Ein Maler wie Du und Ich

Frederic Leighton: Des Malers Flitterwochen (ca. 1864)

Frederic Leighton: Des Malers Flitterwochen (ca. 1864); Art Renewal Center

Auf Grundlage der Abwesenheit jeglicher Belege wird in unserer Zeit spekuliert, ob der Urheber dieses Gemäldes, Frederic Leighton (1830-96), vielleicht homosexuell war. Schließlich hat er nie geheiratet. Das Privat- und Intimleben großer Künstler ist ohnehin Gegenstand einer Reihe moderner literatur- und kunsthistorischer Arbeiten. Irgendwie muss man sie auf eine „normale“ Ebene herunterzerren, irgendwie müssen sie wie der Bäcker an der Ecke oder der Straßenkehrer an der nächsten Kreuzung gewesen sein. Die waren doch alle verheiratet damals, das war doch normal! Das Großartige und Herausragende darf man nicht einfach so hinnehmen! Es darf nichts Besseres geben, wo doch alle Menschen gleich sind! Dass er Kunst gemacht hat, ist schlimm genug, aber dann soll er wenigstens verheiratet gewesen sein!

Leighton wurde nur mit glücklichen Genen geboren. Er hatte lediglich Glück, in einer geeigneten Umwelt aufzuwachsen, die ihn formte. Er war eigentlich auch nur ein Mensch wie Du und Ich – er hat eben gemalt, wie andere Enten kastrieren. Nein, er war noch schlimmer als wir. Er war irgendwie krank, irgendwie „schwul“, irgendwie zu besessen von seiner Kunst, dass er nie heiratete, er war gar kein normaler Mensch. Ein Freak, ein Soziopath, ein Verrückter. Künstler sind ohnehin Leute, die sich ihre Ohren abschneiden. Schaut man genauer hin, war er gar nicht wirklich gut. Dieser und jener Strich, der passt nicht richtig dorthin. Dieses Licht schimmert zu sehr, zu wenig. Das Gemälde ist zu genau, da kann man gleich ein Foto machen, wie es jeder kann.

Am Besten wir stellen das Bild irgendwo weg, wo es keiner sieht. In irgendeinen Lagerraum. Es ist viel zu undemokratisch. Und viel zu inkorrekt, die Menschen bekommen falsche Ideen. Liebe, Treue, dieser bürgerliche Unsinn. Es sollte freien Sex für jeden geben, wo wir doch alle gleich gut sind! Es gibt keine tiefen Verbindungen zwischen Menschen. Das Gemälde ist eine Lüge.

Vor Gott zu stehen und ihn zu leugnen – das ist es, was es bedeutet.