Die dreisten Reaktionen auf meine Kritik an der GBS

Stellt euch vor, ihr bekommt anonyme Mails. Sie fordern euch auf, euch zu rechtfertigen. Ihr habt euch angeblich vom „Menschenbild der Aufklärung“ entfernt und das erfordere eine Stellungnahme. So geschehen nach meinem Austritt aus dem Förderkreis der Giordano Bruno Stiftung und meinen Ausführungen über Intuitionismus, das Fine-Tuning-Argument und Substanzdualismus. Im Anschluss ging es nach der selben Art weiter.

Auftritt Kommentarbereich der Richard Dawkins Foundation auf Facebook. Die RDF hatte dankenswerterweise meinen Essay mit der Kritik an der GBS auf ihrer Website veröffentlicht. Es gab einige Likes dafür und einige Kommentare. Letztere waren allerdings keine Freude.

Ich habe die meisten Kommentatoren geblockt für ihre unterirdischen Äußerungen. Mein „Geschwafel“ könne der GBS nichts anhaben (mit dem „Geschwafel“ kritisiert der Nutzer wohl den Gebrauch gängiger philosophischer Fachbegriffe in meinem Essay). Es sei unklar, inwiefern die GBS den Sein-Sollen-Fehlschluss begehe, wenn sie Normen aus der Evolution ableitet (bitte was?). Und Substanzdualisten wie ich würden mit irgendwelchen nebulösen schlimmen politischen Positionen assoziiert, mit denen man als anständiger Atheist nichts zu tun haben möchte.

Offenbar sind damit katholisch-konservative Positionen gemeint. Dazu müsste man wissen, dass Katholiken in der Nachfolge von Thomas von Aquin eben gerade keine Substanzdualisten sind, daher die Lehre von der Wiedervereinigung von Körper und Seele nach dem letzten Gericht. Wir sind für Katholiken (und für Objektivisten übrigens) eine Einheit von Körper und Seele, während Substanzdualisten sagen, dass wir im Kern unsere Seele sind. Meine ist also eben gerade nicht die Position der Kirche.

Abseits davon habe ich keine Ahnung, mit welchen politischen Positionen diese bewusstseinsphilosophische Position assoziiert sein mag. Vielleicht mit keinen, weil eine solche Assoziation philosophisch gesehen Blödsinn ist und wohl nur zur Diskreditierung meiner Kritik an der GBS dient. Hier meine Auffassungen rund um den Substanzdualismus:

  1. Ich finde die Belege für ein Leben nach dem Tod unzureichend. Ich habe keine Ahnung, was mit der Seele nach dem Tod geschieht.
  2. Ich sehe keine hinreichenden Belege für irgendwelche übernatürlichen Psi-Kräfte, Wunderheilung, Magie und all solchen Kram, der irgendwie von Esoterikern mit dem „Geist“ in Verbindung gebracht wird. Die Geistsubstanz/Seele und ihre Erzeugnisse sind für mich das, was die Geisteswissenschaften untersuchen. Germanistik, Geschichte, Pädagogik, Psychologie, Philosophie, Ethnologie, solche Fächer.
  3. Wir nehmen durch Introspektion wahr, dass wir einen Geist haben. Wir erinnern uns, denken nach, wir empfinden bewusst Sinneseindrücke (Qualia). Der Geist ist nur durch die subjektive Innensicht erfahrbar und nicht von Dritten lesbar oder direkt messbar. Er ist lediglich indirekt anhang seiner Wirkungen (z.B. die menschliche Geschichte) und durch Introspektion (Philosophie) erforschbar, was die Geisteswissenschaften tun. Ich weiß, dass er existiert, weil ich es gerade selbst erlebe. Dasselbe gilt für die Willensfreiheit als Eigenschaft des menschlichen (und vielleicht zum Teil tierischen) Bewusstseins.
  4. Ich glaube, im Gegensatz zu Descartes, dass auch viele Tiere eine Seele haben. Das denken moderne Substanzdualisten häufig. Also nein, das rechtfertigt keine Tierquälerei. Übrigens war nicht Descartes, sondern der Behaviorismus maßgeblich für die Entwicklung der industriellen Tierhaltung.
  5. Ich glaube nicht, dass sich aus dem Substanzdualismus Positionen zu politischen Themen wie Sterbehilfe und Abtreibung ergeben. Man könnte ebenso ein nicht-reduktionistischer Naturalist sein und dasselbe dazu denken. Ein Materialist könnte der Meinung sein, dass die wunderbare biologische Maschine Mensch nicht leichtfertig zur Beendigung ihrer Funktionalität gebracht werden sollte. Man kann die verschiedensten grundlegenden Positionen zur Bewusstseinsphilosophie vertreten und für oder gegen Abtreibung und Sterbehilfe sein.

Stefan R. schrieb diesen merkwürdigen Kommentar zu meinem Essay auf Facebook: „Die Unterstellungen von A. Müller sind teilweise ziemlich abwegig, da er immer wieder die freie Entscheidung eines Menschen infrage stellt (…)“. Da ich zur Willensfreiheit eine libertaristische Auffassung habe, also an die Willensfreiheit glaube, ist das eine sehr kuriose Kritik. Ich weiß zudem nicht, was meine „Unterstellungen“ sein sollen, ich habe alles belegt.

Es gab auch die üblichen Kommentare in die Richtung, welcher Quatsch die Philosophie ist, weil sie keine Naturwissenschaft ist. Die Akademiker mit dem höchsten IQ sind Quantenphysiker und Philosophen. Aber wie es aussieht, sind einige Internettrolle noch schlauer und durchschauen, dass Philosophen nur Unsinn fabrizieren.

Vielleicht sollte mich das alles nicht weiter kümmern. Ich finde es nur schade, dass es keine qualifizierte Kritik an meinem Essay gab. Dass die Antworten so sektierisch und intolerant ausfielen, bestätigt dann wohl meine Kritik.

Im Übrigen beeindrucken meine Kritiker niemanden bei der RDF, der GKPN und der GWUP. Offenbar ist das Ziel von manchen eine weltanschauliche Säuberung, sodass am Ende nur antitheistische Materialisten geduldet werden. Lasst euch mal untersuchen. Und nein, kommt nicht in Frage.

Einladung zu kommenden Veranstaltungen

Wer ein höheres Niveau bevorzugt, als es Social Media hergibt, den lade ich zum Skeptischen Netzwerk der GWUP ein. Ich bin dort Moderator und Host der Channels über Philosophie und Geschichte. Mein nächster Vortrag für die GKPN am 8. November behandelt antitheistische historische Mythen. Für die RDF werde ich weiterhin gerne dogmatische Spinner mit meinen Essays ärgern.

Wer mich persönlich treffen möchte, findet mich auf der Skepkon 2023 vom 18. bis 21. Mai in Frankfurt am Main. Und zuvor wahrscheinlich wieder beim gemeinsamen Stammtisch von (ratet mal) der GWUP und der GBS in Hamburg, denn wir veranstalten auf ursprünglich meine Initiative unseren Stammtisch zusammen. Weil ich trotz meiner harten Kritik an der GBS kein intoleranter Kultist bin, der Organisationen weltanschaulich säubern möchte.

Dank von einem katholischen Priester

Die einzig vernünftige und respektvolle Antwort auf meinen Essay hat der katholische Priester Norbert Schönecker auf der RDF-Website verfasst:

Herzlichen Dank für diesen Beitrag, besonders für den Link zu den „Mythen der Neuen Atheisten“, die zu den überaus lesenswerten Artikeln von Tim O`Neill weiterverlinken.

Wohl wissend, dass wir immer noch höchst unterschiedliche Glaubensvorstellungen haben, kann ich Ihnen meinen tiefen Respekt vor Ihrer intellektuellen Ehrlichkeit und Ihrem aufrichtigen Charakter bezeugen. Es gehört viel dazu, die Wahrheit über den persönlichen Stolz zu stellen.

Norbert Schönecker

Zur Nachahmung empfohlen.

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