Überleben oder gutes Leben?

Reason and ValueBeruht Ayn Rands Ethik auf dem Überleben des Menschen oder auf dem „guten Leben“ des Menschen? Das ist eine Diskussion in objektivistischen Kreisen, die nun seit Jahrzehnten geführt wird. Reason and Value: Aristotle versus Rand behandelt aktuell diese Frage. Das Buch gehört zu einer Buchreihe mit akademischen Diskussionen von Rands Ideen, welche die Atlas Society publiziert. In diesem Band kritisiert der Philosophieprofessor Roderick T. Long einige von Rands Ideen. Long ist ein Neo-Aristoteliker, der den ursprünglichen aristotelischen Positionen etwas näher steht als Rand.

In einem wichtigen Punkt ist seine Kritik zutreffend.

Roderick T. Long ist über Rands Bücher zur Philosophie gelangt, ist also ein sehr guter Kenner der Materie. Das heißt, man erhält eine qualifizierte Kritik von Ayn Rand. Nach lediglich gut 60 Jahren. Die beiden Philosophen Fred D. Miller und Eyal Mozez kontern Longs Argumente in Repliken, meiner Ansicht nach aber nicht sehr überzeugend. Mir sind dafür selbst einige Gegenargumente für die meisten von Longs Kritikpunkten eingefallen – aber nicht zu allen davon. Das bedeutet, ich muss eine meiner Meinungen revidieren und rücke damit etwas näher an die entsprechende Position von Aristoteles heran.

Was können wir „Wissen“ nennen?

Zunächst zu einer Frage, bei der ich meine Meinung nicht geändert habe. Long fragt, was wir berechtigterweise „Wissen“ nennen können. Er behauptet, laut Ayn Rand könnten wir nur das „Wissen“ nennen, was wir auf unsere unfehlbaren Sinnesempfindungen zurückführen könnten. Er interpretiert diese Position individualistisch – also jeder individuelle Mensch könnte demnach nur dann von „Wissen“ sprechen, wenn er entsprechende Kenntnisse auf die Sinnesempfindungen zurückgeführt hat. Dazu wäre es etwa nötig, dass er alle wissenschaftlichen Experimente, die zu unserem modernen Weltbild beigetragen haben, selbst noch einmal durchführt. Nun, offensichtlich ist das unmöglich. Long ist mit Aristoteles der Auffassung, dass wir vielmehr „Endoxa“, die anerkannten Meinungen der weisen Mitglieder der Gesellschaft, bereits als „Wissen“ bezeichnen dürfen.

Das mag wohl auch so sein. Wobei es unserer Gesellschaft an weisen Mitgliedern mangelt. Allerdings habe ich Rand so verstanden, dass es ihr vielmehr um die ultimative Quelle unseres Wissens als Menschen geht. Woher wissen wir letztlich etwas? Möglichkeiten sind die göttliche Offenbarung (Intrinsezismus – ja, wird überraschenderweise mit „e“ geschrieben), dass wir gar kein Wissen erhalten können (Skeptizismus), unsere eigenen Gedanken (Subjektivismus) oder die Tatsachen der Realität, die ultimativ auf die Sinnesempfindungen zurückgeführt werden können (Objektivismus). Vergleiche Rands Auflistung dieser Alternativen in Philosophy: Who needs it. Ayn Rand meint, wir könnten nur das „Wissen“ nennen, was sich ultimativ auf die Sinnesempfindungen zurückführen lässt – ohne dass sie behaupten würde, wir müssten dies individuell in allen Fällen tun. Aristoteles Endoxa, die anerkannten Meinungen, sollten bestenfalls auf die Sinnesempfindungen zurückgeführt werden können, was Long auch bestätigt. Ich bezweifle, dass es Rand um mehr geht als das. Es geht ihr nur um die ultimative Quelle unseres Wissens.

Überleben oder gutes Leben?

Rand nennt ihre Ethik darum „objektiv“, weil sie auf dem „menschlichen Überleben als Mensch“ beruhe. Damit sind die „Bedingungen, Methoden, Umstände und Ziele“ gemeint, die „das Leben eines vernunftbegabten Wesen über seine gesamte Lebenszeit benötigt – hinsichtlich aller Aspekte seiner Existenz, die ihm zur Wahl stehen.“ (The Objectivist Ethics)

Ich empfand das schon immer als eine merkwürdige Formulierung. Warum „Überleben“? Das erweckt Assoziationen mit dem Darwinismus, als ginge es um das rein biologische Überleben. Das bestritt Rand allerdings ausdrücklich: Das Überleben als Mensch „bedeutet nicht das augenblickliche oder nur physische Überleben. Es bedeutet nicht das augenblickliche physische Überleben eines gedankenlosen Wilden, der darauf wartet, dass ein anderer Wilder ihm den Schädel einschlägt. Es bedeutet nicht das augenblickliche physische Überleben eines kriechenden Muskelhaufens, der willens ist, jegliche Bedingungen zu akzeptieren, jedem Schurken zu gehorchen und jegliche Werte aufzugeben, um das, was als „Überleben zu jedem Preis“ bekannt ist, zu erreichen, das vielleicht oder auch nicht eine Woche oder ein Jahr andauern kann.“ (The Objectivist Ethics).

Es gehe ihrer Ethik vielmehr um „die Werte, die für das menschliche Überleben erforderlich sind – nicht um die Werte, die durch die Leidenschaften, Emotionen, die „Sehnsüchte“, die Launen und Bedürfnisse irrationaler Wilder hervorgebracht werden, die niemals die primitive Praxis des Menschenopfers hinter sich gelassen haben, die niemals eine industrielle Gesellschaft entdeckt haben und die sich das Eigeninteresse nicht anders vorstellen können, als die Beute des Tages an sich zu reißen.“ (The Virtue of Selfishness)

Ferner schreibt sie: „Der Maßstab (der Ethik) ist das Leben des Organismus oder: das, was für sein Überleben notwendig ist.“ (The Virtue of Selfishness). Hier setzt sie das „Leben“ eines Organismus mit seinem „Überleben“ gleich.

Schließlich muss man noch wissen, dass Rand meinte, sie sei „keine Studentin der Evolutionstheorie“, sie wusste also nicht viel über die biologische Evolution.

Es geht nicht um das Überleben

Kurz gesagt geht es Rand wahrscheinlich gar nicht um das Überleben. Und wahrscheinlich kann man nicht verstehen, wovon genau sie überhaupt redet, wenn man nicht erstens ihre Metaphysik einbezieht und zweitens das große Ziel ihres künstlerischen Schaffens – nämlich herauszufinden, wie der „perfekte Mensch“ aussehen würde. Ich denke, was Rand meint, ist das „bestmögliche Leben als Mensch“, das bestmögliche Leben entsprechend der essenziellen Identität des Menschen als das, was er ist, ein rationales Lebewesen. Und was das konkret bedeutet, erläutert Rand bei der Darlegung ihrer Tugendethik.

Roderick T. Long bemerkt, dass es auf dieser Basis als weitaus umstrittener angesehen werden kann, was so ein „Leben als Mensch“ konkret auszeichnet; umstrittener im Vergleich zu einem rationalistischen, deduktiven Ableiten der Ethik aus einem faktischen Maßstab des „Überlebens“. De facto leitet Rand ihre Ethik auch gar nicht deduktiv aus diesem Maßstab ab, obwohl sie offenbar glaubte, dass sie das tat. Ihre Ethik hat dennoch – wie die von Aristoteles – eine objektive Grundlage, weil sie auf die tatsächliche Natur des Menschen ausgerichtet ist, weil sie eine Ethik „für den Menschen, wie er wirklich ist“ darstellt. Das hat aber viel weniger mit einem organischen „Überleben“ zu tun, als Rand es in mehreren philosophischen Werken – im Unterschied zu ihren Romanen – nahelegt.

Überleben durch Selbstmord?

Ein deutliches Indiz hierfür ist die Tatsache, dass einige von Rands Charakteren in ihren Romanen und Theaterstücken entweder ihren Selbstmord erwägen oder sich tatsächlich selbst umbringen – und das soll irgendwie zu ihrem „Überleben“ beitragen, meinte jedenfalls die spätere, philosophierende Rand. Nun, trotz aller hilflosen Versuche, daraus irgendeinen sinnvollen Ansatz zu machen – wer sich umbringt, der trägt derart offenkundig nicht zu seinem Überleben bei, dass sich weitere Diskussionen schlicht erübrigen.

Ein Beispiel ist John Galt. Der Held aus Der Streik / Atlas Shrugged droht, Selbstmord zu begehen, anstatt die Folter von seiner großen Liebe Dagny Taggart zu tolerieren (der Hintergrund ist, dass das Regime versuchen könnte, Galt durch eine Folter Dagnys zu erpressen). John Galt soll Rands „perfekter Mensch“ sein (meiner Ansicht nach ist Howard Roarke aus The Fountainhead näher dran. Galt ist eine unnahbare Abstraktion, das atheistische Gegenstück zu Jesus / Gott in Dantes Inferno). Also sollen wir uns Galt zum Beispiel nehmen. Er soll die objektivistische Ethik verkörpern.

Der Philosoph Eyal Mozez argumentiert nun, dass Galts Liebe zu Dagny eine Motivation für ihn ist, weiterzuleben. Ohne sie würde er seinen Grund zu Leben verlieren. Laut Rands Ethik wäre Galts Selbstopfer trotzdem irrational, kontert Long. Denn wenn das menschliche Überleben der Maßstab ist, dann ist es zu bedenken, dass Galt länger leben würde, wenn er sich nicht umbringen würde. Egal zu welchem Zweck. Es gibt schließlich keinen höheren Wert, keinen höheren Endzweck, als das eigene Überleben. Stattdessen verlässt sich Galt auf seine Gefühle, statt auf seine Vernunft, die ihm ja sagen müsste, dass er länger leben würde, wenn er die Folter Dagnys hinnimmt.

Wenn nun das aus dem Überleben abgeleitete Eigeninteresse Rands Grundlage ist, dann sagt sie hier, dass man entgegen seinem Eigeninteresse handeln sollte. Sie wäre nicht länger eine egoistische Denkerin. Oder der Maßstab ihrer Ethik ist doch ein anderer, nämlich das gute Leben (wie die alten Griechen es nannten) beziehungsweise das bestmögliche Leben als Mensch, als vernunftbegabtes Tier.

Leben als Helden

Ein weiteres, noch deutlicheres Beispiel möchte ich ergänzen, nämlich Rands Theaterstück Ideal, das gerade neu veröffentlicht wurde. Darin gibt es eine positive Figur, die tatsächlich Selbstmord begeht und dadurch die Hauptfigur, die Schauspielerin Kay Gonda „rettet“. Kay Gonda sucht ihre scheinbar größten Fans auf, die ihr glühende Briefe geschickt haben und prüft, ob sie ihrem Ideal treu bleiben. Gonda steht für das beste, was der Mensch erreichen kann, ähnlich Galt ein früherer Versuch Rands, den „perfekten Menschen“ literarisch zu erschaffen.

Gonda behauptet, für einen Mord gesucht zu werden und bittet ihre Fans, sie eine Nacht zu verstecken. Fast alle verraten sie und möchten sie ausliefern. Nur einer, ein armer junger Mann, der studiert hat und sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, verrät sie nicht. „Was immer er im College gelernt hat, es hat ihm nicht geholfen“, meint seine Mutter. Was er gelernt hat ist, dass Menschen viel mehr sein könnten, als sie es sind. Vermutlich hat er Kunst, Literatur oder etwas ähnliches studiert und ist nun von der realen Welt enttäuscht.

Gonda besucht ihn. Der junge Mann ruft die Polizei, gesteht den Mord, den Gonda angeblich begangen hat, und bekennt sich schriftlich dazu. Dann sagt er: „Erblickt etwas, was ihr sonst nie sehen werdet, einen wahrhaft glücklichen Menschen!“, dann erschießt er sich. Die Idee ist, dass der junge Mann mit Gonda eine Frau in der wahren Welt sehen durfte, die er sonst nur aus seinen Büchern kannte, einen perfekten Menschen. Und jetzt, wo er sie gesehen hat und glaubt, dass die Polizei sie ihm früher oder später wieder wegnehmen würde, will er nicht mehr leben.

Gonda meint, der junge Mann habe sie „gerettet“. Er wird als positiver Charakter dargestellt. Und doch ist er jemand, der sein Überleben einem höheren Ziel opfert, nämlich dem scheinbar unmöglichen Ideal, mit einem perfekten Menschen zusammen zu sein, mit einer Frau, die ihr Potenzial nutzt und ihren Werten treu bleibt.

All dies ist sicher schrecklich romantisch. Und doch steht es im groben Widerspruch zu Rands Begründung ihrer Ethik. Das Ziel von Rands Schaffen war es, sich zu überlegen, wie sich die Menschen in unserer Welt verhalten müssten, um einem realistisch-romantischen Ideal zu entsprechen. Sie hat eine Ethik erschaffen, deren Befolgung uns in dieser Welt zu einem der Helden machen würde, wie sie Rand nur aus der Literatur kannte. Diese Ethik beruht nicht auf dem „Überleben“, sondern auf dem bestmöglichen Leben. Dem Leben, das wir anstreben können, das wir erreichen können – und sollen: Dem Leben als Helden.

Literatur

Ayn Rand: Der Streik / Atlas Shrugged

Ayn Rand: Ideal

Ayn Rand: Philosophy: Who needs it

Ayn Rand: The Objectivist Ethics

Ayn Rand: The Virtue of Selfishness

Leonard Peikoff: OPAR

Roderick T. Long: Reason and Value. Aristotle Versus Rand (PDF, E-Book)