Wir sollten Prostitution verbieten

Irgendwas scheint daran falsch zu sein. Dieses Gefühl dürfte auch viele der Menschen begleiten, die für die (weitere) Liberalisierung der Prostitution eintreten. Es stellt jedoch die progressive und damit ethisch überlegene Haltung dar, den Leuten immer mehr „Freiheit“ gönnen zu wollen. Das hält viele davon ab, dieses Thema aus mehreren Perspektiven zu beleuchten.

Dabei wissen wir eigentlich alle: Die persönliche Freiheit hat ihre Grenzen. Wir dürfen niemanden vergewaltigen, ermorden und verklaven. Auch dann nicht, wenn jemand darum bittet, wenn wir jemanden dafür bezahlen oder wenn wir dafür bezahlt werden. So ergibt sich die Frage, welche Phänomene in die Kategorie gehören, die dem Markt entzogen sein sollte.

Bekanntlich war ich einige Jahre lang libertär, radikal für die individuelle Freiheit. Ich trat für ein Recht von Prostitutierten ein, mit ihrem Körper nach eigenem Belieben zu verfügen. Als Libertärer glaubt man, dass die eigene Position die ethisch richtige ist. Individuelle Menschen sollten vollständig über ihr Leben und ihr Eigentum verfügen und damit anstellen dürfen, was immer sie wollen.

Man bekommt komische E-Mails, wenn man solche Positionen vertritt. Es gibt Leute, die Geschäfte damit machen, Prostituierte einer Gruppe von Männern einen Abend oder länger für ihre Zwecke zur Verfügung zu stellen.

Ist Prostitution ein Beruf wie andere?

Es erscheint aus libertärer Sicht klar: „Sexarbeiter:innen“ bieten ein bestimmtes Tauschgeschäft an. Wie Popstars, Bäckereifachverkäufer und Stahlarbeiter machen sie Dinge mit ihrem Körper, um dafür entlohnt zu werden. Sie müssen das alles theoretisch nicht machen. Prostitution ist nur dann falsch, wenn Frauen dazu gezwungen werden.

Doch in der Realität ist Prostitution eine Form des sexuellen Missbrauchs. Ebenso Camgirls und Pornografie. Da die Frauen dafür bezahlt werden, geben sie ihr Recht auf, dem Missbrauch zu widersprechen. Sie geraten nicht aus einer aufgeklärten Bildungsbürgerwahl heraus in die Prostitution, sondern werden in der Regel dazu in jungen Jahren seitens gewissenloser Männer manipuliert und genötigt. Sie sind sich über ihre alternativen Optionen nicht bewusst. Menschen sind Gewohnheitstiere, so ist es schwer, aus dieser Gewohnheit auszubrechen. Auch entwickelt man ein zu geringes Selbstwertgefühl, man gewinnt den Eindruck, es irgendwie zu verdienen.

Wer Prostitution befürwortet, sollte sich diese Frage stellen: Würdest du es gerne sehen, wenn sich jemand aus deinem Familien- und Freundeskreis prostituiert? Wünscht du dir diese Zukunft für deine Tochter? Wenn nicht: Warum wünscht du anderen Menschen dieses Leben?

Ich empfehle dieses Interview des „Skeptic“-Chefs Michael Shermer mit der ehemaligen Prostitutierten Rachel Moran:

Außerdem empfehle ich zum Thema die „Sieben Mythen der Prostitution“ von Terre des Femmes. Ich unterstütze ebenso das „nordische Modell“: Entkriminalisierung der Prostituierten, 2) Kriminalisierung der Sexkäufer und Betreiber, und 3) Finanzierung von Ausstiegsprogrammen für Prostituierte.

Warum befürworten viele Menschen ein Recht auf Prostitution?

In meinem Fall ist es klar: Libertäre Ideologie, gepaart mit der üblichen Weltfremdheit dieser Kreise. Doch wie Umfragen zeigen, wissen es die meisten Menschen besser, als ich es damals wusste. Wenn ich es jedoch besser weiß, dann vertrete ich natürlich andere Positionen. Was ich ja nun auch tue. Doch warum vertreten viele Menschen, die es besser wissen, trotzdem ein „liberales Recht“ auf Prostitution?

„Eine überwältigende Mehrheit geht von der Gewalttätigkeit von Zuhältern und Freiern aus, in der Illegalität. Gleichzeitig aber fordert nur eine Minderheit ein Verbot der Prostitution. Wie kann das sein?“ Diese Frage stellte sich die Institut für Demoskopie Allensbach.

PROF. DR. RENATE KÖCHER
INSTITUT FÜR DEMOSKOPIE ALLENSBACH

Soziologisch gesehen zählt meine eigene Kaste am ehesten zu den Gegnern eines Prostitutionsverbots: „Die Gegner eines Prostitutionsverbotes rekrutieren sich überdurchschnittlich aus West­deutschland, der männlichen Bevölkerung, der mittleren Generation und den höheren Bildungsschichten.“

Ich rudere mal wieder gegen den Strom. Stolz darauf bin ich trotzdem nicht, denn mir hätte das alles viel früher klarwerden müssen. Ich komme mir naiv und dumm vor.

„Zwei Motive beeinflussen die Haltung zu einem Prostitutionsverbot vor allem: Die Einschätzung, dass dieser Bereich immer Bestandteil menschlicher Gesellschaften war und nur begrenzt zu regulieren ist, und die Tendenz, Sexualität generell der Privatsphäre zuzuordnen.“

PROF. DR. RENATE KÖCHER
INSTITUT FÜR DEMOSKOPIE ALLENSBACH

Auch Diebstahl und Mord gibt es in allen Gesellschaften. Diese Praktiken sind trotzdem verboten. Auch Kindesmissbrauch und Vergewaltigung in der Ehe sind illegal, obwohl sie sich in der Privatsphäre abspielen. Diese Argumente sind sehr schwach.

Dann gibt es noch das Argument, dass Prostituierte für die Triebregulierung von Männern nötig wären, die keine Frau bekommen. Zunächst einmal heißt das, dass man Frauen absichtlich dazu missbrauchen möchte, männlichen Trieben zu dienen. Tatsächlich gehen außerdem kaum je Männer dieses Typs zu Prostituierten. Es sind in der Tendenz gewalttätige Machos, die zu Prostituierten gehen. Ferner beruht diese Triebregulierungsidee auf längst widerlegten Thesen von Sigmund Freud.

Vielleicht gibt es eher Rationalisierungen für die Prostitution und weniger Argumente.