Die Kirche gegen sich selbst: Abtreibung

Die Katholische Kirche war nicht immer der Meinung, dass Abtreibung Mord ist – vor allem nicht bei Embryos und Föten in den ersten Wochen. Die Idee, dass das menschliche Leben mit der Empfängnis beginnt, hat sich erst in der Moderne durchgesetzt.

Anselm von Canterbury (1033-1109): „Kein menschlicher Intellekt akzeptiert die Auffassung, dass ein Kind schon ab der Geburt die rationale Seele besitzt.“

Verfügt die Kirche inzwischen nicht mehr über einen „menschlichen Intellekt“?

Katholisches Kanonisches Recht, Decretum Gratiani, 12. Jahrhundert: „Wer abtreibt, bevor die Seele im Körper sitzt, ist kein Mörder.“

Hat Gott inzwischen seine Meinung geändert?

Thomas von Aquin, Papst Innozenz III. und Papst Gregor XIV. glaubten, dass ein Fötus keine Seele hat, bis der Fötus anfängt zu treten und sich zu bewegen – darum sei Frühabtreibung kein Mord, nur die Spätabtreibung.

Vielleicht sind die beiden Päpste an der Stelle durch einen Tunnel gefahren und die Verbindung zu Gott brach ab.

Im Übrigen: Mein Artikel Abtreibung ist ein Recht wurde leider von einigen missverstanden. Ich denke schon, das es ein Recht auf Abtreibung gibt, aber gemeint ist die Frühabtreibung von Embryos und Föten in den ersten Wochen. Die Spätabtreibung kann gesetzlichen Einschränkungen unterworfen werden (z.B. legal bei Gefährdung des Lebens der Mutter). Ein Kind hat zwar keine Rechte bis zur Geburt, aber man kann trotzdem für einen gewissen gesetzlichen Schutz von Föten argumentieren. (M.E. allerdings nicht von Tieren, aber das ist ein anderes Thema).

Was hätte „nach dem Sozialismus“ geschehen müssen?

Die kommunistischen Regimes sind Geschichte. Wenige Diktaturen in Nordkorea, China und Kuba bleiben bestehen, aber die große Auseinandersetzung zwischen dem Westen und seinem egoistischen, individualistischen Ideenfundament und dem Osten mit seiner altruistischen, kollektivistischen Basis liegt in der Vergangenheit. Das Komische ist nur: Der Streit wurde beendet wie eine alte Dampflokomotive, die plötzlich nicht mehr mit Kohlen versorgt wird und die mitten auf der Strecke stehenbleibt. Der Lokführer und die Arbeiter im Maschinenabteil steigen unvermittelt aus und gehen nach Hause. Weiterlesen

Naturzustand versus Sozialstaat

Philosophen haben verschiedene Auffassungen vertreten, wie sich der Mensch im Naturzustand verhalten habe und ob das gut oder schlecht sei. Für Thomas Hobbes war jeder Mensch dem anderen Menschen ein Wolf und der Staat müsse daher die Menschen voreinander beschützen. Für John Locke war der Mensch im Naturzustand dem Vernunftgesetz unterworfen.  Die moderne Kritik, es habe einen solchen Naturzustand historisch nie gegeben, geht an der Sache vorbei, denn die Ausführungen über den Naturzustand sind Teil der Staatstheorie beziehungsweise der politischen Philosophie und haben mit historischen Traktaten sowieso nicht vordergründig etwas zu tun. Es geht vielmehr um die Frage, unter welchen Bedigungen das menschliche Zusammenleben am besten gelingt. Wie würden sich Menschen unter diesen und jenen Bedigungen verhalten? Weiterlesen

Fortunas Rückkehr

Vor meinen Ohren tönt das alte Lied—
Vergessen hatt‘ ich’s und vergaß es gern—
Das Lied der Parzen, das sie grausend sangen

(Parzen = Schicksalsgöttinen. Aus Goethes Iphigenie auf Tauris)

Unser Leben werde von unsichtbaren Wesen bestimmt. Diese Idee trieb bereits die alten Griechen um, die mit dem Willen der Götter und dem Fatum, dem Schicksal, rangen. Christen sahen sich jeher dem Willen Gottes unterworfen. Die Calvinisten nahmen den Menschen auch noch die Möglichkeit zur Erlösung im Jenseits durch eigene, gute Entscheidungen im Diesseits. Humanistische Denker verteidigten schließlich während der Renaissance die menschliche Fähigkeit, das eigene Leben zu bestimmen. Die Aufklärer forderten im Anschluss, jeden Menschen seines eigenen Glückes Schmied sein zu lassen.

Heute sehen uns führende Aufklärer von Genen und Umwelt determiniert. Humanismus bestehe nunmehr darin, den Menschen von jeglicher Schuld und schließlich gar von seinem eigenen Ich zu „befreien“. Und weil das noch nicht genug ist: Die Marxisten vom britischen Magazin Spiked verteidigen nunmehr die Selbstbestimmung und den freien Willen. Und das, obwohl Marxisten einst behaupteten, die ökonomische Basis bestimme den ideellen Überbau. Sie waren ebenfalls Deterministen, die das menschliche Leben von äußeren Kräften gelenkt sahen.

So sehe ich mich als klassischer Humanist und Aufklärer nunmehr motiviert, sechs Artikel von britischen Marxisten meinen Lesern ans Herz zu legen.

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