Erwachen aus dem dogmatischen Schlummer

Ich habe heute früh mit einem meiner alten Philosophielehrer diskutiert. Dabei ist mir ein weiterer Bereich innerhalb der objektivistischen Philosophie aufgefallen, wo sich dogmatisches Denken eingeschlichen hat. Der Philosoph Daniel-Pascal Zorn hat mir außerdem kürzlich ein überzeugendes Paper empfohlen, wonach der kritische Rationalismus nach Hans Albert den radikalen Skeptizismus dogmatisch setzt.

Für einen philosophisch denkenden Menschen ist die unheimlich weite Verbreitung dogmatischer Setzungen ein Albtraum. Herr Zorn hat natürlich Recht, dass wir Dogmen vermeiden sollten, das gehört zu den Grundregeln in der Philosophie und auch die GKPN sieht das als eine Richtschnur an.

Spontan würde man meinen, Dogmen seien nur eine Sache von Religionen und vielleicht von politischen Ideologien. Aber sie sind überall: Nicht weiter begründete, willkürliche Behauptungen, an die wir einfach glauben sollen.

Im Falle des Münchhausen-Trilemmas liegt das Problem beim angeblich sehr umfassenden Geltungsbereich. An sich stimmt das Trilemma natürlich. Aber man darf nicht den Fehler machen und behaupten, dass alle Aussagen schlussfolgernd begründet werden müssten. Bekanntlich gehe ich von A-Priori-Wissen aus, über das wir intuitiv Erkenntnis erlangen, und von metaphysischen Axiomen, die mit dem widerlegenden Beweis fundiert werden. Das heißt, jeder Versuch sie zu leugnen setzt sie voraus. Konkret Existenz, Identität und Bewusstsein.

Das heißt, dass manche (wenige, grundlegende) Aussagen ohne schlussfolgernde Begründung und ohne empirischen Beweis validiert sind. Es gibt schon eine Begründung, aber diese funktioniert hier anders. Wäre dem nicht so, könnten wir gar nichts wissen. Keine Letztbegründung bedeutete letztlich: keine Begründung. Für gar nichts.

Was das Dogma im Objektivismus angeht: Es handelt sich um die Anwendung des Konzepts „willkürliche Behauptung“ auf Aussagen, die keine willkürlichen Behauptungen sind. Anders gesagt: Man behauptet, etwas sei ein Dogma, ohne dass es eines wäre. So vermeidet man aus dogmatischen Gründen, sich mit bestimmten Aussagen zu befassen.

Objektivisten tun dies mit Bezug auf Götter und Wunder. Obwohl es „Gottesbeweise“ und Augenzeugenberichte über Wunder gibt, leugnen sie, dass es irgendwelche Belege und Argumente für diese Dinge gäbe. Und das ist einfach übertrieben. Würde man sich danach richten, dürfte man sich nicht kritisch mit Wunderberichten und Gottesbeweisen befassen, sondern müsste sie ignorieren.

Mit einer solchen Logik gäbe es keine einzige Ausgabe des „Skeptiker“, die GWUP könnte dichtmachen.

Mir sind keine überzeugenden Berichte über Wunder bekannt. Aber ernstnehmen sollte man sie schon, wenn Belege genannt werden wie Augenzeugenberichte. Ebenso sollte man die „Gottesbeweise“ kritisch untersuchen und nicht ignorieren. Sonst setzt man den Atheismus dogmatisch.

Und ein Beispiel für eine dogmatische säkulare Ethik ist Michael Schmidt-Salomons „Humanistische Basis-Setzung“, wie ich in einem YouTube-Vortrag aufzeigte.

Es ist immer schade, wenn Intellektuelle meinen, sie könnten eine Abkürzung nehmen. Die eigene Auffassung dogmatisch setzen und dabei anderen Dogmatismus vorwerfen.

Literatur

Parrish, Stephen E. “God and Objectivism: A Critique of Objectivist Philosophy of Religion.” The Journal of Ayn Rand Studies, vol. 8, no. 2, 2007, pp. 169–210. JSTOR, http://www.jstor.org/stable/41551399. Accessed 7 Jan. 2023.

Kuhlmann, Wolfgang. “Reflexive Letztbegründung. Zur These von Der Unhintergehbarkeit Der Argumentationssituation.Zeitschrift Für Philosophische Forschung, vol. 35, no. 1, 1981, pp. 3–26. JSTOR, http://www.jstor.org/stable/20483097. Accessed 7 Jan. 2023.

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