„Wir irren uns empor“

Diesmal wird sich zum neuen Jahr tatsächlich etwas ändern. Das Feuerbringer-Magazin bekommt einen neuen Namen. Der aktuelle Arbeitstitel lautet „Wir irren uns empor. Der Philosophie-Blog von Andreas Müller“. Ob das der finale neue Name meines Blogs sein wird, habe ich noch nicht entschieden.

„Wir irren uns empor“ lautete der Titel des Nachrufs auf den Wissenschaftsphilosophen Karl R. Popper, den der Physiker und Philosoph Gerhard Vollmer im Jahr 1995 im Skeptiker veröffentlichte. Ich finde, das bringt das, was sowohl Wissenschaftler als auch Philosophen allgemein tun, wunderbar auf den Punkt. Wir irren uns einerseits häufig – die Öffentlichkeit weiß ja nun in allen Details über meine Irrtümer Bescheid – , gelangen andererseits aber auch an Wissen. Das Adverb „empor“ impliziert einen Fortschritt, der trotz allen Irrens erreicht werden kann. Für mich ist diese Haltung eine Selbstverständlichkeit, und war es auch in objektivistischen Zeiten schon. Sonst hätten die wohl kein Ende gefunden.

Gegen den Titel spricht, dass „Wir irren uns empor“ auch spezifisch als die Leitlinie des kritischen Rationalismus gilt. Und ich bin kein kritischer Rationalist. Ich bin nicht einmal ein Naturalist, im Gegensatz zu Vollmer und den meisten Leuten in der GWUP und GKPN.

Was ist das Gegenstück zum Naturalismus?

Wobei ich dazu sagen sollte, dass in der Philosophie in der Regel nicht „das Übernatürliche“ als Gegenstück zum Naturalismus angesehen wird, sondern das Geistige. Das, was die Geisteswissenschaften untersuchen. Ich halte den Geist beziehungsweise die Seele für real. In der Ethik spricht man vom „ethischen Nicht-Naturalismus“, wonach moralische Urteile sui generis (von einer eigenen Art) sind, eine bestimme Art von objektiver Wahrheit. Siehe dazu G. E. Moore.

Ich glaube nicht, dass alles Materie ist und auch nicht, dass der Geist von der Materie determiniert wird. Die Materie wirkt offensichtlich auf den Geist, aber eben auch umgekehrt. Es könnte sein, dass das Gehirn den Geist hervorbringt. Übrigens denkt das einer der einflussreichsten Substanzdualisten unserer Zeit, Richard Swinburne. Und vielleicht „stirbt“ der Geist auch zusammen mit dem Körper, jedenfalls sehe ich keine hinreichenden Belege für ein Nachleben. Trotz allem: Meiner Ansicht gibt es das „Geistige“ als etwas, das sich fundamental von der Materie unterscheidet. Der säkulare Humanist Raymond Tallis hat seine bisherige intellektuelle Karriere mit dem Versuch verbracht, das zu erklären.

Ich glaube also nicht an Engel, Kobolde, Hellsehen und all diese Dinge, welche die GWUP berechtigterweise hinterfragt und kritisiert. Ich glaube auch nicht an die offenbarten Gottheiten, etwa den christlichen und islamischen Gott. Was bestimmte philosophische Gottesbilder angeht, bin ich mir unsicher, es gibt einige erstaunlich gute Argumente für manche davon. Ich bewege mich intellektuell jedenfalls innerhalb der akademischen Philosophie.

Die Idee, es gäbe nur Naturalisten auf der einen Seite und Religiöse/Esoteriker auf der anderen, ist Identitätspolitik. Das hat nichts mit Philosophie zu tun. Das geht eher in die Richtung: „Wir sind die modernen, aufgeklärten Leute und die anderen sind die mittelalterlichen Dummdödel.“ Natürlich muss man das nicht glauben, und kann trotzdem Naturalist sein.

Und jetzt: Einen guten Rutsch ins neue Jahr!

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