Ästhetik

Vorwort

Es ist heute eine gängige Auffassung, dass wir Kunst als etwas Gegebenes hinnehmen sollten. Etwas, das nicht weiter hinterfragt oder analysiert werden sollte. Kunst sei das, was manche oder viele Leute „Kunst“ nennen. Kunst sei ein emotionaler Ausdruck. Kunst soll nicht der Vernunft unterworfen werden.

Das fängt damit an, dass man den Begriff „Kunst“ nicht definieren darf. Definiert man ihn, würde das schließlich implizieren, dass bestimmte Dinge, die heute als Kunst aufgefasst werden, tatsächlich keine Kunst sind. Und dies wäre angeblich undemokratisch und intolerant. Man könnte allenfalls beurteilen, was gute und was weniger gute Kunst sei, aber nicht, was Kunst und was keine Kunst sei.

Wer diese Auffassung teilt und glaubt, dass die Kunst außerhalb des Zuständigkeitsbereiches der Vernunft liege, der sollte besser nicht weiterlesen. Die folgenden Ausführungen sind nichts für ihn.

Ja: Vieles von dem, was heute gemeinhin als „Kunst“ bezeichnet wird, ist keine Kunst. Es ist ferner unmöglich zu beurteilen, ob etwas gut oder schlecht ist, wenn man dessen Identität nicht erkennen möchte. In der Abwesenheit einer Definition des Untersuchungsgegenstandes kann man ihn nicht vernünftig untersuchen. Wer keine blasse Vorstellung hat, was Mathematik ist, kann keine Mathematik betreiben. Wer nicht weiß, was ein Schrank ist, kann keinen bauen. Wer die Schönheit von Blumen beurteilen soll, aber nicht weiß, was Blumen sind, kann nur sinnloses Geplapper von sich geben. Siehe moderne Kunstkritiker.

Da in unserer Gesellschaft eine antiliberale Denkweise weiter verbreitet ist, als man es hoffen würde, ist an dieser Stelle erfahrungsgemäß die Frage zu erwarten, ob wir Kunst, die nicht unseren Vorstellungen entspricht, verbieten lassen möchten. Dem ist selbstverständlich nicht so. Die politische Philosophie des Objektivismus sieht keine Zensur von Kunst und auch keine Zensur von „Nicht-Kunst“ vor.

Nun zur objektivistischen Ästhetik. Was ist Kunst und wozu dient sie?

Was ist Kunst?

Kunst ist eine selektive Neuerschaffung der Realität auf Grundlage der metaphysischen Werturteile des Künstlers. Kunst ist eine Konkretisierung der Metaphysik. Sie macht die Konzepte des menschlichen Geistes wahrnehmbar. Der Mensch kann mit Hilfe der Kunst abstrakte Konzepte direkt erfassen, als wären sie Sinnesempfindungen.

Wie die Sprache Abstraktionen (wie das Konzept der Liebe) in Konkreta (Wörter wie „Liebe“) verwandelt, so verwandelt die Kunst metaphysische Abstraktionen (der Mensch als Held) in Konkreta (Statue des Leonidas).  Abstraktionen existieren nicht wirklich, sondern sie sind ein erkenntnistheoretisches Werkzeug – was existiert, sind Konkreta. Kunst ist darum eine universelle Sprache, weil sie unsere abstrakten Ideen sichtbar macht.

Kunst ist, mit anderen Worten, die Konkretisierung der grundlegenden Auffassung der Existenz, die der Künstler teilt, seines Lebensgefühls. Tatsächliche Geschehnisse sind nicht als solche für die Kunst relevant, sondern ihre metaphysische Bedeutung für den Menschen. Zeigt die Schlacht von Waterloo auf, dass der Mensch durch rationale Planung siegreich ist? Zeigt sie, dass purer Zufall über den Menschen herrscht? Zeigt sie, dass auch der größte Mensch am Ende scheitern muss? Das sind die metaphysischen Fragen, welche die Kunst bewegen. Solche Fragen machen zum Beispiel ein historisches Ereignis zu einem Motiv der Kunst.

Das Lebensgefühl

Auch Atheisten ergreift häufig das furchteinflößende Gefühl, dass ein übernatürlicher Überwacher ihre Taten aufzeichnet – die guten und die bösen, die tugendhaften und die lasterhaften – und sie am Tag des jüngsten Gerichts für diese Taten beurteilen wird. Dieser Mythos ist wahr – nicht metaphysisch, aber psychologisch. Der Überwacher ist der integrierende Mechanismus des Unterbewusstseins. Die Aufzeichnung heißt „das Lebensgefühl“.

Das Lebensgefühl wird durch einen Vorgang der emotionalen Abstraktion gebildet. Dabei werden Erfahrungen aufgrund der Gefühle, die sie hervorrufen, klassifiziert und integriert. Welche Werte für einen Menschen wichtig sind, welche Gefühle sie bei ihm auslösen und wie er in Bezug auf sie handelt, hängt von seinem Selbstbild ab, und fließt in sein Lebensgefühl hinein.

Es ist ebenso möglich – und besser -, dass ein Mensch seine Werturteile nicht unbewusst integriert, sondern sie konzeptuell von einer bewusst gewählten Metaphysik ableitet. Dann resultieren seine Gefühle aus seinen überzeugten Urteilen. Die Gefühle folgen dem Verstand. Ein solcher Mensch denkt philosophisch. Sein Lebensgefühl ist die Folge bewusster Entscheidungen, auch wenn er das Lebensgefühl selbst nicht direkt bewusst wählen kann.

Die Taten, zu denen wir uns entscheiden, machen uns zu den Menschen, der wir sind. Ob wir uns unsichtbaren Kräften ausgeliefert fühlen, ob wir uns als Schöpfer, als Widerstandskämpfer, als Kraft der Versöhnung empfinden, hängt von unseren Entscheidungen im Leben ab, die unser Selbstbild formen. In seinem Kunstwerk bringt ein Künstler dieses Lebensgefühl zum Ausdruck.

Die Beurteilung von Kunst

Man beurteilt Kunst anhand der Frage, wie klar der Künstler sein Lebensgefühl mit seinem Werk zum Ausdruck gebracht hat. Der konkrete Inhalt der Metaphysik ist kein Kriterium für die Bewertung von Kunst. Auch ein nihilistischer oder pessimistischer Künstler kann ein großes Kunstwerk erschaffen. Die Beurteilung von Kunst orientiert sich also an formellen Kriterien. Näher definiert werden diese von der Ästhetik.

Ästhetische Abstraktionen werden durch das Kriterium der „Wichtigkeit“ gebildet. Ein Künstler fälscht nicht die Realität – er stilisiert sie. Der rote, runde Apfel in einem bildenden Kunstwerk wird von allen Menschen als Apfel wiedererkannt – obwohl noch nie jemand einen solch idealisierten Apfel in seiner Alltagserfahrung gesehen hat. Der Apfel der Kunst wurde auf seine essenziellen, wichtigsten Eigenschaften zurückgeführt. Der Künstler lässt bestimmte Aspekte der Realität aus, die er für metaphysisch unbedeutend erachtet. Er isoliert und betont die Aspekte, die für ihn wichtig sind. Die Selektion ist die Bewertung des Künstlers. Man erkennt, warum die bloße Fotografie eines Apfels keine Kunst sein kann.

Die Wahrheit oder Falschheit der Philosophie eines Künstlers ist nicht Gegenstand der ästhetischen Bewertung. Allerdings kann ein widerstrebendes Lebensgefühl den Genuss eines Werkes behindern. Es ergibt also manchmal durchaus Sinn zu sagen, dass man objektiv ein großes Kunstwerk vor sich hat, das man aber persönlich nicht mag.

Der Gegenstand eines Kunstwerks drückt eine Sichtweise der menschlichen Existenz aus. Der Stil drückt eine Sichtweise des menschlichen Geistes aus. Der Gegenstand enthüllt die Metaphysik eines Künstlers, der Stil enthüllt seine Psycho-Epistemologie – den Zusammenhang zwischen seiner unbewussten und seiner bewussten Erfahrung. Ein Betrachter mit einem rationalen Geist wird in der Regel ein Kunstwerk mit einem klaren, präzisen Stil ansprechend finden. Ein Künstler mit einem rationalen Geist wird ein Kunstwerk mit einem klaren, präzisen Stil erschaffen. Das Thema verbindet den Gegenstand mit dem Stil. Das Thema eines Kunstwerks ist der Kern der abstrakten Bedeutung des Werks.

Eine objektive Bewertung eines Kunstwerks erfordert, dass man das Thema eines Künstlers identifiziert, also die abstrakte Bedeutung seines Werks, wobei man ausschließlich das Werk selbst als Quelle von Belegen akzeptiert. Dann beurteilt man, wie der Künstler das Thema kommuniziert – man zieht also das Thema des Kunswerkes als Kriterium heran und bewertet die rein ästhetischen Elemente des Werkes, die technische Umsetzung der Lebensauffassung des Künstlers.

Die Natur der Kunst

Nicht alles ist Kunst und es liegt auch nicht „im Auge des Betrachters“, was Kunst ist. Kunst spielt eine bestimmte Rolle im menschlichen Leben und sie hat eine bestimmte Identität, wie alles eine bestimmte Identität hat. Eine Darstellung ohne metaphysischen Gehalt, wie die sogenannte abstrakte Kunst, kann eine schöne Dekoration sein – aber sie ist keine Kunst. Ebenso können Möbelstücke neben ihrem utilitaristischen Zweck ästhetisch ansprechend sein – aufgrund ihres Mangels an einem metaphysischen Gehalt fallen sie nicht unter die Kategorie der „Kunst“.

Kunst dient keinem praktischen, materiellen Zweck, sondern sie dient der kontemplativen Betrachtung. Die Kunst dient auch keinem didaktischen Zweck, wie es etwa ein Propagandaposter oder ein mittelalterliches Morality Play tut. Kunst ist schließlich kein Medium der direkten Übertragung der Realität, wie eine journalistische Geschichte oder eine Fotografie.

Da da Streben eines rationalen Menschen nach Werten unbegrenzt ist, benötigt er gelegentlich einen Augenblick Ruhe, in dem er das Gefühl einer vollbrachten Aufgabe genießen kann. Das Gefühl, in einem Universum zu leben, in dem er seine Werte erreicht hat. Energie, um weiterzustreben. Sein real gewordenes Lebensgefühl zu erfahren zeigt dem Menschen, wie es wäre, in seiner idealen Welt zu existieren. Kunst gibt ihm diese Erfahrung und die Energie, seinen Weg fortzusetzen.

Kunst ist zudem ein unverzichtbares Medium für die Vermittlung eines moralischen Ideals. Menschen orientieren sich häufig an literarischen Heldenfiguren. Was würde Jesus Christus tun? Was würden Harry Potter oder Howard Roark tun? Dies kann man sich viel leichter und schneller vorstellen, als müsste man jedes Mal eine ethische Theorie auf die konkrete Situation anwenden, in der man sich befindet. Zwar kann Kunst keine Ethik ersetzen, aber sie kann ethische Ideale fassbar machen.

(Wird ergänzt…)

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