Jetzt sind Libertäre gegen die Freiheit

Unter entspannteren Umständen wäre das ziemlich witzig: Die laut Definition radikalsten Befürworter der individuellen Freiheit richten sich gegen die freie Gesellschaft. Man könnte sich einen Sketch vorstellen, in dem Libertäre ihre „Don’t dread on me“-Flagge wehen lassen und wütend ein Zuckerlimit für Milchshakes fordern. Aber in der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Situation, in der gefühlt die halbe Welt ihren Verstand verliert, hätte es das nicht auch noch gebraucht.

Die Libertarian Party von New Hampshire vergleicht Wolodymyr Selenskyj in einem Tweet mit Adolf Hitler. Und die Bundespartei bezeichnet einige seiner Unterstützer unter US-amerikanischen Politikern als „Verräter“. Dankenswerterweise hat Mark Humphrys die Tweets in einem Screenshot festgehalten.

Rechtslibertäre sollten dieser Tage nur noch mit Selbstkritik beschäftigt sein. Ihre Ideen hatten einen gewissen Einfluss auf den Trump-QAnon-Mob, auf Querdenker und auf Reichsbürger. Gewiss, diese Dinge sind nicht dasselbe und die meisten Libertären dürften alles davon ablehnen. Trotzdem: Die Verabsolutierung der individuellen Freiheit, die Möglichkeit der Sezession von einem unvollkommen freien Staat, die Idee, jeder Mensch habe ein uneingeschränktes Eigentum an sich selbst – das sind typisch libertäre Ideen. Und es sind Ideen, die sich vollkommen wahnsinnige Staatsfeinde zu eigen gemacht haben, die heute zu den gefährlicheren Gegnern von Freiheit und Demokratie zählen.

Meine minarchistische Phase hatte ich auch mit Kritik an den verrücktesten Ideen aus der libertären Ecke verbracht:

  • Ich schrieb 2012, „es ist kaum verwunderlich, dass Anarchokapitalisten häufig anti-westlich eingestellt sich, irgendwelche Drittweltdiktaturen den westlichen Republiken vorziehen.“
  • 2013 kritisierte ich die anarchokapitalistische Idee, die Regierung zu privatisieren.
  • 2015 erklärte ich in einem Vortrag und in einem Webinar, warum Steuern kein Diebstahl sind.
  • 2016 kritisierte ich die Demokratieskepsis unter einigen Libertären im Essay Demokratie ist der einzige Weg zur Freiheit bei Novo. Ebenso kritisierte ich den Philosophen Michael Huemer für seine widersprüchliche Haltung zur Demokratie.

Ich fühle mich trotzdem dumm dafür, jemals radikal liberal in irgendeinem Sinne gewesen zu sein. Es gibt viele Dinge, für die ich mir heute dumm vorkomme, darunter mein früherer Antitheismus und mein übertriebener Einsatz des „kritischen Denkens“. Zum letzteren Aspekt habe ich jüngst für die Richard Dawkins Foundation einen Essay geschrieben (variiert meinem Blogpost zum Thema), in dem ich kein gutes Haar an mir selbst lasse.

Über meinen Artikel, der das kritische Denken auf bestimmte Bereiche eingrenzt, beschweren sich eine ganze Reihe von Querdenkern, welche dieser Tage die säkulare Szene unterwandern. Alle paar Tage fängt einer meiner rund 700 Facebook-„Freunde“ an zu spinnen, die ich wohl etwas großzügig akzeptiert hatte. Heute hat jemand eine Karikatur gepostet, die zeigt, wie Selenskij eine Friedenstaube ermordet und ihr Blut trinkt. Ein „Freund“ weniger. Das libertäre Cato Institute verbringt seine Zeit mit Anti-Ukraine-Propaganda. Solche „Libertäre“ braucht niemand, der die freie Gesellschaft gut findet.

Immerhin: Das Ayn Rand Institute bleibt einer der rationalsten Vertreter des Libertarismus. Es setzt sich für „moralische und materielle Unterstützung für die Ukraine ein“ und für „zusätzliche diplomatische und ökonomische Sanktionen gegen Russland“. Objektivsten irren sich auf viele Weise, aber ihre Unterstützung der freien Gesellschaften lässt nichts zu wünschen übrig. Im Gegensatz zu anderen „Libertären“ haben sie keinerlei Sympathie für Diktaturen erkennen lassen. Man muss also differenzieren. Auch bei einer Bewegung, die sich in allen Varianten grundlegend irrt.

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