Noch mehr Wahrheit über die Ehe

Sollte man im aufgeklärten Eigeninteresse heiraten oder nicht? Zu dieser Frage habe ich im letzten Beitrag erste Antworten genannt. Hier möchte ich sie näher ausführen.

Im Artikel Familienwerte von meinem irischen Kooperationspartner Mark Humphrys werden bereits zahlreiche Statistiken zur Ehe und zu Kindern ausgewertet. Einige Leser haben mich gefragt, ob sie das nur wissenschaftlich interessant finden oder daraus auch Schlussfolgerungen für das eigene Leben ziehen sollten? Ich denke, wir sollten uns tatsächlich an empirischen Fakten orientieren, wenn wir ein gutes Leben führen möchten. Ich denke also, dass wir wirklich daraus Schlussfolgerungen für das eigene Leben ziehen sollten. Ich kann hier keine Vorreiterposition einnehmen, weil ich keine Frau habe. Ich würde aber heiraten wollen bei einer geeigneten Kandidatin.

Komplikationen durch den Wohlfahrtsstaat

Meine Handlungsempfehlung lautet: Man sollte im eigenen Interesse heiraten und verheiratet bleiben – will heißen, „bis dass der Tod uns scheidet“. Das müssen beide Partner natürlich auch wollen und bestenfalls sich die Vorteile und Nachteile bewusst machen. Ein Bekannter hat mir gesagt, dass viele moderne Frauen eine dafür völlig ungeeignete Haltung haben. Sie wollen häufig nicht mehr in so eine große gegenseitige Verpflichtung investieren (obwohl eigentlich Frauen eher monogam sind als Männer). Der libertäre Philosoph Stefan Molyneux argumentiert, dass der Wohlfahrtsstaat Frauen ermöglicht, ihren Ehemann schlecht zu behandeln und sich bei erstbester Gelegenheit ein jüngeres und reicheres Modell zu besorgen. Schließlich bekommen sie vom Staat Kindergeld und der Staat spricht ihnen außerdem noch Geld vom geschiedenen Ehemann zu. Da der Staat nicht mehr darauf schaut, wer am Zerbrechen der Ehe schuld war, sind Ehemänner dank des Staates in einer potenziell sehr heiklen Situation.

Für die Veranschaulichung sorgte dann auch ein Millionär, mit dem ich ein paar Stunden diskutiert habe. Er hatte in Jahrzehnten unermüdlicher Arbeit einen größeren Wohlstand für seine Frau und ihn selbst erwirtschaftet. Er wollte mit seiner Frau dann in den letzten Jahrzehnten das Leben genießen, Kreuzfahrten machen und die Welt sehen. Aber seine Frau hat ihn stattdessen für einen „jungen Radfahrer“ verlassen und einen Teil seines Geldes mitgenommen. Aber nicht zu vergessen: Häufiger sind es junge Männer, die ihre Partnerin verlassen, sobald sie schwanger wird und das Kind nicht abtreiben lassen möchte. Diesbezüglich gibt es nämlich eine gesellschaftliche Erwartungshaltung. Früher hat man vielmehr von jungen Männern, die Frauen geschwängert haben, erwartet, diese zu ehelichen. Für Jahrhunderte, wenn nicht für Jahrtausende.

Laut dem amerikanischen Ökonom John Lott hat die Liberalisierung des Abtreibungsrechts dazu geführt, dass Männer von Frauen bereitwilliger Sex erwarten, während es aber viele Frauen gibt, die ihr Kind nicht abtreiben möchten, nur weil sie es dürfen. Und die werden dann von den Vätern oft alleine gelassen. Mit verheerenden Folgen für das Kind. Der irrsinnigste mir bekannte Fall ist dieser: Eine Frau hat via Stellenanzeige nach einem Mann gesucht, der sie schwängert. Und ihn gefunden. Er hat sie geschwängert und sie haben sich gleich wieder getrennt. Nun lässt sie ihn Unterhaltszahlungen für das Kind leisten. Ich werde nie verstehen, was in den Köpfen mancher Menschen eigentlich vorgeht. Kinder brauchen jedenfalls ihren Vater.

Kausalität und Ideologie

All diese Komplikationen sind also zu beachten. Trotzdem spricht die Datenlage auch innerhalb von Wohlfahrtsstaaten noch klar für die Ehe. Einige der Vorteile: Ehepartner sind statistisch gesehen gesünder, sie erwirtschaften mehr Geld als unverheiratete Paare oder Singles (dabei ist einbezogen, dass eine Person weniger erwirtschaftet als zwei Personen), sie sind weniger häufig von Armut bedroht, sie haben besseren Sex und ihren Kindern, sollten sie welche haben, geht es tendenziell seelisch-psychisch besser als Kindern von Single-Müttern oder Kindern, die von homosexuellen Paare aufgezogen werden.

Man muss sich bewusst machen, dass es hier um Statistik geht. Das heißt, es gibt auch schreckliche Ehen. Und es gibt auch Kinder, denen es bei guten homosexuellen Eltern besser geht als bei schlechten biologischen Eltern.

Wie die Kausalität lautet, ist wiederum eine gute Frage. Die dominante Erklärung ist soziobiologisch: Verschiedene Statistiken zeigen, dass es Kindern mit biologischen Eltern besser geht. D.h. es geht Kindern mit nur einem biologischen Elternteil schlechter als Kindern mit zwei biologischen Elternteilen. Das ist auch der Grund für das relativ schlechtere Abschneiden von homosexuellen Eltern: Von Natur aus kann nur ein Elternteil in diesem Fall biologisch sein. Es geht Kindern von Single-Müttern statistisch schlechter als jenen mit zwei biologischen Elternteilen (Mutter und Vater).

Derweil geht es Kindern tendenziell schlechter, wenn sie von einer Single-Mutter und ihrem Freund aufgezogen werden. Der Grund ist, dass der Freund häufig nicht erkennt, warum er sich um ein Kind kümmern sollte, das nicht sein eigenes ist. Das Kind wird eher als Belastung wahrgenommen. Löwen fressen sogar einfach die Kinder ihres Vorgängers. Männer fressen sie zwar nicht, misshandeln sie aber relativ häufig oder kümmern sich jedenfalls nicht so gut um sie wie um ihre eigenen biologischen Kinder.

Zunahme von Single-Müttern und Kriminalität in den USA (Bild: Stefan Molyneux)

Zunahme von Single-Müttern und Kriminalität in den USA (Bild: Stefan Molyneux)

Sicher spielt auch die eigene ideologische Haltung eine Rolle. Wer sich bewusst macht, dass es ihm eigentlich nichts bringt, seine Gene weiterzugeben (wozu? Bist du ein Sklave deiner Gene?) und dass er ebenso ein fremdes Kind wie seine eigenes aufziehen könnte, der wird es auch besser behandeln. Die Überzeugung „Das ist mein Kind“ spielt eine wichtige Rolle. Trotzdem sprechen die Statistiken insgesamt eine klare Sprache: Es geht den Kindern tendenziell bei ihrer biologischen Mutter und ihrem biologischen Vater, die verheiratet sind, am besten. Auch besser, als wenn sie nur zusammenleben. Die Ehe als Institution hat einen geradezu magischen Effekt (ich vermute, dass es mit den ideologischen Assoziationen mit jener heiligen Institution, dem Versprechen, das man ernst meint, mit vertraglichen Vereinbarungen und mit gesellschaftlichen Erwartungen zusammenhängt).

Ob man überhaupt Kinder haben sollte, ist weitaus schwerer zu beantworten. Laut vielen Studien bezeichnen sich Eltern als weniger glücklich, wenn sie sich um die Kinderaufzucht kümmern müssen, als sie es vorher waren. Kinder brauchen sehr viel Zeit und Energie. Trotzdem ist es wiederum nicht so einfach, denn Kinder geben einem auch einen weiteren Sinn im Leben, sind ein hoher Wert für das eigene Leben, und eben nicht nur Arbeit. Ich werde aus den Studien insgesamt nicht schlau, ob man Kinder zeugen sollte oder nicht. Aber wenn man welche zeugt: Zwei biologische Eltern, heiraten und zusammenbleiben.

Man sollte vor der Ehe übrigens nicht mit dem Partner zusammenleben. Die beiden Partner suchen dann weiter nach einem neuen und besseren Partner und finden häufig nicht zusammen. Man legt sich eben nicht fest – mit allen Folgen. Also: Kennenlernen, heiraten, dann zusammenleben. Sogar diese Regel hat eine empirische Basis.

Gleichgeschlechtliche Paare als Eltern

Stimmt die soziobiologische Erklärung, können gleichgeschlechtliche Paare als Eltern statistisch gesehen nicht so geeignet sein wie zwei biologische Elternteile. Aus denselben Gründen, warum eine Single-Mutter nicht so geeignet ist oder jede andere Konstellation aus modischen Patchwork-Familien.

Die aktuelle Studie „Emotional Problems among Children with Same-sex Parents: Difference by Definition“ (Dezember 2014) vom amerikanischen Soziologen D. Paul Sullins untersucht eine repräsentative Auswahl von 207.007 US-amerikanischen Kindern, darunter 512 Kinder mit gleichgeschlechtlichen Eltern. 512 sind zehn Mal so viele untersuchte Fälle wie bei vergleichbaren Studien. Außerdem wurden die 512 Kinder zufällig und nicht selektiv von den Forschern ausgewählt. Und die Kinder wurden nicht von Leuten untersucht, die ihnen persönlich nahestehen. Das Ergebnis:

„Emotionale Probleme sind über doppelt so häufig bei Kindern mit gleichgeschlechtlichen Eltern anzutreffen wie bei Kindern mit Eltern verschiedenen Geschlechts.“

„Laut jedem analytischen Modell war das relative Risiko durch gleichgeschlechtliche Eltern signifikant und substanziell.“

„Der hauptsächliche Vorteil der (traditionellen) Ehe für Kinder mag nicht darin bestehen, dass sie diese mit besseren Eltern ausstattet (stabiler, finanziell wohlhabend, etc., obwohl das so ist), sondern dass sie diese mit ihren eigenen Eltern zusammenbringt.“

Ergänzung, 13.03.2016: Gegner und Befürworter der Homo-Ehe oder des Adoptionsrechts für Homosexuelle streiten sich darüber, was die oben genannte Studie von Sullins taugt, wie sie zuvor schon über die Regnerus-Studie gestritten haben. Siehe auch die Replik des Institute for Studies of Religion der Baylor University auf die Regnerus-Studie, die mit einem kleineren Datensample zum selben Ergebnis kommt wie die Sullins-Studie. Siehe auch dieses Interview mit Sullins.

Ihre Gegner haben den Forschern häufig vorgeworfen, ihre Ergebnisse ihren religiösen Überzeugungen (sie sind beide gläubige Christen) anzupassen. Das ist nichts als ein unbelegter Verdacht. Man könnte auch die linken Atheisten, die die Forscher kritisieren, bezichtigen, selektiv Studien auszuwählen, die ihre Überzeugungen unterstützen. (Anm: Ich selbst bin ein radikal-liberaler Atheist, der noch keine eindeutige Meinung zur Homo-Ehe hat). So ein Ansatz führt nirgendwohin. Man muss sich die Qualität der Studien ansehen. Und die ist höher als die der Studien, die keinen Unterschied sehen zwischen dem Kindeswohl bei gleichgeschlechtlichen Eltern und zwei biologischen Elternteilen.

Was mich bei der Debatte aber richtig auf die Palme bringt, ist dass die dominante kausale Erklärung der Unterschiede dabei keine Rolle spielt. Man wirft blind mit Statistiken um sich, ohne auf die Kausalität zu achten. Dabei ist es das, was Wissenschaft tut: Nach kausalen Erklärungen von beobachtbaren Phänomenen suchen – und nicht nur mit Zahlen beschreiben, was man sieht. Für die kausale Erklärung dienen Theorien. Die soziobiologische Erklärung lautet, dass Organismen auf das Verbreiten ihrer eigenen Gene „programmiert“ sind (Richard Dawkins Theorie der „egoistischen Gene“). Das heißt, sie werden mehr in ihre eigenen biologischen Kinder investieren, als in fremde Kinder. Weil ihre eigenen Kinder potenziell ihre Gene verbreiten.

Und genau diese Theorie passt als einzige zu allem, was wir beobachten können. Wir wissen bereits, dass es Kindern, die von Single-Mütter aufgezogen werden, statistisch gesehen deutlich schlechter geht als Kindern, die von Mutter und Vater aufgezogen werden. Wir wissen auch, dass es Kindern, die von ihrer Mutter und deren Freund aufgezogen werden, tendenziell schlechter ergeht. Wir wissen, dass es Kindern statistisch schlechter geht, die von den Stiefeltern aufgezogen werden (Märchen wie Aschenbrödel beruhen auf Erfahrung). Natürlich muss es der Logik nach auch Kindern statistisch schlechter gehen, die von homosexuellen Paaren aufgezogen werden, von denen nur ein Elternteil biologisch sein kann, wenn er auch nur das ist. Bei zwei biologischen Elternteilen entspricht das Kind 100 Prozent der eigenen Gene und bei nur einem biologischen Elternteil 50 Prozent.

Die Kritiker verweisen darauf, dass vor allem Stabilität wichtig ist. Ein stabiles Elternhaus, in dem ein Kind bis zum Erwachsenenalter bei denselben Eltern verweilt, sei entscheidend für die emotionale Gesundheit. Und diese Stabilität ist statistisch bei gleichgeschlechtlichen Eltern weniger gegeben. Aber: Wenn man ein stabiles Elternhaus mit zwei biologischen Elternteilen vergleicht mit einem stabilen Elternhaus einer anderen Art, dann geht es den Kindern bei Mutter und Vater noch immer deutlich am besten, wie Sullins bemerkt:

„Mit ihrer eigenen Mutter und ihrem eigenen Vater aufzuwachsen, ist der wichtigste Indikator für das emotionale Wohlbefinden des Kindes. Im Vergleich dazu hatten andere Faktoren keinen sonderlich großen Einfluss – etwa Familienstabilität, Mobbing oder Stigmatisierung oder selbst psychologische Probleme der Eltern, noch weniger die Höhe des Einkommens oder die Bildung.“

Ja, die katholische Kirche hatte offenbar grundsätzlich Recht mit ihrer Haltung zur traditionellen Ehe, wie auch mit ihrer Haltung zur traditionellen Familie. Das stört mich kein bisschen, das zuzugeben. Ich höre mir trotzdem lieber die Podcasts vom „Neuen Atheisten“ Sam Harris an, der irrationalen Glauben ablehnt, als eine Predigt von einem katholischen Priester, der willkürliche Dinge sagt, von denen manche auch mal stimmen. Davon abgesehen sind nicht alle Positionen der katholischen Kirche exklusiv das Ergebnis von religiösem Glauben, sondern teils auch von teils ziemlich guter Philosophie.

Philosophen lieben die Wahrheit. Wissenschaftler lieben die Wahrheit. Wenn die Fakten sagen, dass eine Position zutrifft, die auch von religiösen Institutionen vertreten wird, dann ist es das, was die Fakten sagen. Bei anderen Themen sagt die Forschung etwas anderes. So sei es. Ideologische Grabenkämpfe, Identitätspolitik und was auch immer es ist, das diese Twitter-Trolle machen, sind nichts als Staub und morgen schreit kein Hahn mehr danach. Der Glaube geht, die Wahrheit bleibt.

Studien, Statistiken, Experten

Eine Freundin ermahnt mich regelmäßig, dass ich den Lesern einen Grund geben soll, mir zu glauben.

Hierzu sollten man folgendes konsultieren:

  1. Studien und Expertenaussagen, die Mark Humphrys in seinem Artikel zusammengefasst hat.
  2. Studien und Expertenaussagen, die Tony Allwright auf seiner Website zusammengefasst hat (Englisch, runterscrollen)
  3. Studien und Expertenaussagen, die Stefan Molyneux in seinen Vorträgen zusammengefasst hat (Englisch), siehe u.a. in The Truth about Single Moms

Bevor es nochmal jemand anmerkt: Humphrys, Allwright und Molyneux haben zahlreiche Studien von Psychologen und Soziologen und Kriminologen zusammengefasst und zitiert. Die Studien stammen nicht von ihnen. Also erspart euch doch bitte die Bemerkung, warum etwa ein irischer Programmierer und Blogger ein Experte für die Ehe sein sollte. Das behauptet niemand. Die zitierten Experten sind die Experten und nicht die Leute, die diese Experten zitieren. Ich finde, es sind einfach sehr gute Übersichten und Auswertungen, das ist alles.

Bücher

Linda Waite und Maggie Gallagher: The Case for Marriage. Why Married People are Happier, Healthier and Better Off Financially

Julian M. Lewis und Sandra Blakeslee: The unexpected legacy of divorce. A 25 year landmark study.

Warum dieser Artikel?

Ich wollte eigentlich nichts mehr darüber schreiben. Einige meiner Stammleser haben mich aber daran erinnert, warum ich das mache – nämlich für sie. Ich schreibe nicht für die linksradikalen Ideologen, die Andersdenkende fertigmachen, sondern für vernünftige Menschen, die sich für die Fakten interessieren. Und wenn man dem Bösen und Irrationalen nicht hilft, dann ist es machtlos.