War Ayn Rand keine Philosophin?

In einem Twitter-Streitgespräch mit mir argumentiert der Philosoph Daniel-Pascal Zorn, dass Ayn Rand keine Philosophin gewesen sei. Der Grund lautet, „weil sie nicht philosophisch argumentiert„. Sie habe lediglich ein „System aus weltanschaulichen Sätzen“ hervorgebracht.

(Update: Der Philosophieprofessor R. Kevin Hill hat sich in die Debatte eingeschaltet.)

Philosophen mit anderer Meinung unseriös

Ferner sei das unabhängige peer-reviewed Fachjournal The Journal of Ayn Rand Studies der Pennstate University Press dafür da, Rand wie eine Philosophin aussehen zu lassen, obwohl sie keine war. Es sei „der recht durchschaubare Versuch, Rand über wissenschaftsförmige Publikationen zur Philosophin zu machen“, so Zorn. Obwohl das Journal of Ayn Rand Studies umfassende Kritik an allen möglichen Aspekten von Rands Denken enthält, darunter von ihren ausdrücklichen Gegnern. Obendrein sei die gesamte Stanford Encyclopedia of Philosophy „keine seriöse Quelle„. Das peer-reviewed Lexikon der Universität Stanford, dessen Einträge verschiedene Philosophieprofessoren verfassen, enthält auch einen Eintrag über Rands Denken.

Am Ende der Diskussion meinte Daniel-Pascal Zorn, ich würde „Probleme mit dem Lesen haben„. Ich sprach mich dafür aus, die „Fehler in Rands Argumenten und Ideen aufzuzeigen“, statt ihr das Philosophin-sein abzusprechen. Zorn scheint sagen zu wollen, dass er keine Fehler in Argumenten aufzeigen kann, wenn keine Argumente da sind. Er könnte allerdings aufzeigen, DASS keine Argumente da sind, statt dies nur zu behaupten. Beziehungsweise könnte er das nicht, weil es falsch ist.

Alles Quatsch außer Zorn

Nun muss man zu alldem wissen, dass Daniel-Pascal Zorn seine sehr spezielle Sicht zu allen möglichen Themen hat. Etwa seine Ablehnung der gesamten analytischen Philosophie (die ich auch kritisch sehe, aber nicht komplett ablehne), dass es keine Metaethik gebe beziehungsweise der Begriff problematisch sei, und seine Meinung, dass die Deontologie ein „Kampfbegriff des Utilitarismus“ sei und „Quatsch„.

Man kann das alles so sehen. Wir haben es hier aber nicht mit „Philosophieprofessor klärt Feuerbringer auf“ zu tun, sondern „Philosophieprofessor tritt für seine eigenen Positionen ein, welche andere Philosophen nicht unbedingt teilen“. Deontologisch ist ein gängiger Begriff in der Philosophie, auch wenn er historisch ein utilitaristischer Kampfbegriff gewesen ist. Dass es keine Metaethik geben soll – keine Ahnung, wie er darauf kommt. Vermutlich hält Zorn die Stanford Encyclopedia of Philosophy für unseriös, weil viele Artikel in analytischer Tradition darin stehen.

Tatsächlich hat Ayn Rand sehr wohl Argumente für ihre Positionen genannt. Am wenigsten überzeugend finden Philosophen tendenziell ihren Essay The Objectivist Ethics, in dem sie ihre egoistische Überlebens-Ethik begründet, und zwar schlecht begründet. Darauf gehe ich in der nächsten „Aufklärung und Kritik“-Ausgabe näher ein. Ebenso ist ihre politische Philosophie rezipiert worden, da sie inkonsistent begründet ist. Rand hat aber auch Beiträge zur Metaphysik, Epistemologie und Ästhetik geleistet, die höher angesehen sind.

Ich finde es bemerkenswert, was man alles als unseriös ansehen müsste, um Rand abzusprechen, überhaupt eine Philosophin zu sein. Sie wird in weiteren gängigen philosophischen Lexika als Philosophin eingeordnet. Dass ich das erwähne, könnte Daniel-Pascal Zorn wieder als „Autoritätsargument“ ansehen, aber wir sprechen hier immerhin von Fachautoritäten.

Ich stimme der Philosophin Skye C. Cleary zu (auf die Gefahr hin, dass sie auch keine „echte Philosophin“ sein mag), die in Aeon an die Adresse akademischer Philosophen schrieb: „Wir müssen das Ayn-Rand-Phänomen ernstnehmen. Es zu ignorieren, wird es nicht verschwinden lassen.“ Insbesondere Rands Romane „Atlas Shrugged“ und „The Fountainhead“ wurden millionenfach verkauft und sind heute noch beliebt. Diese sind Vehikel für Rands Philosophie.

Daniel-Pascal Zorn bezweifelt in unserer Diskussion wiederholt, dass ich mich von Rands Philosophie verabschiedet habe, da ich sie ja verteidige beziehungsweise „Werbung für sie mache„. Offenbar ist „Werbung machen“ dasselbe wie einer Philosophin nicht das Philosophin-sein abzusprechen. Und Unsinn über sie zu behaupten, wie dass sie selbst parasitär gelebt habe, was irgendeine „Biografie“ aufzeigen soll (ich habe die meisten davon gelesen, nie gehört).

Ayn Rand fair und kompetent kritisieren

Mich hat vor allem Ari Armstrongs Buch „What’s Wrong with Ayn Rand’s Objectivist Ethics“ (Amazon-Partnerlink) vor einigen Jahren vom Objektivismus abgebracht. Und dieses Buch zeichnet sich durch etwas aus, auf das fast alle Rand-Kritiker verzichten: 1. Kompetenz und 2. Fairness. Die Kompetenz, Rands Werke tatsächlich gelesen und verstanden zu haben. Die Fairness, sie korrekt darzustellen. Wer möchte, dass Rands Denken verschwindet, muss es zunächst einmal kennen.

Der Philosophieprofessor Michael Huemer hat es richtig gemacht: Er analysiert Rands Denken in seinem Essay Why I am Not am Objectivist zutreffend und dennoch umfassend kritisch. Darin zeigt er auch auf, warum Teile von Rands Epistemologie und ihre Verteidigung der Willensfreiheit nicht funktionieren.

Ergänzung: Einordnung durch R. Kevin Hill

Der US-amerikanische Philosophieprofessor R. Kevin Hill von der Portland State University hat mir seine Meinung zur obigen Debatte geschrieben.

Hill ist der Auffassung, dass Rand eine spezielle Art von Philosophin war. Er unterteilt die Philosophie in drei überlappende Stränge: „1. Ein Versuch, ein „großes Ganzes“ der conditio humana und ihres Verhältnisses zur nichtmenschlichen Welt zu zeichnen, 2. ein Versuch, in den Bereichen Moral und Politik auf ungewöhnlich abstrakter Ebene praktische Ratschläge zu erteilen und 3. eine ernsthafte Befassung mit philosophischen Rätseln.

Als Beispiel von 3. nehmen wir das Problem „Freier Wille versus Determinismus“: Es ist ein *Rätsel*, weil es so scheint, dass beide Seiten richtig liegen *müssen*, was aber nicht sein kann. Die größten Philosophen versuchen, Rätsel dieser Art zu lösen, sie ernst zu nehmen, sich Sorgen darüber zu machen. etc.

Nun bietet Rand Argumente an, und daher ist sie mehr als *nur* eine Ideologin. Aber der Eindruck des *Rätselns* ist fast vollkommen abwesend. Kurz gesagt *philosophiert* sie in einem gewissen Sinne nicht, auch wenn sie auf eine legitime Weise an der Welt der Philosophie teilnimmt.“

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