Lasse ich das Willkürliche in mein Denken?

Andreas Müller Feuerbringer als Mönch

Auf einmal kommt der Oberatheist mit Gott und Seele an. Klar, dass das manche komisch finden. Darunter einer meiner Philosophielehrer vom Ayn Rand Institute. Er meint, ich ließe „das Willkürliche“ in mein Denken. So etwas hätte einen zerstörerischen Effekt auf die Vernunft. Allerdings sind diese Ideen nicht unbedingt willkürlich, jedenfalls nicht in den rein philosophischen Varianten, wie ich sie erwäge.

Objektivisten, die Anhänger von Ayn Rand, vertreten eine atheistisch-naturalistische Weltanschauung. Deren Fundament sind drei bis vier metaphysische Axiome: Existenz, Identität, Bewusstsein und eventuell Kausalität. Kausalität wird manchmal als etwas gesehen, das aus Existenz und Identität folgt, manchmal auch als Erfahrungswert, und nicht als Axiom. Ich gehe heute noch von diesen Axiomen aus. Nur dass sie erheblich weniger beweisen, als Objektivisten glauben.

Die metaphysischen Axiome sind vollständig kompatibel mit Wundern (abhängig von der Definition), Gott, Seele und Echsenmenschen, die sich als führende Politiker ausgeben. Sie besagen lediglich, dass wir existieren, dass wir eine bestimmte Identität inklusive bestimmter Attribute haben, dass wir die externe Realität und unser inneres Erleben bewusst wahrnehmen und dass nichts ohne Ursache geschieht.

Beweisen die metaphysischen Axiome den Naturalismus?

Nun glauben Objektivisten, dass diese Axiome eine geschlossene natürliche Welt beschreiben. Entitäten können lediglich entsprechend ihrer Identität beziehungsweise Natur handeln (ja, der Begriff „Natur“ erinnert nicht zufällig an die thomistisch-katholische Lehre). Zum Beispiel kann sich ein Krokodil nicht in ein Eichhörnchen verwandeln und es kann auch nicht fliegen, denn diese Fähigkeiten resultieren nicht aus dem inhärenten Potenzial eines Krokodils.

Also gibt es doch keine Wunder? Sofern damit gemeint ist, dass Dinge ursachelos geschehen, dann ja, das widerspricht dem Kausalitätsaxiom. Allerdings glauben das religiöse Menschen normalerweise nicht. Sie glauben, dass Gottes Wille die Ursache von Wundern ist. Er verwandelt ein Krokodil in ein Eichhörnchen als Resultat seines freien Willensaktes, der zu seiner Identität als mächtiges Geistwesen gehört.

Findet ihr komisch? Dann beachtet folgendes: Dieses Verständnis von göttlicher Willensfreiheit ist identisch mit dem objektivistischen Verständnis von menschlicher Willensfreiheit, nur dass es die Existenz eines Gottes voraussetzt. Das heißt: Objektivisten interpretieren die Wirkweise unseres freien Willens genau so: Wir können durch unsere freien Willensentscheidungen kausal auf die materielle Welt wirken, wir haben einen „libertaristischen“ freien Willen.

Wenn es ein Wunder ist, dass Gott kausal auf die materielle Welt wirken kann, dann ist es ein Wunder, dass wir kausal auf die materielle Welt wirken können.

Allerdings sind hier mehrere Einwände möglich: Erstens können wir im Gegensatz zu Gott nicht die Identitäten von materiellen Entitäten verändern, also etwa Wasser durch einen bloßen Willensakt in Wein verwandeln. Man müsste den Wassermolekülen mehrere Chemikalien hinzugeben, um sie zu Wein zu machen. Wenn es Wunder gibt, dann müssten sie so funktionieren: Gott fügt den Wassermolekülen durch einen unbekannten Prozess weitere Chemikalien hinzu, um sie zu Wein zu machen. Wasser ist nicht einfach so plötzlich Wein.

Dass Gott kausal auf diese Weise wirken kann, gehört nach diesem Verständnis zu seiner Identität. Wie es zu unserer Identität zählt, die materielle Welt durch Interaktion mittels unseres physischen Körpers beeinflussen zu können. Wie wir kausal auf unseren eigenen Körper wirken können und mit diesem auf die Umwelt, kann Gott nach diesem Verständnis kausal direkt auf die gesamte materielle Welt wirken, als wäre sie sein Körper.

Naturalismus als Dogma

Ich behaupte nicht, dass dies unbedingt so ist. Bekanntlich bin ich Agnostiker. Ich behaupte nur: Durch die Akzeptanz der metaphyischen Axiome alleine wissen wir nicht, dass kein Gott existiert. Man könnte eine Welt voller Entitäten mit bestimmten Identitäten, die kausal auf andere Entitäten wirken, auf Gott ausdehnen. Man könnte sie auf Engel ausdehnen, auf Echsenmenschen, auf alles Mögliche. Ich glaube nicht an Engel und Echsenmenschen, aber die metaphyischen Axiome sind nicht der Grund dafür.

Das dürfte nun für manche so klingen, als würde ich das Willkürliche in mein Denken lassen. Und hier kommt der zweite Einwand ins Spiel: Damit wir überhaupt Gott erwägen sollten, dürfte er keine willkürliche Idee sein, also eine Behauptung, für die es keinerlei Belege gibt. Wir müssten einen guten Grund dafür haben, von einem Gott auszugehen, der auf diese Weise mit der Welt interagieren kann.

Ein Argument für die Existenz Gottes

Ja, das stimmt. Und wie ich schon ein paar Mal angemerkt habe, ist für mich vor allem das Fine-Tuning-Argument ein solcher guter Grund, einen Gott zu erwägen. Mehr oder weniger der Argumentation des Philosophen Jason Waller folgend: Waller, Jason (2019). Cosmological Fine-Tuning Arguments: What (If Anything) Should We Infer From the Fine-Tuning of Our Universe for Life?. New York: Routledge. (Amazon-Partnerlink).

Die wichtigste Alternative zu Gott als Erklärung für das Fine-Tuning ist das Multiversum. Letztlich führt das aber zur Frage, was oder wer das Multiversum finegetunt hat für die Evolution von Leben.

Doch eine Alternative gibt es noch: Das Universum selbst könnte metaphysisch notwendig sein. Die „Letztbegründung“ von allem wäre also die nicht weiter begründbare Notwendigkeit. Ist halt so. Alles ist letztlich so, wie es sein muss, und es könnte auch nicht anders sein. Einen freien Willen könnte es dann nicht geben. Spinoza entwickelte eine recht konsistente Variante dieser Weltanschauung. Nach meiner Interpretation dachte auch Ayn Rand, dass das Universum metaphysisch notwendig sei, nur mit einem freien Willen darin irgendwie. Mein Lehrer meint, sie glaubte nur, dass alles das Resultat der Natur der handelnden Entitäten sei, wobei manche davon einen freien Willen haben. Das impliziert, wie oben erläutert, allerdings nur sehr wenig.

Jedenfalls ging Rand davon aus, dass das Universum im Sinne von allem, was existiert, „metaphysisch gegeben“ sei. Es ist also einfach da. Stellt keine weiteren Fragen. Akzeptiert es. Findet euch damit ab.

Das Problem sehe ich hier, dass kein Grund genannt wird, warum wir das einfach akzeptieren und keine weiteren Fragen stellen sollen. Es klingt nach einer dogmatischen Setzung. Wenn ihr weitere Fragen stellt, landet ihr noch bei Gott, also lasst es besser.

Nun könnten wir auch nach der Ursache von Gott fragen, die Standardantwort von Atheisten. Gott soll allerdings das notwendig Existierende sein, das alles nur potenziell Existierende erklärt. Alles im Universum könnte aus dieser Sicht auch nicht existieren, nur Gott muss existieren. Allerdings kann man das auch anders sehen. Es klingt nach einer dogmatischen Setzung. Warum sollte Gott notwendig existieren?

Insofern könnten wir auch nach der Ursache von Gott fragen. Aber warum nicht? Dann fragen wir eben nach der Ursache von Gott. Das bedeutet nicht, dass es keinen Gott gibt. Insofern ist das ein ziemlich blöder Einwand. Ich kann nach der Ursache eines Autos fragen, das ist kein Argument gegen die Existenz eines Autos.

Blöde Einwände in diesem Kontext sind auch die Argumente gegen einen allmächtigen und allguten Gott. Warum ist unsere Welt so voller Erdbeben, Bakterien und Kriegen, wenn es einen allmächtigen und allguten Gott gibt? Das interessiert hier überhaupt nicht, weil niemand im Zusammenhang mit dem Fine-Tuning-Argument behauptet, dass Gott allmächtig und allgut sein müsste. Er könnte auch nur sehr mächtig sein oder keine moralischen Charakteristika haben. Vielleicht ist das Universum das Produkt eines super mächtigen Künstlers, der es ästhetisch ansprechend findet.

Wir können Gott nicht dogmatisch ausschließen

Man kann als Philosoph weder Gott noch den Naturalismus als Dogmen setzen. Die Idee, ein paar Axiome würden Gott widerlegen, ist sehr bequem, aber falsch. Wenn man Gott widerlegen kann, dann nicht so.

Ebenso kann man nicht einfach wissen, dass Wunder unmöglich sind. Es sei denn, Wunder widersprechen der Kausalität, dann möglicherweise schon (auch das ist umstritten, aber für mich plausibel). Man kann sagen, dass man normalerweise nicht von Wundern ausgehen sollte, dass sie außergewöhnliche Belege erfordern. Aber man kann sie nicht dogmatisch ausschließen.

Jeder Atheist darf sich fragen, ob er ein dogmatischer Atheist ist. Ob nichts ihn von Gottes Existenz überzeugen könnte.

Hierzu ein hypothetisches Beispiel des Philosophen Michael Huemer (von mir für deutsche Leser angepasst und übersetzt).

Von Gott erschaffen: Bei der Erkundung der Marsoberfläche entdecken Astronauten eine neue Art von Kristall. Als sie ihn unter dem Mikroskop betrachten, finden sie heraus, dass sich seine Moleküle spontan in Mustern anordnen, die genau wie die deutschen Wörter „Von Gott erschaffen“ in der Schriftart Times New Roman aussehen.

Jeder, der durch das Mikroskop schaut, sieht es. Wissenschaftlern gelingt es herauszufinden, dass dieses Phänomen tatsächlich eine komplizierte, bislang unbekannte Folge bestimmter sehr spezifischer Eigenschaften der Naturgesetze ist, Eigenschaften, für die niemand eine Erklärung hat.

In den folgenden Jahrzehnten werden viele weitere Kristalle entdeckt, verteilt über alle Planeten des Sonnensystems, die unter Mikroskopen betrachtet wie die Phrase „Von Gott erschaffen“ aussehen, in allen Sprachen der Erde buchstabiert. Erneut sind die Naturgesetze einfach so beschaffen, dass dies herauskommen muss.

Huemer, Michael. Knowledge, Reality, and Value: A Mostly Common Sense Guide to Philosophy (S.151). Kindle-Version. Amazon-Partnerlink

Das wäre ein sehr deutliches Beispiel für „Intelligent Design“. Ein Atheist könnte immer noch sagen, dass die Anordnung der Kristalle purer Zufall ist und kein Anzeichen von Design. Aber dann wäre dieser Atheist ein wahnhaft dogmatischer Atheist, den nichts jemals erwägen lassen könnte, dass Gott existiert. Und genau diese Geisteshaltung sollten wir vermeiden. Das bedeutet eben nicht, dass wir „das Willkürliche“ in unser Denken hineinlassen, sondern dass wir das Dogmatische aus unserem Denken ausschließen.

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