fehler. Die Querdenkerbewegung ist ein Beispiel dafür. Ein Vertreter des kritischen Denkens könnte einwenden, dass sie nicht wirklich die Belege ausgewogen und rational auswertet. Darauf würde ich antworten, dass die absolut meisten Menschen nicht die Kompetenz von Virologen und Epidemiologen besitzen, hier also gar nichts auswerten können, sondern einfach die Mainstream-Expertenmeinung akzeptieren sollten.

Nun muss man unterscheiden zwischen dem gesellschaftlichen und dem wissenschaftlichen Mainstream. Wir sollten auf Experten hören, aber wir sollten nicht einfach die Überzeugungen unserer jeweiligen Gesellschaft wiedergeben. Beispielsweise sind Atomkraft und Gentechnik in der deutschen Gesellschaft sehr verpönt, doch Experten sagen dazu in der Tendenz etwas anderes. So sieht der IPCC eine Rolle für die Atomkraft im Kampf gegen den Klimawandel. Praktisch alle Forschungsorganisationen sind grundsätzlich für eine Anwendung der grünen Gentechnik. Darum sind das zwei Bereiche, wo sich die GWUP gegen den gesellschaftlichen Mainstream richtet.

Man sieht also, warum ausgerechnet der Aufklärung verpflichtete Organisationen und deren Mitglieder besonders anfällig dafür sind, mittels kritischem Denken zu falschen Schlüssen zu gelangen (oder gleich ganz ihren Verstand zu verlieren). Hier wäre eine gute Portion Selbstkritik angemessen.

Fazit: Wir sollten in der Regel nicht kritisch denken, sondern auf Experten hören oder uns kein Urteil bilden.

Literatur: Michael Huemer: Is Critical Thinking Epistemically Responsible

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