Intuition in der Philosophie

Hamburg Speicherstadt (Foto:Andreas Müller)

Aus der Psychologie haben wir oft gehört, dass wir uns nicht auf unsere „Intuitionen“ verlassen könnten. Schließlich gibt es allerlei kognitive Verzerrungen: Mitläufereffekt, Bestätigungsfehler, Halo-Effekt, kognitive Dissonanz und viele mehr. Die gibt es und es ist gut, sie sich bewusst zu machen. Aber in der Philosophie wird der Begriff „Intuition“ auf eine bestimmte Weise verwendet. Überwiegend sind Philosophen der Auffassung, dass unsere Intuitionen von fundamentaler Bedeutung für unsere Erkenntnis sind. Ohne Intuitionen wäre kein Wissen möglich.

Die Alternative dazu, dass wir uns zu großen Teilen auf unsere Intuitionen verlassen, ist nicht etwa „kritisches Denken“ oder „wissenschaftliches Denken“, sondern der radikale Skeptizismus: die Auffassung, dass wir überhaupt nichts wissen können.

Intuition bedeutet, dass uns eine Aussage wahr erscheint, sobald wir sie verstehen – ohne, dass wir über diese schlussfolgernd nachgedacht hätten.

Hier sind einige Beispiele für Intuitionen:

  1. Etwas kann nicht zugleich vollständig grün und rot sein.
  2. 2 + 2 = 4.
  3. Es gibt keine runden Quadrate.
  4. Wenn x nicht existiert, dann hat x keine Eigenschaften.
  5. Primzahlen können keine Premierminister zeugen.
  6. Ein bewusst empfindendes Wesen aus Spaß zu quälen, ist falsch.

Wir wissen grundlegende Dinge nicht aufgrund von Beobachtung

All diese Aussagen beruhen nicht auf empirischer Beobachtung. Niemand hat jemals alle Dinge im Universum gesehen. Auf der Grundlage von Beobachtung könnten wir nicht sagen, dass es nichts gibt, was nicht zugleich vollständig grün und rot sein kann. Vielleicht gibt es irgendwo eine grüne Kiwi, die zugleich eine rote Erdbeere ist. Wir haben nie alle Kiwis auf der Welt beobachtet.

Ebenso wissen wir nicht aus empirischer Beobachtung, dass 2 + 2 = 4 sind. Vielleicht geschieht irgendwo ein Wunder und es ist auf einmal 5. Wir wissen lediglich aus Erfahrung, dass zwei konkrete Dinge vor uns wie zwei Bananen und zwei weitere Bananen zu vier Bananen werden. Ob das für alle Bananen gilt, geschweige denn für alles, was grundsätzlich zählbar ist, wissen wir aus Erfahrung nicht.

Wir validieren diese Dinge rein intuitiv. Abseits davon wissen wir nichts davon. Paaren sich irgendwo zwei Primzahlen und zeugen einen Premierminister? So schnell wie sie in England in den letzten Jahren gewechselt haben, sind die letzten Premierminister vielleicht auf diese Art entstanden.

Aber es ist offensichtlich falsch, dass 2 + 2 = 5 ist, werden viele einwenden. Und genau dieses „offensichtlich“ ist unsere Intuition. Und da ich die Intuition für grundsätzlich verlässlich halte, würde ich darauf antworten: Ja, es ist offensichtlich falsch.

Ist Kindesmissbrauch „einfach“ falsch, oder aus anderen Gründen falsch?

Ich habe mal mit einer Kommilitonin über eine South-Park-Folge geredet, in der eine Pädophilen-Organisation ihr Treiben mit Freiheit, Liebe und individuellen Rechten verteidigt. „Aber es sind Kinder“, lautete der Einwand in der Folge und auch ihrer. Ich argumentierte dann, dass Kindesmissbrauch aus „guten Gründen“ falsch ist, etwa, weil er einen Konsens voraussetzt, wo kein bewusst reflektierter Konsens auf Basis des nötigen Wissens da ist. Die Intuition, dass es falsch ist, hielt ich für irrelevant, da uns unsere Intuitionen täuschen könnten.

Heute denke ich, dass sie recht hatte: Es ist einfach falsch. Das heißt: Es ist intuitiv validiert, dass es moralisch falsch ist, Kinder zu missbrauchen. Es erscheint uns falsch ohne weitere Reflektion und Begründung. Menschen sind in der Lage, Dinge zu tun, die ihnen intuitiv falsch erscheinen, und sich allerlei Rationalisierungen dafür auszudenken. Und es ist moralisch falsch, wenn sie das tun. Unsere Intuitionen täuschen uns zumindest in der Regel nicht.

Wir können Intuitionen ignorieren, aber sollten es nicht

Wir können uns entscheiden, der Intuition keine Bedeutung beizumessen. Man kann auf allerlei rationalistische Weise philosophieren und Intuitionen widersprechen. Ein Beispiel dafür ist Kants Pflichtethik. Wir sollen Mördern die Wahrheit darüber sagen, wo sich die Menschen verbergen, die sie ermorden möchten. Auf einem sinkenden Schiff mit zum Tode Verurteilten sollen wir erst alle Verbrecher hängen, bevor wir uns retten. Intuitiv ist das alles völliger Quatsch.

Wer sich mehr für Intuitionen interessiert, dem empfehle ich den Vortrag „Intuition: An Analysis“ vom jungen Philosophen Joseph Schmid.