Kant musste lange warten

…aber jetzt kommt die Aufklärung zurück!

Mein nächstes Webinar behandelt die Frage, ob Wissen möglich ist und wie wir an Wissen gelangen. Im Widerspruch zum Zeitgeist sagen wir Objektivisten: Ja, Wissen ist möglich. Du kannst die Welt verstehen. Und es gibt eine klare Methode, wie du das tun kannst. Weiterlesen

Widerlegt das Gefangenendilemma den Egoismus?

Peter Singer: Eine Darwinistische LinkeIn seinem Buch A Darwinian Left: Politics, Evolution, and Cooperation nutzt der Philosoph Peter Singer die Evolutionsbiologie, um ein Konzept für eine moderne politische Linke auszuarbeiten. Als Vertreter einer altruistischen Ethik führt Singer in diesem Buch das Gefangenendilemma, ein Modell aus der Spieltheorie (mathematische Ökonomie), als Beweis an, dass sich die egoistische Ethik selbst widerlege. Er schreibt:

„[Das Gefangenendilemma] zeigt, dass das Ergebnis rationaler, eigeninteressierter Entscheidungen von zwei oder mehr Individuen sie alle schlechter stellen kann, als wenn sie nicht ihr kurzzeitiges Eigeninteresse angestrebt hätten. Die individuelle Verfolgung des Eigeninteresses kann kollektiv selbstzerstörerisch sein.“ (S. 48)

Wie sie formuliert ist, würde ich dieser Aussage zustimmen. In der Tat führt das Handeln im kurzfristigen Eigeninteresse weder zum eigenen Wohl noch zum Wohl irgendeiner Gruppe. Das sieht die objektivistische Ethik ebenso. Im Grunde wüsste ich gerne, welcher Moralphilosoph das anders sieht oder jemals anders gesehen hat.

Möglicherweise hat es in der sensualistischen Strömung der Aufklärung, den frühen Verteidigern des „Kapitalismus“ manche gegeben, die in eine solche Richtung gegangen sind. Unter den Anarchokapitalisten scheinen sich auch noch einige zu finden, die das so ähnlich sehen. Aber diese Ideen sind philosophisch so gut wie bedeutungslos und wenn Menschen im kurzfristigen, subjektiven, gefühlsgesteuerten Eigeninteresse handeln, dann meistens doch eher, weil sie keine Prinzipien haben, und nicht, weil sie einer bestimmten Philosophie folgen (außer vielleicht einer solchen, die sagt, es wäre gut, keine Prinzipien zu haben, wie etwa der Pragmatismus).

Immerhin ist das noch weit entfernt vom wohl absurdesten Argument gegen den rationalen Egoismus, das sich der berühmte zeitgenössische Philosoph Derek Parfit ausgedacht hat: Laut dem rationalen Egoismus sei es unvernünftig, für die eigene Rente vorzusorgen, weil es keinen Grund gebe, jetzt auf einen Vorteil zu verzichten, um dem zukünftigen Selbst einen Gefallen damit zu tun – weil das zukünftige Selbst eine andere Person sei als das jetzige Selbst. Einer anderen Person etwas Gutes zu tun und dafür selbst auf etwas zu verzichten, wäre eher altruistisch als im rationalen Eigeninteresse. Und die Leute fragen mich, was ich an moderner Philosophie auszusetzen habe!

Wirklich alle Versuche, an John Lockes Argumentation, was die menschliche Person auszeichne (Kontinuität über die Zeit, etc.), vorbei zu argumentieren, führen zu bizarren Albernheiten, bis hin zur Leugnung, dass etwas wie eine Person überhaupt existiere. Eine Idee, die gerade heute beliebt ist und  sicherlich auf die ganzen Nicht-Entitäten zutrifft, die sie vertreten.

Genug mit der Abschweifung und zurück zum Gefangenendilemma. Im Folgenden werde ich darlegen, wie das Dilemma lautet, was es bedeutet, wo es in der Praxis eine Rolle spielt („Tragedy of the Commons“) und warum es den Kapitalismus und die objektivistische Philosophie nicht betrifft.

Widerlegt das Gefangenendilemma den Egoismus?

Hier ist das Dilemma:

Das Gefangenendilemma sperrt den Verstand anderweitig vernünftiger Menschen hinter Gitter (morguefile.com)

Das Gefangenendilemma soll ein Argument für den Altruismus darstellen (morguefile.com)

Zwei Gefangene werden verdächtigt, gemeinsam eine Straftat begangen zu haben. Beide Gefangene werden in getrennten Räumen verhört und haben keine Möglichkeit, sich zu beraten bzw. ihr Verhalten abzustimmen. Die Höchststrafe für das Verbrechen beträgt sechs Jahre. Wenn die Gefangenen sich entscheiden zu schweigen (Kooperation), werden beide wegen kleinerer Delikte zu je zwei Jahren Haft verurteilt. Gestehen jedoch beide die Tat (Defektion), erwartet beide eine Gefängnisstrafe, wegen der Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden jedoch nicht die Höchststrafe, sondern lediglich von vier Jahren. Gesteht nur einer (Defektion) und der andere schweigt (Kooperation), bekommt der erste als Kronzeuge eine symbolische einjährige Bewährungsstrafe und der andere bekommt die Höchststrafe von sechs Jahren.

In diesem Szenario würden beide Gefangene gestehen (Defektion), wenn sie eine möglichst geringe Haftstrafe anstreben. Sie bekommen dann vier Jahre Haft. Geringer wäre die Haftstrafe, wenn sich beide entscheiden würden zu schweigen (Kooperation). Das funktioniert nur, wenn es beide tun, sonst bekommt der eine Gefangene eine einjährige Bewährungsstrafe und der andere die Höchststrafe von sechs Jahren.

Das Gruppeninteresse weiche hier also vom Einzelinteresse der Individuen ab, sagen Ökonomen. Die Implikation ist, dass wir manchmal in unserem eigenen Interesse entgegen dem handeln sollten, was uns vernünftigerweise als unserem eigenen Interesse dienlich erscheint. Wir sollten etwas tun, von dem wir glauben müssen, dass es uns schadet, weil es uns tatsächlich nützt. Und das, was wir tun sollen, ist uns nach bestem Wissen und Gewissen selbst zu schaden, indem wir mit anderen kooperieren. Am Ende ist das auch für uns das Beste.

Was man damit nun als individueller Mensch anfangen soll, ist die Frage. In der Mischwirtschaft ist das Gefangenendilemma gelegentlich anzutreffen, im reinen Kapitalismus zumindest viel seltener.

Tragedy of the Commons: Das Dilemma in der Praxis

Die "Tragödie der Gemeingüter" (Implikation des Gefangenendilemmas) ist kapitalistischen Philosophen bekannt. Tibor Machan widmete dem Thema ein Buch.

Die „Tragödie der Gemeingüter“ (Implikation des Gefangenendilemmas) ist kapitalistischen Philosophen bekannt. Tibor Machan widmete dem Thema ein Buch.

Das Gefangenendilemma wird als Argument gegen das Handeln im rationalen Eigeninteresse angeführt. In der Praxis findet man es in abgewandelten Formen als Trittbrettfahrerproblem bei Gemeingütern vor. Das bedeutet, es bezieht sich gerade nicht auf den Kapitalismus, wo sich die Produktionsfaktoren in Privateigentum befinden. Vielmehr wurde das Trittbrettfahrerproblem häufig als einer der Gründe für das Scheitern des Sozialismus angeführt: Wenn jeder bekommt, was er benötigt, unabhängig davon, wie viel Arbeit er investiert, dann wird jeder möglichst wenig arbeiten und möglichst viel „benötigen“.

Nun gibt es auch innerhalb marktwirtschaftlich organisierter Gesellschaften Gemeingüter, darunter: Die natürliche Umwelt (eine „gesellschaftliche Ressource“).

Überfischung

Ein reales Beispiel für die Tragödie der Gemeingüter ist die Konkurrenz zwischen Fischern um die Fische im Meer. Der Grund für Überfischung besteht darin, dass das Meer als Gemeingut angesehen wird und wenn jeder Fischer im Eigeninteresse handelt, dann fischt er so viel, wie es geht, und zwar schneller als die anderen – bevor die Fische weg sind.

Das führt zur Überfischung der Ozeane. Die Fischer würden davon profitieren, wenn sie stattdessen kooperieren und sich absprechen würden, nur eine bestimmte Menge zu fischen, damit sich der Fischbestand erholen kann. Hier erkennt man auch einen Unterschied zum Gefangenendilemma: Den Fischern ist das Problem der Überfischung bekannt und sie könnten sich mit anderen Fischern absprechen. Die Gefangenen wissen hingegen nicht, was der andere Gefangene tut, sie können sich nicht absprechen und sie können daher nicht das beste Ergebnis durch Kooperation erreichen.

Da Fischer aber aus verschiedenen Ländern und von verschiedenen Orten kommen und für verschiedene Unternehmen arbeiten, ist das mit der Kooperation trotzdem nicht einfach. Außerdem: Was, wenn ein neuer Fischer dazukommt und sich nicht an die Fischquoten hält, auf die man sich mit dem Fischerkartell geeinigt hat? Schließlich gehören dem hypothetischen Fischerkartell nicht das Meer und nicht die Fische. Seine Mitglieder können also niemanden effektiv davon abhalten, doch mehr zu fischen, als abgesprochen wurde. Eben weil das Meer und die Fische Gemeingüter sind.

Also sollte man eben die Fische privatisieren.

Öffentliche Schulen

Wie kann man die Bildung in einer kapitalistischen Gesellschaft gestalten? Diesem Thema hat Machan einen Sammelband gewidmet.

Wie kann man die Bildung in einer kapitalistischen Gesellschaft gestalten? Diesem Thema hat Machan einen Sammelband gewidmet.

In unserer Gesellschaft ist mehr als nur die natürliche Umwelt Gemeingut, nämlich auch „öffentliche Güter“ wie öffentliche Bibliotheken, Schulen und die Infrastruktur. Um gesellschaftliche Ressourcen herrscht Konkurrenz – verschiedene Fischer wollen möglichst den anderen zuvorkommen – und um öffentliche Güter nicht oder nur bedingt.

Wie sich das Trittbrettfahrerproblem bei Gemeingütern („tragedy of the commons“) bei öffentlichen Schulen unter anderem auswirkt, habe ich meiner Schulzeit mit der Lehrkraft besprochen, die mit der Ausleihe der Schulbücher befasst war. Der Lehrer war frustriert und wütend, weil die Schüler keinen großen Anreiz hatten, auf die Bücher achtzugeben. Auch die Eltern haben sie nicht dazu angehalten, die Bücher sorgfältig zu behandeln. Und so gab es jedes Mal einen Kampf um halbwegs brauchbare, nicht vollgekritzelte Schulbücher. In Harry Potter und der Halbblutprinz gibt es eine witzige Szene, in der sich Ron und Harry um eine Ausgabe des Zaubertränke-Buches streiten, die sich um dasselbe Thema dreht:

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=VmyCIY0mZsI[/tube]

Der Grund für die mangelnde Sorgfalt beim Umgang mit den Schulbüchern ist die Tatsache, dass die Schüler die Bücher umsonst bekommen, sie jedem gehören und sie wieder zurückgegeben werden müssen. Der individuelle Schüler interessiert sich nur für sich selbst und nicht für „nachfolgende Generationen“ von Schülern, wie uns Ökologen in einem anderen Zusammenhang ermahnen. Als Lösung für das Problem schlagen manche Strafen vor. Wer ein Buch zerstört, muss es bezahlen. Das Ergebnis davon war, dass jeder sein Buch gerade so sehr kaputt gemacht hat, dass es deutlich schlechter ausgesehen hat als vorher, aber auch so, dass er es noch nicht bezahlen musste.

Klar, nicht alle Menschen sind dermaßen beschränkt. Ich habe so gut wie nie in meine Schulbücher gekritzelt oder sie sorglos behandelt. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass genügend Menschen die Gelegenheit ergreifen werden, möglichst alles zu zerstören, was sie zerstören können, solange sie dafür keine negativen Folgen spüren.

Der Lehrer, mit dem ich über das Problem sprach, hatte seine Großzügigkeit hinter sich gelassen. Er forderte, dass die Eltern für die Schulbücher eine Leihgebühr bezahlen und wenn die Kinder das Buch beschädigen, dann den vollen Kaufpreis.

Ich fragte ihn, wie Eltern mit einem geringen Einkommen die Leihgebühr bezahlen sollten – und die ganzen anderen Gebühren, die er sich inzwischen für andere Schulbelange überlegt hatte; er war auch für die Lagerung der Schulmöbel zuständig. Er meinte, einkommensschwache Kinder könnten auch von privaten Stiftungen gefördert werden, gab aber zu, dass dies ein Problem darstellen könne. Tatsache ist jedoch: Wer sich Kinder nicht leisten kann, soll vernünftigerweise auf Kinder oder zu viele Kinder verzichten. Andere Eltern über die Umwege von Steuern für die Zerstörungslust der eigenen Kinder zahlen zu lassen, ist unethisch.

Die Wikipedia-Beispiele

Der Fischereiökonom Rognvaldur Hannesson befasst sich mit der Privatisierung der Meere

Der Fischereiökonom Rognvaldur Hannesson befasst sich mit der Privatisierung der Meere

Ich soll mir die Beispiele auf Wikipedia anschauen, wenn ich nicht glaube, dass es das Gefangenendilemma in der Realität so gibt, meinte der Volkswirt Ulrich Berger. Also habe ich das nunmehr getan. Hier meine Antworten (ähnliche Fälle ausgelassen):

1. Aufrüstung

Vereinbaren beispielsweise zwei Länder eine Rüstungskontrolle, so wird es immer individuell besser sein, heimlich doch aufzurüsten. Keines der Länder hält sich an sein Versprechen und beide sind durch die Aufrüstung schlechter gestellt (höheres Gefahrenpotential, höhere ökonomische Kosten), allerdings besser, als wenn nur der jeweils andere aufrüstete (Gefahr einer Aggression durch den anderen).

Eines der verfeindeten Länder ist nicht schlechter gestellt als das andere, wenn es erst einmal genügend aufgerüstet hat, um binnen einer Woche in der feindlichen Hauptstadt zu stehen. Irgendwann bringt die Aufrüstung keinen Mehrwert mehr („Gesetz des abnehmenden Ertrags“).

Die USA konnten die Sowjetunion mit Atombomben zerbröseln und umgekehrt. Ronald Reagan machte sich diesen weit verbreiteten Denkfehler, der von Wikipedia angeführt wird, dennoch zu Nutze und rüstete massiv auf, bis die Sowjetunion aufgrund ihrer ökonomischen Schwäche nicht mehr gleichziehen konnte und endgültig Pleite ging. Davon abgesehen hat dieses Beispiel eigentlich nichts mit dem Kapitalismus zu tun und nur innerhalb des Kapitalismus gilt die Harmonie der Interessen.

2. Politikverflechtungsfalle

Das Konzept der Politikverflechtungsfalle deutet darauf hin, dass in den gegebenen Verflechtungsstrukturen nicht nur eine Blockadesituation in Sachentscheidungen vorliegt, sondern dass auch institutionelle Änderungen unmöglich sind, die eine Entflechtung des Mehrebenensystems zur Folge hätten.

Das liegt daran, dass bei einer anstehenden Verfassungsänderung solche Akteure als potenzielle Vetospieler auftreten, die von der Verflechtung profitieren – im deutschen Föderalismus sind dies konkret die Landesregierungen. Die Politikverflechtungsfalle ist also nicht die Blockade durch Vetospieler in der täglichen Entscheidungsfindung, sondern die Unfähigkeit des politischen Systems, institutionelle Änderungen zur Auflösung dieser Blockaden herbeizuführen.

Ist die Blockadepolitik wirklich im aufgeklärten Eigeninteresse der Betroffenen? Nur, wenn man davon ausgeht, dass Länder und Bund zwei verfeindete Parteien sind, die sich gegenseitig ausbeuten wollen. Bei öffentlicher Finanzierung kommt so etwas heraus, aber eben nicht im Kapitalismus, der auch mit diesem Beispiel nichts zu tun hat.

 3. Kartelle

Auch in der Wirtschaft finden sich Beispiele für das Gefangenendilemma, etwa bei Absprachen in Kartellen oder Oligopolen: Zwei Unternehmen vereinbaren eine Outputquote (zum Beispiel bei der Ölförderung), aber individuell lohnt es sich, die eigene Quote gegenüber der vereinbarten zu erhöhen. Beide Unternehmen werden mehr produzieren. Das Kartell platzt. Die Unternehmen im Oligopol sind aufgrund der erhöhten Produktion gezwungen, die Preise zu senken, wodurch sich ihr Monopolgewinn schmälert.

Aus dem Szenario folgt, dass die Einhaltung von Verträgen im aufgeklärten Eigeninteresse der Marktakteure ist. Und das können sie sehr wohl vorher wissen und in der Tat sagt die objektivistische Philosophie nichts anderes.

 4. Erhöhung der Werbeausgaben

Konkurrieren mehrere Firmen auf einem Markt, erhöhen sich die Werbeausgaben immer weiter, da jeder die anderen ein wenig übertreffen möchte. Diese Theorie konnte 1971 in den USA bestätigt werden, als ein Gesetz zum Werbeverbot für Zigaretten im Fernsehen verabschiedet wurde. Es gab kaum Proteste aus den Reihen der Zigarettenhersteller. Das Gefangenendilemma, in das die Zigarettenindustrie geraten war, wurde durch dieses Gesetz gelöst.

Erneut: Gesetz des abnehmenden Ertrags. 

5. Betrug

Ein weiteres Beispiel ist ein Handelsreisender, der seine Kunden bei Vorkasse (gegebenenfalls ungedeckte Schecks) mit guter Ware (kleinerer Profit, aber langfristig sicher) oder gar keiner Ware (hoher kurzzeitiger Profit) beliefern kann. Händler mit schlechtem Ruf verschwinden in solchen Szenarien vom Markt, da keiner mit ihnen Geschäfte macht, und sie ihre Fixkosten nicht decken können. Hier führt „Tit for Tat“ zu einem Markt mit wenig „Betrug“. Ein bekanntes Beispiel nach diesem Muster ist die Funktionsweise des eBay-Bewertungsschemas: Händler, die trotz erhaltener Bezahlung die vereinbarte Ware nicht liefern, erhalten schlechte Bewertungen und verschwinden so vom Markt.

Also lohnt es sich nicht, Menschen zu betrügen. Erneut ein Beispiel, das vom Homo Oeconomicus ausgeht, der sich nicht an rationalen Prinzipien orientiert (wie es die objektivistische Ethik vorsieht), sondern am unmittelbaren Eigeninteresse. Er bekommt auf kurze Sicht mehr Geld und verschwindet auf lange Sicht vom Markt. Offensichtlich ist ein solches Verhalten nicht im aufgeklärten Eigeninteresse und ficht schon gar nicht die objektivistische Ethik oder den Kapitalismus an – im Gegenteil!

Fazit

Das Gefangenendilemma zeigt in einigen Fällen auf, dass das situationsabhängige Handeln im individuellen Eigeninteresse ohne Orientierung an allgemeinen Prinzipien und Tugenden im Ergebnis nicht wirklich den individuellen Nutzen maximiert.

Daran zweifelt die objektivistische Ethik nicht. Im Gegenteil hält sie das situationsabhängige Abwägen, was im Eigeninteresse ist und was nicht, für unmöglich und hat gerade darum allgemeine Handlungsrichtlinien entwickelt. Das Gefangenendilemma kann weder dem Kapitalismus, noch der objektivistischen Ethik etwas anhaben. Mir ist ferner kein Philosoph bekannt, der heutzutage eine dermaßen simple und geradezu alberne Variante des Egoismus befürwortet, wie sie das Modell des Homo Oeconomicus der neoklassischen Ökonomik zum Gegenstand hat.

„Externalität“ ist kein valides Konzept

Die Doktrin der „externen Effekte“ dient heute als Rechtfertigung für alle möglichen Staatseingriffe in die Wirtschaft. Insbesondere wird die Argumentation mit den externen Effekten gebraucht, um ökologische Anliegen wie etwa Ökosteuern und den Emissionsrechtehandel zu rechtfertigen. Das Konzept einer „Externalität“ ist nicht valide, sein Gebrauch reine Willkür.

Um die Chaostheorie der Öffentlichkeit zu erläutern, wurde sie häufig anhand des Schmetterlingseffekts illustriert. „Ein Schmetterling kann in Peking mit den Flügeln schlagen und in New York gibt es Regen statt Sonnenschein“, erklärte sie Ian Malcolm im Film Jurassic Park. Laut der Doktrin der externen Effekte müsste der Schmetterling Schadensersatz dafür leisten, dass er es am anderen Ende der Welt regnen ließ.

Klarheit

Zunächst eine Definition des Begriffs „Externalität“ beziehungsweise „externer Effekt“, damit klar ist, worum es geht: Eine Externalität ist ein Vorteil (positiver externer Effekt) oder Nachteil (negativer externer Effekt), der Menschen aufgezwungen wird, die nicht am Kauf oder Verkauf eines Gutes oder einer Dienstleistung beteiligt waren. Manchmal wird auch noch der Konsum und die Produktion zu den Handlungen gezählt, die externe Effekte auslösen können. Der Empfänger einer Externalität wird nicht für die Kosten, die ihm auferlegt werden, kompensiert und er bezahlt auch nicht für den Vorteil, den er durch sie erhält. Diese Vor- und Nachteile werden als „Externalitäten“ oder „externe Effekte“ bezeichnet, weil sie sich außerhalb eines ökonomischen Tauschgeschäftes abspielen.

Es war Murray Rothbard, der feststellte, dass wir nur anhand von Handlungen erkennen können, ob Menschen wirklich etwas haben möchten oder anderen Schaden zufügen möchten – und nicht anhand von mathematischen Modellen, in die wir auf utilitaristische Art alles „Gute“ und alles „Schlechte“ reinstecken, was dem Menschen im Leben widerfährt, und dem irgendeinen Preis zuweisen. Das wird nämlich gerne mit „externen Effekten“ gemacht.

Mathematische Modelle darum, weil die Ökonomie an den Hochschulen ein mathematisch begründetes Fach geworden ist – wovon die österreichische Schule wenig hält, weil, kurz gesagt, der Mensch einen freien Willen hat und sein Tun psychologisch motiviert ist, während die Mathematik als Hilfswissenschaft der Beschreibung der determinierten, physischen Natur dient. Der Mensch passt nicht in eine Formel.

Laut dem Ökonomen George Reisman sollte man möglichst klar definieren, wann ein Wirtschaftsakteur für eine Leistung kompensiert werden muss und wann er Schadensersatz leisten muss.

Er schreibt: „Man sollte nur für die Vorteile, die man anderen zukommen lässt, kompensiert werden, die diese laut einem frei ausgehandelten Vertrag zu erhalten wünschten. Man sollte nur für Schäden aufkommen müssen, die den Personen oder dem Eigentum von spezifischen, individuellen anderen Menschen einen nachweisbaren physischen Schaden zufügten.“

Mit anderen Worten ist es relevant, ob man durch seine Handlungen (Vertrag abschließen) gezeigt hat, dass man bestimmte Vorteile erhalten möchte. Hat man dies nicht getan, schuldet man niemandem eine Kompensation für die Vorteile, die man erhält. Diese sind quasi wie ein Geschenk anzusehen oder wie etwas, das gar nichts mit monetärer Ökonomie zu tun hat. Etwa die Freue über den Anblick einer schönen Frau.

Ebenso muss niemand für Schäden aufkommen, wenn er anderen, individuellen Menschen keinen nachweisbaren physischen Schaden zufügte. Wenn etwa sein Haus an einer dicht befahrenen Straße liegt und der Anwohner fühlt sich durch den Lärm gestört, so schulde ich als Autofahrer ihm keinen Schadensersatz.

Willkür

Die Doktrin der Externalitäten hebt diese klaren Richtlinien auf und setzt an ihre Stelle reine Willkür. Wenn ich einen Passanten freundlich grüße, erfahre er dadurch bereits einen Vorteil, für den er mich eigentlich bezahlen müsste. Wenn mir jemand unaufgefordert eine Werbemail schickt, in der ich ein interessantes Angebot entdecke, müsste ich dem Werbenden dafür eine Gegenleistung erbringen. In der Tat müssten wir eigentlich den Erfinder des Rades und den Entdecker der Elektrizität finanziell für ihre Leistungen entschädigen.

Nun halte ich es für durchaus richtig, dass wir dem Erfinder des Rades Anerkennung schuldig sind und auch Benjamin Franklin – aber wir sind ihnen keine finanzielle Gegenleistung schuldig. Es gab damals noch kein Urheberrecht und es wäre inzwischen längst abgelaufen. Wiederum müsste laut der Externe-Effekte-Doktrin ein genialer Erfinder unserer Zeit, der dem Gebrauch fossiler Brennstoffe mit einer neuen Technologie ein Ende setzte – Schadensersatz für seine ökologisch wertvolle Erfindung leisten, weil er zahlreiche Menschen damit um ihren Job brächte.

Neben „positiven externen Effekten“ wie meiner Freude über den freundlichen Blick einer schönen Dame gibt es „negative externe Effekte“ wie das, was der CO2-Ausstoß meines Autos, kumuliert mit dem von anderen Autos, indirekt mit der Atmosphäre anstellt. Und obwohl wir Menschen, die von uns verlangen würden, sie für den Genuss finanziell zu entschädigen, den uns der Anblick ihrer schönen Augen beschert, keine finanzielle Gegenleistung zukommen lassen würden – so werden wir durch allerlei Steuern, Gesetze, Verbote de facto dafür bestraft, dass unser Autos CO2 ausstoßen.

Geht man von der globalen Erwärmung aus und von den von Klimaforschern vorhergesagten Auswirkungen, stellt der CO2-Ausstoß natürlich ein Problem dar. Die Frage ist, wie man ihn ethisch einordnen und angemessen darauf reagieren soll.

Kurz gesagt ist nicht alles ein Gegenstand der Wirtschaft und erst recht ist nicht alles eine Sache der Politik.

Die Rolle von CO2

Der Ausstoß von Kohlenstoffdioxid durch Autos und in der Produktion gehört zum Leben in einer industrialisierten Gesellschaft. Wir profitieren alle enorm von Aktivitäten, deren Nebenprodukt der CO2-Ausstoß ist. Für die meisten Vorteile müssen wir nicht zahlen. Die Technologie bietet aktuell keine annähernd rentable Möglichkeit, am CO2-Ausstoß etwas zu ändern. Vielleicht wird das eines Tages anders sein, aber dazu müsste man der technologischen Entwicklung freien Lauf lassen. Etwas, das Ökologen mit ihrer Opposition zu praktisch jeder Technologie, von Gentechnik bis zur Stammzellenforschung (einst auch PCs und elektrische Zahnbürsten) sicher nicht wollen.

Durch ihren Protest gegen die Förderung von Erdöl im Westen – in den USA haben Ökologen schon mehrmals die Ölförderung in Naturschutzgebieten oder einfach im Ödland verhindert – hat die Umweltbewegung lediglich erreicht, dass wir von arabischen Scheichs abhängig gemacht wurden, die wiederum unser Geld in den Terrorismus investieren, der unsere Zivilisation zerstören will.

Weder die arabischen Länder noch Entwicklungsländer wie China und Indien haben das geringste Interesse an einer CO2-Reduktion. Das einzige, was wir mit einer gesetzlich aufgezwungenen Reduktion erreichen, ist eine Schwächung der freien Welt zugunsten der unfreien Welt.

Die Implikation der ökologischen Sicht auf die globale Erwärmung durch menschliche Produktivität lautet: Je ökonomisch erfolgreicher ein Land, je einfallsreicher, fleißiger, fortschrittlicher seine Bevölkerung – desto schlimmer. Denn die erfolgreichen Länder sind demnach die Aggressoren, die mit ihrem rücksichtslosen Handeln im Eigeninteresse unseren ganzen Planeten zerstören.

Der CO2-Ausstoß gehört zum Leben in einer Industriegesellschaft. Er gehörte weniger (obgleich durch offene Feuerstellen und unsere Neigung zum Atmen ebenfalls) zum Leben in primitiven Stammeskulturen oder in Agrargesellschaften. Man kann nicht gesetzlich gegen die Industriegesellschaft vorgehen, wenn man ein Interesse am menschlichen Wohlergehen hat.

Nicht alles ist Ökonomie

Das Händlerprinzip des Objektivismus bietet eine Verständnishilfe, was Tauschgerechtigkeit ist. Wir tauschen materielle Werte, aber wir tauschen auch spirituelle Werte – nicht alles bezahlen wir mit Geld, nicht alles ist Teil des Marktes. Wir tauschen auch mal spirituelle gegen materielle Werte und umgekehrt.

Freundschaft und Liebe sind beispielsweise ein ewiges Geben und Nehmen. Mal kocht der Partner, mal kochen wir, oder er kocht immer und dafür kümmern wir uns um die Müllentsorgung – wie auch immer man es konkret regelt, Freundschaft und Liebe sind keine rein ökonomischen Beziehungen im engen Sinne.

Das gilt auch für „externe Effekte“ wie Socken. Da Menschen Socken tragen, müssen wir den Gestank ihrer Füße nicht einatmen. Wer muss wen dafür bezahlen, dass er Socken trägt? Tatsächlich ist es einfach ein gegenseitiges, stilles Einverständnis, dass wir Socken tragen und auch ansonsten alle auf unsere Hygiene achten. Abgesehen von dem Obdachlosen, der unlängst in unserer örtlichen Straßenbahn unterwegs ist und der zu den Gründen gehört, warum ich inzwischen öffentliche Straßenbahnen meide. Im Übrigen: Achten Sie mal darauf, welche gesellschaftlichen Gruppen sich von kostenfreien Stadtparks am stärksten angezogen fühlen. Manchmal würde ein bisschen mehr Marktwirtschaft auch nicht schaden.

Wie jeder Wissenschaftler glauben auch Ökonomen, sie hätten eine Erklärung für alles im Angebot. Tatsächlich beschreibt die Ökonomie eben nicht jeden Aspekt des menschlichen Lebens – obgleich grundlegende ökonomische Zusammenhänge viel stärker in der Schule gelehrt werden sollten. Das wäre wichtiger, als Grundschülern die Evolution beizubringen (Seitenhieb…).

Letzten Endes sind wir wieder bei der Frage angelangt, ob das Ziel die Mittel rechtfertigt? Dürfen wir die Rechte und Freiheiten von Menschen verletzten, obwohl sie selbst nicht in die Rechte anderer eingreifen, wenn sie lediglich Auto fahren oder Produkte kaufen, die durch CO2-Ausstoß von Fabriken „erkauft“ wurden? Darf der Staat gewaltsam gegen jene vorgehen, die sich nichts zu Schulden kommen ließen – nur, weil ihr Dasein in unserer Gesellschaft eine Auswirkung auf das Wetter haben mag?

Wie der Titel schon sagt

Das Schlusswort übergebe ich an den Wirtschaftsprofessor Brian P. Simpson von der National University in La Jolla, Kanada:

Das „Konzept“ einer Externalität sollte verworfen werden. Es sollte nicht länger im intellektuellen Diskurs oder in Debatten gebraucht werden. Es bietet keine Marktkritik, weil es nicht valide ist und daher ein schädliches Konzept darstellt.

Ein solches Konzept hilft nicht dabei, ein besseres Verständnis eines Aspektes der Realität zu entwickeln; es führt nur zu größerer Verwirrung aufgrund der absurden Implikationen des Konzepts, seiner kollektivistischen Natur und weil es Menschen dazu bringt, grundsätzliche politische Unterscheidungen zu ignorieren (oder zumindest nicht ihre Wichtigkeit zu erkennen), wie die Unterscheidung zwischen einer Regierung, die handelt, um individuelle Rechte zu verletzen oder die handelt, um sie zu schützen.

Literatur

Halbrook, Stephen P.: The „Externalities“ Argument

Reisman, George: Capitalism. A Treatise on Economics, PDF

Simpson, Brian P.: Why externalities are not a case of market failure

 

Die globale Erwärmung wird die neue Eiszeit schmelzen

Globale Erwärmung (Cox & Forkum)

Der Himmel wird uns auf den Kopf fallen – und du bist schuld! (Cox & Forkum)

Donald Prothero, ein amerikanischer Geologe und Paläontologe, durfte im eSkeptic (Online-Ausgabe des US-Skeptikermagazins) einen Leitartikel über den Klimawandel veröffentlichen und über dessen Leugner. Diesmal hat der Skeptiker davon abgesehen, Forscher zu Wort kommen zu lassen, die eine andere Auffassung haben. Das ist bei den Kommentatoren nicht gut angekommen, die fast alle den sehr polemischen Artikel von Prothero kritisierten. In der Tat ist einiges merkwürdig an den Klima-Apokalyptikern.

Man findet den üblichen Kitsch im Artikel über eine Verschwörung von Ölkonzernen, Großunternehmen und Freimarktsadvokaten, die angeblich Forscher dafür bezahlen (schön wäre es, wenn ich Forscher für irgendwas bezahlen könnte), kritische Artikel über den Klimawandel zu publizieren. Rupert Murdoch, das Competitive Enterprise Institute, Zigarettenfirmen, die Waffenlobby, Fox News, Glenn Beck, Rush Limbaugh und „Konservative“ – Prothero nennt die wirklich alle explizit! – haben sich angeblich zusammengetan, um von der großen Gefahr der Klimaerwärmung abzulenken.

Ich hatte mal eine Auseinandersetzung mit dem Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume und ich hielt ihm vor, nur über die evolutionären Vorteile des religiösen Glaubens zu schreiben, weil er von evangelischen Organisationen dafür bezahlt wird. Er hielt dagegen, dass ich von atheistischen Organisationen bezahlt wurde und er somit eine vergleichbare Motivation behaupten könnte. Im Grunde wird jeder von irgendwem bezahlt und man sucht sich, sofern man im weltanschaulichen Bereich tätig ist, natürlich den Arbeitgeber heraus, der ähnliche Ansichten vertritt.

In den Kommentaren zum Prothero-Artikel war zu lesen, dass Klimaforscher häufig von der Soros (George Soros ist ein linker Multimillionär) Foundation und anderen linken Stiftungen finanziert werden und sie dadurch auch nicht glaubwürdiger sind als ihre Gegner. Dieses ganze Finanzierungs-Ding sollte zumindest nicht von der Validität der Argumente ablenken.

Repent! (Cox & Forkum)

„Also gut! Ich glaube, dass die Menschheit die globale Erwärmung verursacht!“ – „Nun gut, gebt dem Häretiker seine Forschungsgelder zurück.“ (Cox & Forkum)

Ich habe dabei keine klare Meinung zum menschengemachten Klimawandel. Aber folgendes gebe ich zu bedenken:

1. Wenn das Wetter schlechter wird, können wir am besten damit umgehen, wenn wir die Freiheit haben, damit umzugehen. Es gibt nicht den geringsten Grund, davon auszugehen, dass wir den Klimawandel besser durch staatliche Planung bewältigen können als durch private Initiative. Angenommen, die Dämme bei der Nordsee brechen. Können die Menschen schneller fliehen und sich weiter südlich ansiedeln, wenn sie erst einen Pass dafür beantragen oder einen Beamten bestechen müssen, oder indem sie einfach fliehen? Die Idee, der Klimawandel würde staatliche Planung implizieren, ist nichts als eine gewollte Assoziation der Ökologen. Staatliche Wirtschaftslenkung wird nicht auf einmal effektiv, nur weil das Wetter schlechter wird. Kommunismus funktioniert weder bei gutem, noch bei schlechtem Wetter. Die Idee, es wäre anders, ist vollkommen verrückt.

2. Die Klimawandel-Fraktion behauptet in der Regel nicht nur, dass es menschengemachten Klimawandel gibt. Klimaforscher fordern meistens politische Zwangsmaßnahmen, um das CO2 zu reduzieren. Die übrige Gesellschaft und andere Wissenschaften bestehen nicht zu fast 100 Prozent aus Sozialisten und Staatsgläubigen. Warum ist das bei Klimaforschern anders?

3. Die Behauptung, eine drohende Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes erfordere, dass wir alle unser Verhalten grundlegend zu unserem Nachteil und gegen unseren Willen verändern, ist dieselbe Behauptung, die Weltuntergangssekten seit Jahrtausenden immer wieder in die Welt setzen. Die ökologische Variante ist besonders giftig, da sie weniger unser Verhalten als unsere bloße Existenz als Bedrohung für den übrigen Planeten ansieht. Wir überleben, indem wir natürliche Rohstoffe in menschliche Werte umwandeln, indem wir produktiv tätig sind. Bei absolut jeder Energieumwandlung ist der Wirkungsgrad nicht 100%. Es entstehen also immer „Abfallstoffe“ wie CO2. Um das zu vermeiden, müssten wir das Atmen einstellen.

4. Die Klimawandel-Warner sind häufig ökologische Aktivisten auch in anderen Bereichen, sie warnen etwa auch vor einer drohenden „Überbevölkerung“.

Globale Erkältung (Cox & Forkum)

„Verhindert globale Erwärmung!“ – „Wir müssen an unserem Timing arbeiten.“ (Cox & Forkum)

Prothero ist ein Beispiel dafür. Er schrieb zum Beispiel folgendes:

Vor allem müssen wir [Menschen] eine Balance der menschlichen Bevölkerung erreichen, um die Umwelt und unsere Lebensweise zu bewahren, denn grenzenloses Wachstum zerstört die Stabilität von Ökosystemen. Man erinnere sich an Darwins frühe Beobachtung, dass die meisten natürlichen Populationen in ihrer Größe stabil zu sein neigen, aber wie es ein Comic-Philosoph namens Pogo es in den 1960ern ausdrückte: „Wir sind dem Feind begegnet, und er ist wir.“

So etwas kommt dabei heraus, wenn man glaubt, der Mensch sei ebenso der natürlichen Selektion unterworfen wie andere Tiere. Natürlich ist der Mensch ein Produkt der Evolution, aber seine Überlebensmethode ist eben nicht das blinde Befolgen von Instinkten. Darum geht er im Gegensatz zu anderen Tieren nicht zu Grunde, wenn er Fressfeinden begegnet, wenn die Nahrung zur Neige geht, wenn das Wetter schlechter wird. Darum wächst die menschliche Population, statt dass wir der Natur hilflos ausgeliefert sind und sie Menschen tötet, damit sie eine „stabile Population“ erreichen. Unsere Überlebensmethode ist die Nutzung der Natur für unsere Zwecke durch den Gebrauch unseres Verstandes – nicht unsere Unterordnung unter natürliche Kräfte.

Prothero schreibt, wir selbst seien unser Feind – nur weil mir existieren. Das ist blanker Menschenhass und nichts anderes.

Wachstum ist die notwendige Folge der produktiven Tätigkeit des Menschen. Wir erfinden immer effizientere Methoden, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Schnellere Computer lösen langsamere Computer ab, besser konstruierte Maschinen schlechtere. Die Landwirtschaft ist unendlich effektiver geworden, als sie das im Mittelalter gewesen ist. Die industrielle Produktion ist um ein Vielfaches effizienter als während der frühen Phase der Industrialisierung. Es gibt nur einen Weg, um das Wachstum zu begrenzen: Dem Menschen das Denken zu verbieten. Das Resultat wäre eine primitive, statische Gesellschaftsordnung, wie wir sie in großen Teilen der islamischen Welt und in Drittweltländern vorfinden. Gesellschaften mit nur geringer oder ohne Arbeitsteilung, in denen jeder dasselbe Wissen hat. In kapitalistischen Ländern hingegen verfügen wir über das akkumulierte Wissen von Milliarden produktiven Menschen, die von ihrem Fachgebiet jeweils mehr verstehen als andere. Und alle profitieren vom Wissen der anderen.

Die ökologische Ideologie wertet bestenfalls die Natur höher als den Menschen. Schlimmstenfalls schreibt sie ausschließlich der Natur einen Wert zu und sieht den Menschen als ihren Zerstörer an. Ökologie ist somit eine eliminatorische Ideologie, deren implizites Ziel mindestens die Zerstörung der modernen Zivilisation und schlimmstenfalls die Zerstörung des Menschen ist.

Dass Klimaforscher so häufig derartige Ideen verbreiten, spricht nicht für wissenschaftliche Unabhängigkeit. Ähnlich wie beim Fach Gender Studies ist es höchst verdächtig, dass so viele politische Ideologen einer bestimmten Ausprägung darin forschen. Eigentlich müsste die Klimaforschung einen ähnlichen Anteil von Linken, Liberalen, Konservativen, Grünen widerspiegeln, wie man ihn in der Gesamtgesellschaft findet. Stattdessen findet man in dem Bereich einen viel größeren Anteil von Ökosozialisten. Die Gender Studies bestehen praktisch nur aus linken Feministen. Eine echte Wissenschaft ist kein Sammelbecken von politischen Ideologen einer bestimmten Kategorie.

Der Wahn des Allgemeinen Willens

"Terror ist die Folge des allgemeinen Prinzips der Demokratie", Maximilian Robespierre

„Terror ist die Folge des allgemeinen Prinzips der Demokratie“, Maximilian Robespierre

„Terror ist nichts weiter als sofortige, strenge, unbeugsame Gerechtigkeit; er ist darum ein Auswuchs der Tugend; er ist weniger ein bestimmtes Prinzip als die Folge des allgemeinen Prinzips der Demokratie, angewandt auf die dringlichsten Bedürfnisse des Vaterlands.“

Maximillien de Robespierre

(Ansprache an das französische Nationalkonvent, 1794)

Der „Allgemeine Wille“ (volonté générale) ist eine noch immer weit verbreitete Idee des Philosophen Jean-Jacques Rousseau. Diese Idee ist die Grundlage eines Glaubens an die Demokratie als politisches System, in dem ein unfehlbarer Mehrheitswillen zur Geltung komme.

Der Allgemeine Wille ist eine Wahnvorstellung. Der Mehrheitswille ist alles andere als unfehlbar. Sein Einfluss ist nur innerhalb eines klaren Rahmens legitim und er muss durch verfassungsmäßige Schranken begrenzt werden.

Die unfehlbare Wahl

Als ich in der zwölften Klasse war, im Jahre 2004, hatte ich eine Diskussion mit anderen Schülern über die Wiederwahl von George W. Bush als US-Präsidenten. Unter ihnen war die Auffassung verbreitet, Bush habe die Wahl „gestohlen“. Diese Auffassung geht auf Michael Moore zurück, bezieht sich eigentlich auf die Wahl von 2000 und war damals schon substanzlos.

Ich hatte keine klare Position zur amerikanischen Politik. Ich hielt nicht viel von beiden Präsidentschaftskandidaten, George W. Bush und John Kerry. Ein Mitschüler äußerte die Meinung: „Kerry hat über die Hälfte der Wähler gewinnen können, also ist er der rechtmäßige Präsident.“ Ich antwortete: „Vielleicht, aber das ist doch egal. Er wird nicht dadurch qualifiziert, dass ihn mehr als die Hälfte der Bürger wählen.“ Mein Gesprächspartner meinte: „Doch! Er ist der demokratisch gewählte, legitime Präsident.“ Diese Aussage schockierte mich. „Was meinst du mit, ‚doch‘?“, fragte ich. „Wieso sollte die Überschreitung einer magischen Grenze von 50% der Wählerstimmen aus einem Kandidaten, von dem ich nichts halte, auf einmal einen guten Präsident machen?“ Der Mitschüler schüttelte den Kopf. „Das ist Demokratie, Andi!“

Ich hatte damals meine religionskritische Phase und bemerkte sofort, dass mit Vernunft hier nichts zu erreichen war. Wer glaubt, dass die Mehrheit Recht hat, nur weil es die Mehrheit ist, der wird sich durch kein Argument vom Gegenteil überzeugen lassen. Die Mehrheit hat in Ägypten den Muslimbruder Mohammed Mursi zum Präsidenten gewählt. Die Italiener haben mehrmals Berlusconi gewählt. Und es gibt zumindest eine Debatte unter Historikern darüber, ob Hitler gewählt wurde oder nicht – auf jeden Fall hatten rechtsradikale Parteien damals die Unterstützung der Mehrheit in Deutschland.

Der Glaube an die Unfehlbarkeit der Masse erschien mir sofort irrational. Solche Ideen müssen jedoch irgendwoher kommen. In der Bibel oder im Koran steht nichts von einer heiligen, unfehlbaren Massenmeinung. Doch es gibt ein Buch, in dem das steht: „Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes“ vom französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau. Auf ihn gehen zentrale gedankliche Grundlagen der heutigen Linken und der Ökologiebewegung zurück. Darunter auch die Idee einer Weisheit der Massen, heute wieder von „Wissenschaftlern“ popularisiert als „Schwarmintelligenz“.

Der Gnade der Masse unterworfen

Köpfung von Ludwig XVI. während der französischen Revolution (http://www.rjgeib.com/thoughts/french/french.html)

Köpfung von Ludwig XVI. während der französischen Revolution (http://www.rjgeib.com/thoughts/french/french.html)

„Wenn die Bürger keinerlei Verbindung untereinander hätten, würde, wenn das Volk wohlunterrichtet entscheidet, aus der großen Zahl der kleinen Unterschiede immer die Volonté générale (Gemeinwille) hervorgehen, und die Entscheidung wäre immer gut“, schrieb Rousseau.

Warum wäre die Entscheidung immer gut? Wir erhalten keine Antwort. Rousseaus Gedanke ist dem „Schleier des Nichtwissens“ recht ähnlich, den der zeitgenössische Denker John Rawls gebraucht, um den Wohlfahrtsstaat zu verteidigen. Und den Liberalismus – und alles, was gerade beliebt ist. Wäre das Volk bestens informiert, dann würde es gute Entscheidungen treffen. Wäre der Mond aus Käse, dann könnten wir ihn essen.

Von diesem Gedankenexperiment, das mit der Realität nichts zu tun hat, gelangt Rousseau auf einmal auf eine Auffassung, wo der Allgemeine Wille realisiert werde: Er entstünde aus einer Volksversammlung, in der weise Männer Ideen einbringen. Wieso und wie entstehen aus einer Volksversammlung (Parlament) unfehlbare, allgute Entscheidungen? Wir erhalten keine Antwort.

Rousseau zufolge sei der Wille des Kollektivs (Allgemeiner Wille) im Gegensatz zum „Willen der Vielen“ – dem Willen aller Individuen einer Nation (Volonté de tous) – absolut und unfehlbar. Die volonté générale bezeichnet das, was der Staat entscheiden würde, „wenn er allgemeingültige Gesetze beschließen, wählen oder abstimmen könnte, und zwar bei vollständiger Informiertheit, höchster Vernunft und uneingeschränkter, also dogmatisch oder emotional ungetrübter, Urteilskraft.“

Das ist eine willkürliche, nicht überprüfbare Behauptung. Eine frei schwebende Abstraktion soll gottgleich perfekte Anordnungen erteilen, die nicht zu hinterfragen sind. Es handelt sich beim „Allgemeinen Willen“ um eine totalitäre Idee – die von der radikalen Linken auch entsprechend verstanden wurde: Die Partei hat immer Recht. Und die Quelle der perfekten Gerechtigkeit seien, logisch folgend, „Volksgerichte“, die allein dem Mehrheitswillen und keinen objektiven Schuldkriterien gehorchen.

Was bedeutet der Mehrheitswille?

Ist der Mehrheitswille nicht absolut und unfehlbar, was ist der dann? Nach meinem Dafürhalten ist er eine pragmatische Institution zum Erhalt unserer Rechte und Freiheiten. Wie Ägypten zeigt, ist er selbst das nicht unbedingt, weil es ganz darauf ankommt, wer gerade die Mehrheit ist. Nur innerhalb eines konstitutionellen Rahmens – in Deutschland als „Grundgesetz“ bekannt – kann der Mehrheitswille zur Bewältigung politischer Aufgaben dienen.

Ich argumentiere unlängst, dass die Einschränkungen der Zuständigkeit des Mehrheitswillens ausgeweitet oder seine Grenzen klarer definiert werden sollten. Es gibt Libertäre, die den Eingriff des Wohlfahrtsstaates in unsere Rechte für so gravierend erachten, dass sie gar nichts mehr von der Demokratie halten und stattdessen eine konstitutionelle Monarchie fordern. Objektivisten gehören nicht zu diesen Libertären. Demokratische Entscheidungen sind innerhalb eines Rahmens legitim. Solange klar definiert ist, wofür der Staat zuständig ist und wofür nicht – ausschließlich für den Erhalt individueller Rechte der Bürger –, stellt eine Demokratie keine große Gefahr dar.

Die Fundamente der freien Gesellschaft sollten also gestärkt werden. Die Rechte des Individuums auf Leben, Freiheit und Eigentum sind vom Staat zu achten. Keine Mehrheit sollte das Recht haben, Steuergelder auf sich selbst umzuverteilen. Da Umverteilung die wirtschaftliche Entwicklung behindert, ist sie auch nicht im aufgeklärten Eigeninteresse der Mehrheit.

Was bedeutet nun eine Mehrheitsentscheidung für das, was wir über diese Entscheidung denken sollten? Im Grunde nur, dass wir sie aus pragmatischen Gründen akzeptieren müssen. Die Meinung der Mehrheit muss weder gut, noch vernünftig, noch richtig sein, nur weil es die Mehrheitsmeinung ist.

Ludwig von Mises: Die Vorzüge der Demokratie

Das universelle männliche Wahlrecht wurde 1848 eingeführt (Wikipedia)

Das universelle männliche Wahlrecht wurde 1848 eingeführt (Wikipedia)

Der Ökonom Ludwig von Mises zeigte die Vorteile einer Demokratie mit folgenden Worten auf – und zugleich erteilt er dem Anarchismus eine Absage:

Der Liberalismus ist somit weit entfernt davon, die Notwendigkeit eines Staatsapparates, einer Rechtsordnung und einer Regierung zu bestreiten. Es ist ein arges Mißverständnis, ihn irgendwie in Verbindung mit den Ideen des Anarchismus zu bringen. Für den Liberalen ist der staatliche Verband zwischen den Menschen eine unbedingte Notwendigkeit, denn dem Staat obliegen die wichtigsten Aufgaben: Schutz des Sondereigentums [= Privateigentums] und des Friedens, in dem allein das Sondereigentum seine Wirkungen zu entfalten vermag.

Daraus ergibt sich ohne weiteres, wie der Staat eingerichtet sein muß, der dem Ideal der Liberalen entspricht. Er muß nicht nur das Sondereigentum beschützen können; er muß auch so eingerichtet sein, daß der ruhige friedliche Gang der Entwicklung nie durch Bürgerkrieg, Revolution oder Putsche gestört wird.

Aus der vorliberalen Zeit her spukt in vielen Köpfen noch die Vorstellung von einer besonderen Vornehmheit und Würde der Tätigkeit, die mit der Ausübung der Regierungshandlungen verbunden ist. In Deutschland genossen bis in die jüngste Zeit, ja genießen selbst noch heute öffentliche Beamte ein Ansehen, das den Beruf der Staatsdiener zum angesehensten gemacht hat. Das gesellschaftliche Ansehen eines jungen Assessors oder Leutnants übertraf das eines in Ehren und Arbeit grau gewordenen Geschäftsmannes oder Anwaltes bei weitem. Schriftsteller, Gelehrte und Künstler, deren Ruf und Ruhm weit über das deutsche Volk hinausgedrungen waren, genossen in ihrer Heimat nur jene Achtung, die ihrem oft nicht gerade hohen Range in der bürokratischen Hierarchie entsprach. Es gibt keinen vernünftigen Grund für diese Überschätzung der Tätigkeit in den Schreibstuben der Behörden. Sie ist Atavismus, ein Überbleibsel aus jener Zeit, da der Bürger den Fürsten und seine Knechte fürchten mußte, weil er jeden Augenblick von ihnen ausgeplündert wurde. An und für sich ist es durchaus nicht schöner, edler oder ehrenvoller, seine Tage in einer Amtsstube mit der Erledigung von Akten zu verbringen, als etwa im Zeichensaal einer Maschinenfabrik zu arbeiten. Der Steuereinnehmer hat keine vornehmere Beschäftigung als jene, die damit beschäftigt sind, den Reichtum unmittelbar zu schaffen, von dem in Form von Steuern ein Teil abgeschöpft wird, um den Aufwand des Regierungsapparates zu bestreiten.

Auf dieser Vorstellung von der besonderen Vornehmheit und Würde der Regierungstätigkeit ist die pseudo-demokratische Theorie von der Staatsverwaltung aufgebaut. Diese Lehre hält es für unwürdig, sich von anderen regieren zu lassen. Ihr Ideal ist daher eine Verfassung, in der das ganze Volk regiert und verwaltet. Das hat es freilich nie gegeben, kann es nie geben und wird es nie geben, auch nicht in Verhältnissen eines Kleinstaates. Man hat geglaubt, in den griechischen Städterepubliken des Altertums und in den kleinen schweizerischen Gebirgskantonen die Verwirklichung dieses Ideals gefunden zu haben. Auch das war ein Irrtum. In Griechenland hat nur ein Teil der Bevölkerung, die freien Bürger, an der Regierung teilgenommen; die Metöken und die Sklaven waren daran nicht beteiligt. In den Schweizer Kantonen werden und wurden noch gewisse Angelegenheiten rein lokalen Charakters in der Verfassungsform der unmittelbaren Demokratie erledigt; alle über den Kreis des engen Gebietes hinausgehenden Angelegenheiten verwaltet jedoch der Bund, dessen Regierung keineswegs dem Ideal der unmittelbaren Demokratie entspricht.

Es ist durchaus nicht eines Mannes unwürdig, sich von anderen regieren zu lassen. Auch die Regierung und Verwaltung, die Handhabung der Polizeivorschriften und ähnlicher Verfügungen erfordern Spezialisten: Berufsbeamte und Berufspolitiker. Das Prinzip der Arbeitsteilung macht auch vor den Aufgaben der Regierung nicht Halt. Man kann nicht gleichzeitig Maschinenbauer und Polizeimann sein. Es tut meiner Würde, meiner Wohlfahrt und meiner Freiheit keinen Eintrag, daß ich nicht selbst Polizeimann bin. Es ist ebensowenig undemokratisch, wenn einige Leute die Aufgaben des Sicherheitsdienstes für alle anderen besorgen, als wenn einige Leute die Erzeugung von Schuhen für alle anderen übernehmen. Es ist nicht der geringste Grund vorhanden, gegen Berufspolitiker und gegen Berufsbeamte aufzutreten, wenn nur die Einrichtungen des Staates demokratisch sind. Demokratie aber ist ganz etwas anderes als das, was sich die Romantiker der unmittelbaren Demokratie vorstellen.

Die Handhabung der Regierung durch eine Handvoll von Leuten – und die Regierenden befinden sich den Regierten gegenüber immer ebenso in der Minderheit, wie die Erzeuger von Schuhen gegenüber den Verbrauchern von Schuhen – ist darauf aufgebaut, daß die Regierten mit der Art und Weise, wie die Regierung gehandhabt wird, einverstanden sind. Die Regierten mögen die Regierungsweise nur als das kleinere Übel oder als ein unvermeidliches Übel auffassen, doch sie müssen der Ansicht sein, daß eine Änderung des bestehenden Zustandes keinen Zweck habe. Hat sich aber einmal bei der Mehrheit der Regierten die Überzeugung durchgesetzt, daß es notwendig und möglich sei, die Regierungsweise zu ändern, an die Stelle des alten Systems und der alten Personen ein neues System und neue Personen zu setzen, dann sind auch die Tage der alten Regierung gezählt. Die Mehrheit wird die Macht haben, auch gegen den Willen der alten Regierung mit Gewalt das durchzusetzen, was sie will. Auf die Dauer kann sich keine Regierung halten, wenn sie nicht die öffentliche Meinung für sich hat, wenn nicht die Regierten der Ansicht sind, daß die Regierung gut sei. Den Zwang, den die Regierung anwendet, um Widerspenstige gefügig zu machen, kann sie nur solange mit Erfolg anwenden, als sie nicht die Mehrheit geschlossen gegen sich hat.

[….]

Und da gelangen wir denn zu dem entscheidenden Punkt aller anti-demokratischen Lehren – mögen sie nun von Abkömmlingen der alten Aristokratie und Anhängern der erblichen Fürsten ausgehen oder von den Syndikalisten, Bolschewiken und Sozialisten – zur Lehre von der Gewalt. Die antidemokratische Lehre verficht das Recht einer Minderheit, sich mit Gewalt zu Beherrschern des Staates und der Mehrheit zu machen. Die sittliche Rechtfertigung dieses Vorganges liege, meint man, in der Kraft, die Herrschaft wirklich zu ergreifen. Daran eben erkenne man die Besten, die allein zum Herrschen und Befehlen Berufenen, daß sie die Fähigkeit hätten, sich wider den Willen der Mehrheit zu deren Herren aufzuschwingen. Hier deckt sich die Lehre der action française mit jener der Syndikalisten, die Lehre Ludendorffs und Hitlers mit jener Lenins und Trotzkis.

[….]

Wenn jede Gruppe, die glaubt, mit Gewalt sich zum Herrn der übrigen aufschwingen zu können, berechtigt sein sollte, den Versuch zu unternehmen, dann muß man sich auf eine ununterbrochene Reihe von Bürgerkriegen gefaßt machen. Ein solcher Zustand ist aber mit dem Stand der Arbeitsteilung, wie wir ihn heute erreicht haben, nicht vereinbar. Die moderne arbeitsteilige Wirtschaft kann nur im ständigen Frieden aufrechterhalten werden. Wenn wir uns auf die Möglichkeit ständigen Bürgerkrieges und innerer Kämpfe einrichten müßten, dann müßten wir die Arbeitsteilung wieder so weit zurückschrauben, daß zumindest jede Landschaft, wenn nicht jedes Dorf annähernd autark wird, d. h. ohne Zufuhr von außen eine Zeitlang selbständig sich ernähren und erhalten kann. Das würde einen so ungeheueren Rückgang der Ergiebigkeit der Arbeit bedeuten, daß die Erde nur einen Bruchteil jener Menschenzahl ernähren könnte, die heute auf ihr lebt. Das antidemokratische Ideal führt zu einer Wirtschaftsordnung, wie sie das Mittelalter und das Altertum kannten. Jede Stadt, jedes Dorf, ja jeder einzelne Wohnsitz waren befestigt und zur Verteidigung eingerichtet, jede Landschaft in der Versorgung mit Gütern möglichst unabhängig von den übrigen Teilen der Erde.

Auch der Demokrat ist der Meinung, daß die Besten herrschen sollen. Doch er glaubt, daß die Eignung eines Mannes oder einer Anzahl von Männern zur Herrschaft sich besser dadurch erweist, daß es ihnen gelingt, ihre Mitbürger von ihrer Befähigung zum Herrscheramt zu überzeugen, so daß sie ihnen freiwillig die Besorgung der Regierungsgeschäfte überlassen, als dadurch, daß sie durch Gewalt die anderen zur Anerkennung ihrer Ansprüche zwingen. Wem es nicht gelingt, durch die Kraft seiner Argumente und durch das Vertrauen, das seine Person einflößt, die Führerstelle zu erlangen, der darf sich nicht darüber beschweren, daß seine Mitbürger ihm andere vorziehen.

Eine dauerhafte Regierungsmacht kann nur eine Gruppe aufrichten, die auf die Zustimmung der Beherrschten rechnen kann. Wer die Welt nach seinem Sinne regiert sehen will, muß trachten, die Herrschaft über die Geister zu erlangen. Es ist unmöglich, die Menschen gegen ihren Willen auf die Dauer einem System untertan zu machen, das sie ablehnen. Wer es mit Gewalt versucht, wird schließlich scheitern und durch die Kämpfe, die sein Beginnen hervorruft, mehr Unheil stiften, als eine noch so schlechte Regierung, die sich auf die Zustimmung der Regierten stützt, anrichten kann. Man kann die Menschen nicht gegen ihren Willen glücklich machen.

Es gibt also bei jeder Art der Verfassung ein Mittel, um wenigstens schließlich und endlich die Regierung von dem Willen der Beherrschten abhängig zu machen: den Bürgerkrieg, die Revolution, den Putsch. Doch gerade diese Auswege will der Liberalismus vermeiden. Eine dauernde Aufwärtsbewegung der Wirtschaft ist nicht möglich, wenn der friedliche Gang der Geschäfte immer wieder durch innere Kämpfe unterbrochen wird. Ein politischer Zustand wie der, in dem England sich zur Zeit der Kämpfe der beiden Rosen befand, würde das moderne England in wenigen Jahren in das tiefste und entsetzlichste Elend stürzen. Nie wäre der moderne Stand der wirtschaftlichen Entwicklung erreicht worden, wenn es nicht gelungen wäre, den Bürgerkrieg auszuschalten. Eine Revolution, wie es die französische von 1789 war, hat große Opfer an Gut und Blut gekostet; die moderne Wirtschaft könnte solche Erschütterungen nicht mehr vertragen; die Bevölkerung einer modernen Großstadt müßte unter einer revolutionären Bewegung, die ihr etwa die Zufuhr der Nahrungsmittel und der Kohle abschneiden und die Versorgung mit Elektrizität, Gas und Wasser unterbinden könnte, so entsetzlich leiden, daß schon die Befürchtung, daß solche Unruhen ausbrechen könnten, das großstädtische Leben lahmlegen müßte.

Hier ist es, wo die gesellschaftliche Funktion der Demokratie einsetzt. Demokratie ist jene Verfassungsform eines Staates, die die Anpassung der Regierung an die Wünsche der Regierten ohne gewaltsame Kämpfe ermöglicht. Wenn im demokratischen Staatswesen die Regierung nicht mehr so geführt wird, wie es die Mehrheit der Bevölkerung haben will, dann braucht es keinen Bürgerkrieg, um jene Männer in die Ämter zu bringen, die so zu arbeiten gewillt sind, wie es die Mehrheit will. Der Wahlapparat und der Parlamentarismus sorgen schon dafür, daß sich der Regierungswechsel glatt und reibungslos, ohne Gewaltanwendung und ohne Blutvergießen vollzieht.

Quelle: Mises, Ludwig von: Liberalismus

„Aufgeklärter Diskurs“

Häufiger Talkshowgast im deutschen Fernsehen (Wikipedia)

Häufiger Talkshowgast im deutschen Fernsehen (Wikipedia)

Durch Überzeugungsarbeit argumentiere ich also im demokratischen Rahmen dafür, die Befugnisse der Mehrheit zugunsten der Freiheit und der Verantwortung des individuellen Bürgers einzuschränken.

Viele der politischen Diskurse im Fernsehen sind für Objektivisten moralisch skandalös. Man denke etwa an die Debatten darüber, ob eine Reichensteuer eingeführt werden sollte – eine Strafe für Produktivität – oder ob Abtreibung und Sterbehilfe legal sein sollten. Vor dem Hintergrund individueller Rechte erübrigen sich solche Fragen, beziehungsweise bleiben nur Detailfragen übrig. Demnach ist das erwachsene Individuum der alleinige Souverän über sein eigenes Leben und hat zugleich keine Befugnis, über das Leben anderer Menschen zu entscheiden. Natürlich darf er seine Meinung darüber äußern, ob andere Menschen vernünftige Entscheidungen treffen oder nicht – das mache ich selbst hier recht häufig – aber er darf sie nicht dazu zwingen, sich seinem Willen zu beugen.

Statt diese Tatsache anzuerkennen, maßen sich Ethikkommissionen, religiöse Bedenkenträger und andere Schamanen an, über Anfang, Ende und Verlauf des Lebens ihrer Mitmenschen mittels staatlicher Gewalt entscheiden zu dürfen. Das Recht dazu erdreisten sie sich von Gott oder von ihrem Gewissen (intrinsische Ethik) oder vom Allgemeinwohl (sozialer Subjektivismus) abzuleiten. Rein willkürliche Grundlagen einer Moral, die nicht auf den Tatsachen der Realität beruht.

Der Mensch überlebt durch die Anwendung seines Verstandes im Dienste seines Überlebens. Das Denken ist ein individueller Vorgang, der nur freiwillig funktioniert. Totalitäre Systeme, Sklavenhaltergesellschaften haben gezeigt, dass dem Menschen das Denken nicht befohlen werden kann. Wann immer man dem Menschen befahl, aufgeklärt zu sein, wie es die aufgeklärt-absolutistischen Staaten im 18. Jahrhundert (u.a. Friedrich II., Katharina II.) taten, da wurde nur sein Potenzial eingeschränkt, seine Fähigkeit zum Denken umzäunt und seine Produktivität gebremst.

Es ist nicht die Aufgabe der Politik, darüber zu befinden, ob eine Frau Mutter werden darf. Es ist nicht die Aufgabe der Politik, darüber zu befinden, wie lange ein Mensch weiterleben muss; egal, was er dazu zu sagen hat.

Es ist die Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass Menschen keine Gewalt gegeneinander einsetzen, sondern friedlich miteinander umgehen. Denn dies ist eine Erfordernis des menschlichen Überlebens: Der Mensch kann nur denken, wenn er nicht gewaltsam davon abgehalten oder dazu aufgefordert wird. Und Denken ist die menschliche Überlebensmethode.

Wenn der Allgemeine Wille dies einmal anerkennt, sind wir einen großen Schritt weiter.

Sollte man die Regierung privatisieren?

Eine Reihe von Libertären wie Murray Rothbard, Hans-Hermann Hoppe und Walter Block glauben, eine Regierung würde gegen ihr Nichtangriffsaxiom verstoßen und lehnen darum eine „Zwangsregierung“ ab. An deren Stelle sollen konkurrierende Regierungen im Sinne privater Sicherheitsdienste treten.

Eine Zwangsregierung okkupiere schließlich ein Territorium, das sich auch in Privatbesitz befinden könnte. Sie bestraft jeden, der sich dieses Territorium aneignet oder einen Teil davon abspaltet. Zudem wird man gezwungen, eine Regierung gegen seinen Willen zu akzeptieren. Also sollten Regierungen privatisiert werden und jeder könnte sich die beste kaufen.

Im Folgenden werde ich aus objektivistischer Sicht gegen die Privatisierung von Regierungen argumentieren.

Regierungen zu kaufen ist sicherlich keine Idee, die in unserer Gesellschaft allzu verpönt wäre. Zugegeben habe ich selbst in Wirtschaftsethik (dem Universitätsfach) vorgeschlagen, dass private Unternehmen in dysfunktionalen Drittweltländern nach Möglichkeit parallele Rechtssysteme etablieren sollten. Das Unrechtssystem von Diktaturen kann schließlich keine Richtlinie für westliche Unternehmen sein. Und selbst Regierungen durch Privatunternehmen zu ersetzen mag nicht in absolut jedem Fall schlechter sein als die Alternative. In Nordkorea wäre eine Microsoft-Regierung eindeutig besser als das kommunistische Regime. Microsoft müsste sich wenigstens gegenüber seinen westlichen Kunden rechtfertigen, Kim Jong-Un ist gegenüber niemandem verantwortlich. Aber sich mit einer Drittweltregierung anzulegen ist eine unrealistische und, wie mein Professor sagte, „wahnsinnig riskante“ Strategie („ich würde das nicht dem Aufsichtsrat erklären wollen“). Trotzdem: Es gibt Nationen, wo praktisch jede Regierung besser wäre als die Diktatur, die dort vorherrscht.

Für Länder mit einem halbwegs funktionierenden Rechtsstaat ist das eine absurde Idee.

Das Nichtangriffsprinzip ist kein Axiom

Das Nichtangriffsprinzip, das der Objektivismus auch kennt (ist ein Teil der Ethik), wird von vielen Libertären zu einem Axiom erklärt. Zu einer grundlegenden Erkenntnis, die man unmittelbar beobachten und die man nicht beweisen kann. Axiome kennt auch der Objektivismus, nämlich Existenz (es gibt etwas), Identität (die Dinge sind, wie sie sind – Entitäten haben eine spezifische Natur) und Kausalität (Entitäten handeln ihrer Natur gemäß). Erkennt man diese Axiome nicht an, ist die Beweisführung als Methode einfach unmöglich. Was soll man beweisen, wenn es nichts gibt, wenn die Dinge nicht sie selbst sind und wenn sie nicht so handeln, wie sie aufgrund ihrer Beschaffenheit handeln müssten?

Aber jetzt herzugehen und einfach irgendein ethisches Prinzip, das im Objektivismus nach ein paar hundert Seiten sorgfältiger Argumentation vorkommt, zu einem „Axiom“ zu erklären, ist absurd und reine Willkür.

Ethik ist kontextuell

Das Nichtangriffsprinzip ist im Objektivismus ein ethisches Prinzip, laut dem man nicht versuchen darf, sich Werte mit physischer Gewalt anzueignen. Dieses Prinzip gilt für das menschliche Miteinander in etablierten, zivilisierten Gesellschaften – was Ayn Rand auch explizit geschrieben hat. Das ist der Kontext. In Nordkorea oder in einer Extremsituation mag es manchmal notwendig sein, zu töten, um zu überleben, auch wenn man nicht angegriffen wurde. Weil man sonst vielleicht verhungern würde. Oder in einer primitiven Gesellschaft, in der man dem anderen Stamm zuvorkommen muss, bevor er angreift. Überall, wo keine objektiven Gesetze gelten, lassen sich die für moderne Gesellschaften entworfenen ethischen Prinzipien des Objektivismus nur teilweise anwenden. Sie sind objektiv, aber kontextuell. Im Grunde könnte man auch für dysfunktionale Gesellschaften, die von Willkürherrschern regiert werden, objektive Prinzipien entwickeln. Diese wären ebenfalls vom Maßstab des menschlichen Lebens abgeleitet und an eine solche Situation angepasst. Ich bezweifle, dass das Nichtangriffsprinzip unbedingt dazugehören würde. Vielleicht wäre „Tue alles, um zu überleben“ das einzig verbliebene Prinzip.

Ethik ist nicht als solche metaphysisch gegeben, sondern hängt von den Notwendigkeiten des menschlichen Lebens in den Bedingungen, die man vorfindet, ab. Auf diese Weise lässt sich Ethik objektiv begründen – unter Berücksichtigung des Kontexts. An manchen Orten sind die Überlebensbedingungen nicht dieselben wie in einer zivilisierten Gesellschaft. Ein harmloseres Beispiel: In Drittweltländern wie Indien besticht man entweder einen Beamten oder man wartet viele Jahre auf eine Genehmigung. Etwas, das in einem funktionierenden Rechtsstaat verächtlich wäre, ist in manchen Drittweltländern unvermeidlich. Ziel muss natürlich die Etablierung objektiver Regeln sein – aber bis dahin hat man begrenzte Optionen. Man könnte auch keinen Handel mehr mit Indien treiben, aber jeder möge selbst die Frage beantworten, ob das dem Land und einem selbst mehr helfen würde als Bestechung?

Ein metaethisches, ethisches Prinzip?

Rothbard bezeichnet das NAP (Nichtangriffsprinzip) als ein „metaethisches“ Prinzip, das also der Ethik übergeordnet sei. Es sei nicht nur unabhängig vom Kontext – sondern obendrein unabhängig von einer konkreten Ethik. Rothbard möchte damit sagen, dass man niemanden angreifen darf, egal, welche persönliche Ethik man vertreten mag.

Also auch, wenn man ein Sozialdarwinist ist, der glaubt, man müsse andere gewaltsam bezwingen und ausbeuten, um zu überleben, dürfte man niemanden physisch angreifen. Allerdings hätte man gar keinen guten Grund, dies nicht zu tun, wenn man solche Überzeugungen vertritt und es keine Regierung gibt, die einen davon abhalten könnte. In der Tat würde ich sagen: Hätte der Sozialdarwinist Recht und er könnte tatsächlich nur überleben, indem er andere Menschen ausbeutet, so sollte er es tun. Tatsächlich irrt er. Aber von Libertären wird er dies nicht erfahren. Dazu braucht man eine Philosophie wie den Objektivismus. Das ist einer der Gründe, warum Objektivisten kein Interesse daran haben, den politischen Teil ihrer Philosophie vom Rest zu isolieren und sich nur dafür einzusetzen.

Was also macht dieses Nichtangriffsprinzip „metaethisch“? Wer soll die Einhaltung dieses Prinzips garantieren, wenn nicht eine Regierung, die mit physischer Gewalt die Einhaltung des Prinzips durchsetzen darf? Die also mit Polizei und Militär dafür sorgen darf, dass die Menschen die Rechte ihrer Mitmenschen achten?

Privatmafia statt Regierung

Mafia 2 (2K Games)

Mafia 2 (2K Games)

„Privatregierungen“, private Sicherheitsdienste, sollen diese Aufgaben übernehmen. Wer sie dazu motivieren sollte, auch die Rechte der Kunden anderer Privatregierungen zu achten, wird für immer das Geheimnis der libertären Anarchisten bleiben. Im Gegensatz zu Privatunternehmen dürfen Regierungen schließlich Gewalt gebrauchen. Anarchos glauben, dass wir schon alle vernünftig genug wären, um nur anständige Regierungen zu gründen, die natürlich niemals ihre Sicherheitskräfte aufeinander hetzen würden.

Es gibt bereits solche Privatregierungen: Mafiaclans und Ghetto-Banden. Sie haben ihre eigenen, vom Staat unabhängigen Regeln. Sie schützen ihre Mitglieder gegen Zahlung eines Mitgliedsbeitrags und die Erfüllung anderer Erfordernisse wie Loyalität und die Einhaltung eines Codex. Sie existieren mitten in zivilisierten Ländern. Und die Ideen der Anarchokapitalisten würden solche Zustände ausweiten. In der Tat verherrlichen sie oftmals mittelalterliche Verhältnisse. Als jedes kleine Fürstentum seine eigenen Gesetze hatte. Was für aufklärerisch gesinnte Gesellen der blanke Horror ist – das Mittelalter war Gegenaufklärung in Reinform – erscheint den Anarchos wünschenswert.

Beispiel: Hans-Hermann Hoppe

Der Anarchokapitalist Hans-Hermann Hoppe argumentiert unter anderem wie folgt gegen eine Regierung:

Dementsprechend muss es erwartet werden, dass der Monopolist nicht bloß als Vermeider und Schlichter von Konflikten tätig wird, sondern dass er insbesondere auch selbst Konflikte herbeiführt oder provoziert, um sie dann zu seinen eigenen Gunsten zu entscheiden. Wenn man nur an den Staat appellieren kann, um Gerechtigkeit zu erfahren, wird Gerechtigkeit zunehmend zugunsten des Staates pervertiert. Hieran können auch “Verfassungen” und “oberste Gerichte” nichts ändern. Denn es handelt sich hierbei doch immer um Staats-Verfassungen und Staats-Gerichte.

Hoppe leugnet hier die Möglichkeit der Objektivität und die Notwendigkeit objektiver Rechtsprechung. Seine Argumentation ist subjektivistisch. Sie spiegelt sogar eine marxistische Denkstruktur wieder, weil Hoppe von einem notwendigen Interessenskonflikt zwischen den Menschen ausgeht, die alle nur im subjektiven Eigeninteresse handeln und darum nur im angeblich eigenen Interesse entscheiden könnten, was bedeute: Andere Menschen ungerecht zu behandeln. Verschiedene Interessensgruppen kämpfen um die Macht im Staat und das Recht ist stets nur das Recht der herrschenden Clique. Das ist marxistische Theorie in Reinform. Es gebe einen Konflikt zwischen verschiedenen Menschengruppen, der nicht aufzulösen ist – sondern dem im Anarchokapitalismus freie Bahn gewährt werden soll. Entweder Hoppe legt es auf eine Art sozialdarwinistische Gesellschaftsordnung an, in der jeder mit seiner Privatarmee den anderen an die Gurgel gehen kann, oder er meint es gut und begeht schwerwiegende Denkfehler.

Der objektivistische Philosoph David Kelley schrieb folgendes über die Regeln des Denkens und die Fehler der libertären Anarchisten:

Eine ordentliche Methodologie beinhaltet nicht nur die grundlegenden Techniken des Denkens, die in jedem Einführungswerk über Logik stehen, sondern auch die fortgeschrittenen Techniken, welche die objektivistische Epistemologie kennzeichnen: Die kontextuelle und hierarchische Struktur des Wissens zu beachten, Konzepte nicht unnötig zu vervielfältigen, Rationalismus und Empirismus zu vermeiden. Viele der Ideen, die wir ablehnen, gehen darauf zurück, dass diese Standards nicht eingehalten wurden.

Libertäre Befürworter von Regierungen, die miteinander im Wettbewerb stehen, sind zum Beispiel in der Regel Rationalisten, die ein Prinzip (dass Wettbewerb gut ist, aufgezwungene Monopole schlecht) auf eine mechanische, deduktive Weise gebrauchen und seinen eigentlichen Kontext missachten. Solche methodologischen Fehler können mit bösartigen Motiven verbunden sein. Manche Menschen, die den Kontext nicht beachten, die frei schwebende Abstraktionen gebrauchen oder in nicht-essenziellen Begriffen denken, sind absichtlich nicht objektiv. Aber dies ist nicht immer der Fall. (The Contested Legacy of Ayn Rand, S. 56)

Ayn Rand selbst findet die Denkfehler der Anarchokapitalisten so gravierend, dass sie über die gewöhnlichen Denkfehler hinausgingen. Hier Auszüge aus ihren Ausführungen zum Thema in meiner Übersetzung:

Ayn Rand über konkurrierende Regierungen

the-contested-legacy-of-ayn-rand kleinEine aktuelle Variante der anarchistischen Theorie, die einige jüngere Befürworter der Freiheit verwirrt, ist eine Absurdität namens „konkurrierende Regierungen“. Während sie die grundlegende Prämisse der modernen Staatsinterventionisten teilen – die keinen Unterschied zwischen den Funktionen der Regierung und den Funktionen der Industrie sehen, zwischen Gewalt und Produktion und die Staatseigentum von Privatunternehmen befürworten – so bilden die Befürworter von „konkurrierenden Regierungen“ die andere Seite derselben Medaille und erklären, da der Wettbewerb für den Geschäftsbereich so vorteilhaft ist, sollte er auch für Regierungen Anwendung finden. Statt einer einzigen, monopolistischen Regierung, so erklären sie, sollte es mehrere verschiedene Regierungen in derselben geografischen Region geben, die sich um die Treue individueller Bürger bewerben, wobei jeder Bürger frei ist, jede Regierung zu „kaufen“ oder zu unterstützen, die er möchte.

Man erinnere sich daran, dass gewaltsame Behinderung von Menschen die einzige Dienstleistung ist, die eine Regierung anzubieten hat. Man frage sich, was ein Wettbewerb um gewaltsame Behinderung bedeuten müsste.

Man kann diese Theorie nicht als Widerspruch in sich bezeichnen, weil sie offensichtlich frei von jeglichem Verständnis der Begriffe „Wettbewerb“ und „Regierung“ ist. Noch kann man sie als frei schwebende Abstraktion bezeichnen, da sie keinerlei Kontakt oder Bezug zur Realität aufweist und daher gar nicht konkretisiert werden kann, nicht einmal grob oder annähernd. Eine Veranschaulichung wird ausreichen: Nehmen wir an, Herr Schmidt, ein Kunde von Regierung A, verdächtigt seinen Nachbarn, Herr Johannes, einen Kunden von Regierung B, ihn ausgeraubt zu haben; ein Einsatzteam der Polizei A fährt zum Haus von Herrn Johannes und wird an der Tür von einem Einsatzteam von Polizei B empfangen, das erklärt, dass es die Validität der Beschwerde von Herrn Schmidt nicht anerkennt und auch nicht die Autorität von Regierung A. Was geschieht dann? Übernehmen Sie von hier.

Würde eine Gesellschaft keinen organisierten Schutz gegen Gewalt bieten, so würde sie jeden Bürger zwingen, bewaffnet herumzulaufen, sein Haus in eine Festung zu verwandeln, jeden Fremden zu erschießen, der sich seiner Tür nähert – oder einer schützenden Bande von Bürgern beizutreten, die andere Banden bekämpfen, die zum selben Zweck gegründet wurden, und so würden sie den Verfall dieser Gesellschaft in das Chaos der Bandenherrschaft herbeiführen, das heißt die Herrschaft durch blanke Gewalt, bis zu den ständigen Stammeskriegen prähistorischer Wilder.

Der Gebrauch physischer Gewalt – selbst ihr vergeltender Gebrauch – kann nicht dem Ermessen individueller Bürger überlassen werden. Das friedliche Zusammenleben ist unmöglich, wenn der Mensch unter der ständigen Bedrohung durch Gewalt leben muss, die jeder seiner Nachbarn jeden Moment gegen ihn entfachen könnte. Ob die Intentionen seiner Nachbarn gut oder böse sind, ob ihr Urteil rational oder irrational ist, ob sie von einem Gespür für Gerechtigkeit motiviert sind oder von Ignoranz oder Vorurteil oder durch Böswilligkeit – der Gebrauch von Gewalt gegen einen Menschen kann nicht der willkürlichen Entscheidung eines anderen überlassen werden.

Stellen Sie sich zum Beispiel vor, was geschehen würde, wenn ein Mann seine Geldbörse vermisst, glaubt, ausgeraubt worden zu sein, in jedes Haus in der Nachbarschaft einbricht, um sie zu suchen und den ersten Mann erschießt, der ihn frech ansieht, in der Annahme, der Blick sei ein Schuldbeweis.

Der vergeltende Gebrauch von Gewalt erfordert objektive Regeln für die Beweisführung, um zu klären, dass ein Verbrechen begangen wurde und um zu beweisen, wer es begangen hat, sowie objektive Regeln, um Strafen und Vollzugsprozeduren zu definieren. Menschen, die ohne solche Regeln Verbrechen verfolgen möchten, sind ein Lynchmob. Würde eine Gesellschaft den vergeltenden Gebrauch von Gewalt in die Hände individueller Bürger geben, so würde er zur Pöbelherrschaft, zum Lynchgesetz und zu einer endlosen Reihe an blutigen Fehden oder Rachefeldzügen verkommen.

Sofern physische Gewalt aus sozialen Beziehungen verbannt werden soll, benötigen Menschen eine Institution, deren Aufgabe der Schutz ihrer Rechte unter einem objektiven Regelwerk ist.

Dies ist die Aufgabe der Regierung – einer guten Regierung – ihre grundlegende Aufgabe, ihre einzige moralische Rechtfertigung und der Grund, warum Menschen eine Regierung brauchen.

Eine Regierung ist das Mittel, mit dem man den vergeltenden Gebrauch physischer Gewalt unter objektive Kontrolle stellt – das heißt, unter objektiv definierbare Gesetze.

Der grundlegende Unterschied zwischen privater Handlung und Regierungshandlung – ein Unterschied, der heute durchgehend ignoriert und vermieden wird – besteht in der Tatsache, dass eine Regierung ein Monopol auf den legalen Gebrauch physischer Gewalt hat. Ein solches Monopol muss sie haben, weil sie der Agent ist, der den Gewaltgebrauch einschränkt und bekämpft; und aus eben diesem Grund müssen ihre Handlungen sorgfältig definiert, begrenzt und festgeschrieben werden; kein Ansatz von Laune oder Boshaftigkeit sollte in ihren Tätigkeiten erlaubt werden; sie sollte ein unpersönlicher Roboter sein, mit den Gesetzen als ihrem einzigen Antrieb. Falls eine Gesellschaft frei sein soll, muss ihre Regierung kontrolliert werden.

In einem guten Gesellschaftssystem genießt ein privates Individuum die gesetzliche Freiheit, zu handeln, wie es möchte (solange es nicht die Rechte anderer verletzt), während ein Regierungsbeamter in jeder Amtshandlung gesetzlichen Verpflichtungen unterliegt. Ein privates Individuum darf alles tun, was nicht gesetzlich verboten ist; ein Regierungsbeamter darf nur das tun, was gesetzlich erlaubt ist.

Das ist das Mittel, die „Macht“ dem „Recht“ zu unterwerfen. Dies ist das amerikanische Konzept einer „Regierung von Gesetzen und nicht von Menschen“.

Quellen: Ayn Rand: The Nature of Government, „Anarchism“ im Ayn Rand Lexicon

Grüner Friede

In den düsteren Hallen der Massentierhaltung haben Tiere oft keinen Zentimeter Bewegungsfreiheit. Nach ihrem kurzen, freudlosen Leben werden sie mit Elektroschockern malträtiert, um dann getötet zu werden. Der moderne Mensch reduziert das Tier zur Ware. Der Bio-Bauernhof mit Schlachterei Grünfriede GmbH ist anders. Dort führen die Tiere ein glückliches Leben, bis sie auf natürliche Weise geschlachtet werden. Man knüpft an die traditionelle Tierhaltung an, die dem modernen Menschen längst verloren ging.

(Satire; Vorsicht: Hoher Gewaltgrad)

[cleeng_content id=“469795149″ description=“Ein Besuch auf dem einzig wahren Bio-Bauernhof (Satire)“ price=“0.49″ t=“article“]

Als unser Reporter-Team von der ARD beim Schlachthof Grünfriede ankommt, werden wir von Bauer Horst Müller begrüßt. Wir gehen hinter unserem Sendewagen in Deckung, während wir mit Schrot beschossen werden. „Wir brauchen hier keine Fremden!“, ertönt die rüstige Stimme des Landwirts. Wir haben unachtsam die naturbelassene Ruhe des Betriebes gestört. „Wir sinds doch von den Nachrichten!“ rufen wir dem heimatverbundenen Herrn zu und er stellt das Feuer ein. „Ah, die Pressefuzzis. Na, dann hoffe ich mal, dass sie nichts Übles über mich schreiben, sonst ergehts Ihnen schlecht!“

Glückliche Hühner auf Bauer Horsts Bio-Bauernhof Grünfriede

Zufriedene Hühner auf Bauer Horsts Bio-Bauernhof

Wir sichern dem tugendhaften Landwirt eine objektive Berichterstattung zu und er lädt uns gastfreundlich zu einem Rundgang ein. „Die Tiere werden hier natürlich gehalten“, versichert Bauer Horst. „Keine Impfstoffe, kein Genfood, alles wie in der freien Wildbahn.“ Wir sind auf dem Weg zum Hühnerstall. Ein Fuchs rennt uns über den Weg und schnappt sich eines der Hühner. Er beißt unserem gefiederten Freund den Kopf ab. Blut strömt aus dem Hals des Tieres. Der Hühnerkopf rollt auf unsere Praktikantin (1-Euro-Basis) Susanne zu und sie muss sich übergeben.

„Das räudige Vieh! Aber wir haben hier keine Jäger, Jagd ist bei uns verboten, das ist Tierquälerei. Wir Landwirte kümmern uns selbst um Fressfeinde.“ Mit diesen Worten legt Bauer Horst mit seiner Schrotflinte auf den Fuchs an und schießt ihm den Kopf ab. Als auch dieser Kopf auf Susanne zurollt, wird sie ohnmächtig. „Die kann ja gar nichts wegstecken, das Weibsbild!“, spricht der Bauer weltgewandt. „An Ihrer Stelle würde ich die verkaufen. Die schadet der Familienehre. Ich wette, die ist nicht mal beschnitten, so empfindlich, wie die ist.“

Susanne ist noch nicht an das traditionsreiche Leben auf dem Biobauernhof gewöhnt. Doch bald sieht sie mit eigenen Augen, dass eine Viehhaltung ohne enge Käfige und künstliche Chemie ein Segen ist für Tier und Mensch.

Die Hühner laufen frei herum, nur ein Holzzaun weist sie an, in der Heimat zu verweilen. Einige Hühner laufen immer im Kreis, daneben liegt ein totes Federtier. „Sind die krank?“, fragen wir den Landwirt. „Keine Ahnung. Da wir ihnen keine Medikamente geben dürfen, ist es ziemlich egal, ob sie krank sind, oder nicht. Wir können da so oder so nichts machen.“ Der natürliche Kreislauf kann grausam sein, aber wenigstens ist er das auf natürliche Art. Natürlich grausam.

„Das sind die Säue!“, ruft Horst aus und zeigt uns seinen ganzen Stolz. Auch die Schweine genießen ihre Bewegungsfreiheit. Ein junges Schweinchen hat die Geburt nicht überlebt und wird gerade von den Elterntieren aufgefressen. „Schicken Sie mal Ihre Magd da rüber, das kann man nicht so da liegen lassen!“, bittet uns Bauer Horst höflich um Mitarbeit. Susanne wird angewiesen, das Herz des Jungtieres aufzulesen und es sorgsam in einen dafür vorgesehenen Behälter zu geben. Sonst kann sie sich einen neuen Job suchen, das Öffentlich-Rechtliche ist nicht die Wohlfahrt. Tränenüberströmt kommt Susanne zurück. „Fruchtbar sieht sie ja schon aus“, bemerkt Bauer Horst nachdenklich. „Vielleicht kaufe ich sie euch ja ab. Sie taugt nicht für die Landarbeit, aber es gibt hier noch andere Aufgaben.“

Das glücklichste Schweinchen der Grünfriede GmbH

Das glücklichste Schweinchen von Bauer Horst Müller

Es ist das erste Mal, dass ein Betrieb, über den wir berichten, unseren Praktikanten echte Zukunftschancen eröffnet, die geradezu zwangsläufig besser sind als die beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Doch Susanne bedankt sich nicht einmal, was sich später rächen wird.

„Jetzt müssen wir Ihnen doch einmal eine kritische Frage stellen“, bemerken wir. Bauer Horst lädt derweil seine Schrotflinte nach – man weiß ja nie, wann der nächste Fuchs die Hühner heimsucht. „Wie findet denn bei Ihnen die Schlachtung statt?“ Horst Müller führt uns zu einem abgelegenen Gebäude im Hinterhof. „Nehmen Sie mal das Weibsbild an die Hand, damit die nicht wegläuft“, ordnet er an, besorgt um die Sicherheit unserer Mitarbeiter. Solidarität wird hier noch groß geschrieben. Er öffnet die Tür zum Schlachthaus. „Vorsicht, rutschig!“, warnt der umsichtige Bauer. Auf dem Boden stehen überall Blutlachen. „Hans, zeig den Schmierfinken, wie wir hier schlachten!“ Der junge, rüstige Sohn des Landwirts nähert sich einem Rind, das angekettet in der Ecke steht. Er holt mit seiner Axt aus und trifft das Tier in die Brust. Er hackt ihm die Beine und dann den Kopf ab. Bis das Rind verendet ist, sind weitere zehn Schläge nötig. „Und jetzt wird das Essbare ausgesondert“, erklärt Bauer Horst das Prozedere. „Darf ich?“ Wir lassen ihm freie Hand und er schleudert Susanne zu Boden. „Heb die Gedärme auf und steck sie in diesen Eimer!“

Die Kühe von Bauer Horst werden auf natürliche Weise geschlachtet

Da freut sich die Kuh: Die Kühe von Bauer Horst werden auf natürliche Weise geschlachtet

Die grüne Harmonie einer traditionellen Schlachterei erfüllt uns mit tiefster Demut. Aus Dank verkaufen wir unsere Praktikantin an den Landwirt, der sie sogleich von seinem Sohn Hans begatten lässt. „Das Leben war früher so viel einfacher!“, seufzen wir. Damals hatte alles noch seine Ordnung und jeder hatte seinen Platz. Keine Gentechnik, keine Tierfolter durch „Betäubung“, keine gefährliche Chemie im Futter, keine Medizin. Die reine Natur. Fressen und gefressen werden. Willkommen auf dem einzigen echten Bio-Bauernhof.[/cleeng_content]